Certain Women

In „Certain Women“ erzählt Kelly Reichardt in drei sich sehr lose überschneidenden Miniaturen und mit einem großartigen Ensemble von mehreren Frauen in Montana. Laura Dern ist eine abgeklärte Anwältin, Michelle Williams eine angespannte Häuslebauerin und Kirsten Stewart eine sehr junge, sehr unsichere Juraabsolventin, in die sich Lily Gladstone als schweigsame Pferdepflegerin verliebt. Mit trockenem Humor und in sorgfältig beiläufig arrangierten Bildern erzählt Reichardt von alltäglichen und unausgesprochenen Gefühlen.

Webseite: fsk-kino.peripherfilm.de

USA  2016
Regie: Kelly Reichardt
Drehbuch: Kelly Reichardt
Kamera: Christopher Blauvelt
Musik: Jeff Grace
Darsteller: Michelle Williams, Jared Harris, Laura Dern, Kristen Stewart, Lily Gladstone, James Le Gros
Länge: 107 Minuten
Verleih: Peripher Filmverleih
Kinostart: 2.3.2017

FILMKRITIK:

Kelly Reichardt ist eine Meisterin der fast unmerklichen Überhöhung des Alltäglichen. In „Wendy und Lucy“ erzählte sie von einer jungen Frau, die nach Kanada will und unterwegs ihren Hund verliert. Der Ton ist trocken, die Bilder irreführend sachlich und emotionalisierende Musik nicht vorhanden und doch ist die Geschichte von fast unerträglicher Traurigkeit. In „Night Moves“, in dem junge Umweltaktivisten einen Anschlag auf einen Staudamm verüben, verfolgte Reichardt mit unglaublicher Ruhe und Akribie die Details der Ausführung und entwickelte daraus eine sich ganz langsam immer mehr intensivierende Spannung.
 
In ihrem jüngsten Film „Certain Women“ hat Reichardt drei Kurzgeschichten  aus Maile Meloys Kurzgeschichtensammlung „Both Ways Is the Only Way I Want It“ verfilmt. Alle Episoden tragen sich in Montana zu und es gibt ganz lose Überschneidungen zwischen den einzelnen Geschichten, aber eigentlich sind es eigenständige Miniaturen einer Reihe von Frauen, von „certain women“ eben – wobei das „certain“ (zu Deutsch: gewisse) im Titel einen eigenartigen und etwas altmodischen Beiklang von Gerücht, Hörensagen oder Verschwörung hat. So als ob es sich um ganz spezielle, besondere Frauen handeln würde, von denen Reichardt hier nur unter dem Mantel der Verschwiegenheit berichten könnte.
 
Laura Dern ist die Anwältin Laura Wells, die entnervt einen aussichtslosen Fall für einen Klienten namens Fuller betreut, der einfach nicht aufgeben will. Erst als Wells ihn zu einem männlichen Kollegen schleppt, der ihm dasselbe erzählt, gibt Fuller auf – und nimmt in der darauf folgenden Nacht Geiseln an seiner ehemaligen Arbeitsstätte. Mehr oder weniger freiwillig stellt Wells sich als Austauschgeisel zur Verfügung. In der zweiten Episode spielt Michelle Williams eine überorganisierte Managerin und Mutter einer Teenagerin, deren aktuelles Projekt es ist, einem Nachbarn einen Haufen originalen Sandstein abzuschwatzen, den sie in ihr „authentisches“ Hausprojekt integrieren will. Und schließlich ist da noch eine winterliche Liebesgeschichte: Kirsten Stewart spielt die verpeilte Juraabsolventin Beth, die in einem kleinen Kaff einen Kurs für Lehrer über die rechtlichen Grundlagen des Lehrberufes gibt, zu dem sie jedes Mal vier Stunden Anreise von Livingstone anreist, was sie auch in jedem Gespräch erwähnt. Zu ihren Schülerinnen gehört die Pferdepflegerin Jamie, die durch Zufall in den Kurs stolpert und verliebt bleibt.
 
In seiner episodischen Struktur entfaltet „Certain Women“ nicht den Sog von „Night Moves“, eher fließt der Film gelassen von einer Situation zur nächsten, die er alle mit der gleichen wachen Aufmerksamkeit betrachtet. Ein sehr trockener Humor und ein Interesse für die kleinen Details ziehen sich durch. Es geht nicht um die großen Gefühle wie Liebe und Hass, eher um ein Schwanken zwischen Abgeklärtheit und Mitleid, wie Laura Wells es gegenüber Fuller empfindet, oder um die kleinen Familienaggressionen, die in Michelle Williams Kleinfamilie kursieren, oder um das Zusammenspiel von schüchterner Hoffnung und sanfter Resignation, das Beth bewegt. Sogar die Ausnahmesituation der Geiselhaft ist für Reichardt Anlass, kleine Genervtheiten durchzudeklinieren.
 
„Certain Women“ erzählt von Alltagsgefühlen ganz normaler Frauen, die sich in mehr oder minder alltäglichen Zwickmühlen befinden und mit den üblichen Kompromissen durchschlagen. Reichardt inszeniert ihre Heldinnen betont undramatisch und zugleich mit größter Präzision. Ihre Bilder geben sich beiläufig, sind aber ebenso immer auf der Suche nach einer Poesie von Licht und Kadrierung wie man sie auch bei Antonioni findet.
 
Hendrike Bake