Charlatan

Die polnische Filmemacherin Agnieszka Holland erzählt in ihrem biographischen Historiendrama vom Leben des tschechischen Wunderheilers Jan Mikolášek, der seine Patienten mit pflanzlichen Medikamenten und Kräutern behandelte – und in einem totalitären Staat Opfer eines politischen Schauprozesses wurde. „Charlatan“ ist das vielschichtige, brillant fotografierte und mit üppigen Dekors ausgestattete Porträt einer widersprüchlichen Figur, das sich inhaltlich und formal von typischen Lebenslauf-Verfilmungen löst.

Website: www.pro-fun.de

Tschechien, Irland, Slowakei, Polen 2020
Regie: Agnieszka Holland
Drehbuch: Agnieszka Holland
Darsteller: Ivan Trojan, Joachim Paul Assböck, Josef Trojan,
Jana Kvantiková, Juraj Loj, Claudia Vaseková
Länge: 118 Minuten
Kinostart: 14. Januar 2021
Verleih: Pro-Fun Media

FILMKRITIK:

Im Mittelpunkt des auf wahren Ereignissen beruhenden Films steht der Heiler Jan Mikolášek (Ivan Troan), der sich schon früh für alternative Heilmethoden und Kräuterkunde interessiert. Bereits als junger Erwachsener stehen die Menschen in seiner eigenen Praxis Schlange, denn die Fähigkeiten des Gärtnersohns sind beachtlich. So ist er in der Lage, anhand des Urins seiner Patienten deren Krankheiten zu diagnostizieren. Und seine aus Heilpflanzen bestehenden Tees wirken Wunder. Doch nicht jedem sind die unorthodoxen Heilmethoden geheuer. Manche sehen in Mikolášek nur einen Scharlatan und Betrüger, der sich an den Kranken bereichern will. Auch der restriktiven tschechoslowakischen Regierung ist Mikolášek ein Dorn im Auge. Und dass, obwohl die Staatssicherheit noch nicht einmal von seinem größten Geheimnis weiß: seiner Homosexualität.

Der Zwiespalt und die Gegensätze zwischen privaten, intimen Gefühlen und den Verquickungen mit der Politik oder dem Behördenapparat sind ein beliebtes Thema im filmischen Schaffen von Agnieszka Holland („Bittere Ernte“). In ihrem Anfang 2019 unter anderem in Mittelböhmen gedrehten „Charlatan“ geht es um einen hochinteressanten, ambivalenten Charakter, der ebenfalls in dieses Spannungsfeld gerät. Jan Mikolášek war eine schwer zu durchschauende Person mit einem Hang zu widersprüchlichen Ansichten und Verhaltensweisen.

Der famose Hauptdarsteller Ivan Trojan verleiht seiner Figur eine fast unerträgliche psychologische Tiefe. Es gelingt ihm allein durch seine (eiskalten) Blicke und Gesten, die ganze Widersinnigkeit von Mikolášeks Emotionen und fragilem Gefühlsleben nach außen zu kehren: Momente des befreienden Glücks folgen auf unterwartete Wutausbrüche und unvermittelte Stimmungsschwankungen. Die Interaktion zwischen Juraj Loj, der Mikolášeks charismatischen, stets loyalen Assistenten und Liebhaber František spielt, stimmt jederzeit. Zudem wirken die (Liebes-)Szenen der Beiden nie gekünstelt oder aufgesetzt. Beide leben sie vordergründig ein braves Familienleben (sowohl Mikolášek als auch František haben Ehefrauen), und beide können sie in der von Terror geprägten, einschüchternden stalinistischen Ära ihre wahren Gefühle nicht offen zeigen.

Holland legt ihren Schwerpunkt allerdings nicht auf das Politische. Mehr noch: Sie vernachlässigt die politischen Aspekte und Verwicklungen bisweilen sogar. Das ist schade, denn nicht zuletzt hieran verdeutlicht sich Mikolášeks bisweilen antagonistische Rolle als Profiteur des Machtapparats. Einerseits bereicherte er sich an den Entscheidern und Mächtigen im Land, da viele wichtige Personen aus Politik, Kultur und Verwaltung zu seinen Patienten zählten. Die Behandlung von NS-Parteibonzen sowie hochrangigen Kommunisten verschafften ihm Ansehen und Reichtum. Gleichzeitig aber war es am Ende die Politik, die ihn vor Gericht und damit zu Fall brachte. Denn Mikolášek wurde später Opfer eines politisch motivierten, initiierten Schauprozesses.

Dennoch ist „Charlatan“ in der Gesamtbetrachtung ein ungemein stimmiger, toll ausgestatteter Film mit einer kraftvollen Bildsprache, der es schafft, den Zuschauer glaubhaft in die Zeit des Kalten Krieges der 50er-Jahre zu versetzen. Und: Holland ist und bleibt eine Meisterin der Verbindung unterschiedlicher Handlungsstränge sowie der dramaturgisch sinnvollen Verflechtung der Zeitebenen. Ihr Wechsel zwischen den in der Gegenwarts-handlung verorteten Szenen vor dem Hintergrund der Haft einschließlich des Schauprozesses 1957 und den Sprüngen in die Vergangenheit (Mikolášeks Verhältnis zum Vater, seine „Ausbildung“ zum Wunderheiler u.a.), erweisen sich als passend, bruchlos und harmonisch.

Björn Schneider