Charlies Welt – Wirklich nichts ist wirklich

Wenn Roman Coppola, kreativer Kompagnon Wes Andersons und Sohn einer Regie-Legende, einen Film mit Charlie Sheen dreht, darf man gespannt sein. Stilistisch in den Siebzigern verortet, mit vielen schrägen Einfällen und einer eher losen Struktur, ähnelt das Ergebnis einem halbgeglückten Selbstfindungstrip. Dazu gibt’s überraschend gut aufgelegte Hauptdarsteller und viele bekannte Gesichter (u.a. Bill Murray, Patricia Arquette, Jason Schwartzman).

Webseite: www.neuevisionen.de

OT: A Glimpse Inside the Mind of Charles Swan III
USA 2012
Regie & Drehbuch: Roman Coppola
Musik: Liam Hayes
Darsteller: Charlie Sheen, Jason Schwartzman, Bill Murray, Katheryn Winnick, Patricia Arquette
Laufzeit: 88 Minuten
Verleih: Koch Media, Vertrieb: Neue Visionen
Kinostart: 2.5.2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Kaum ein Hollywood-Star lebte zuletzt ein derart öffentliches, von Skandalschlagzeilen begleitetes Leben wie Charlie Sheen. Seine Drogen- und Alkoholeskapaden, seine diversen Fehltritte und fragwürdigen Selbstinszenierungen führten schließlich zum Rauswurf aus der Erfolgs-Sit-Com „Two and a half Men“ und einem weiteren, scheinbar unkontrollierten Absturz. Roman Coppola, ein enger Weggefährte Wes Andersons und Sohn einer berühmten Schwester und eines sehr berühmten Vaters, ließ sich von solchen Vorfällen nicht abschrecken, als er ausgerechnet Sheen für seine zweite Regiearbeit anfragte. Diese spielt nicht zuletzt mit dem öffentlichen Bild des Hollywood-Schauspielers.

„Charlies Welt“ oder im englischen Original „A Glimpse Inside the Mind of Charles Swan III“ ist ein unkonventionelles, reichlich schräges Portrait eines in der Sinn- und Schaffenskrise befindlichen Künstlers. Der Name soll dabei weniger an den früheren „Two and a half Men“-Star als an den Designer Charles White III erinnern, der in den 1970er Jahren eine Reihe bis heute unvergesslicher Plattencover schuf. Charles (Sheen) ist ein emotionales Wrack seitdem seine große Liebe Ivana (Katheryn Winnick) ihn verlassen hat. Geplagt von Selbstzweifeln, Schuldgefühlen und schmerzhaftem Liebekummer sucht er ausgerechnet in der oberflächlichen Glamourwelt von L.A. nach Antworten. Auch sein bester Freund Kirby (Jason Schwartzman) und sein Manager Saul (Bill Murray) wirken mit Charles’ Abgleiten in die Depression gelegentlich überfordert. Um seine Ex zurückzuerobern, ist dem gekränkten Playboy schon bald jedes Mittel Recht.

„Charlies Welt“, welche im unverwechselbaren Look und Sound der Siebziger erstrahlt, setzt sich weniger aus einer durchgehenden, konsistenten Handlung als aus vielen losen Szenen, absurden Einfällen und Erinnerungsfetzen zusammen. Zu Coppolas verspielten und auch etwas albernen Ideen gehört es beispielsweise, Bill Murray in ein augenscheinlich viel zu enges Cowboy-Kostüm zu zwängen oder die Ästhetik trashiger B-Movies zu kopieren. Die Grenzen zwischen dem, was sich lediglich in Charlies Fantasie abspielt und dem realen Leben – wenn man hievon im Zusammenhang mit Los Angeles und Hollywood überhaupt sprechen kann – sind dabei fließend. Natürlich spielt Coppola immer wieder mit Charlie Sheens Image als notorischer Playboy und verlässlicher Skandallieferant. Das Gefühl, der stets sonnenbebrillte Sheen spiele keine Rolle sondern vor allem sich selbst, kann und will der Film zu keiner Zeit ablegen. Umso erstaunlicher ist es, wenn uns dieser hier bei allem ausgebreiteten Selbstmitleid fast schon als Sympathieträger erscheint.

Die enge kreative Verbundenheit zwischen Coppola und seinem Freund Wes Anderson bescherte uns erst vergangenes Jahr das Drehbuch zum wunderbaren „Moonrise Kingdom“. Auf sich alleine gestellt kann der Sohn des übergroßen Francis Ford Coppola diese Messlatte leider nicht halten. Dafür fehlt es „Charlies Welt“ an einem roten Faden und einer überzeugenden Entwicklung. Insbesondere das Ende kommt viel zu überhastet, was den Film, den Coppola selbst als „Jux“ beschreibt, seltsam unfertig, beinahe abgebrochen erscheinen lässt. Die Mitwirkung von Jason Schwartzman und Bill Murray muss man wohl auch eher als Freundschaftsdienst verstehen. Obgleich beide sichtlich Spaß an ihren wieder einmal schrägen Rollen und an den Dreharbeiten im Kreis vieler alter Kollegen hatten, bleiben ihre Auftritte kaum in Erinnerung. Wer wissen möchte, wie man sich in den Gedanken eines kreativen Genies auf intelligente und irritierende Weise verlieren kann, muss somit weiterhin auf „Being John Malkovich“ zurückgreifen.

Marcus Wessel

Charlie ist ein Schwerenöter, das steht fest. Glücklicherweise hat er seinen Freund Kirby, der ihn manchmal wieder auf die richtigen Geleise bringt.

70 Prozent von Charlies Gehirn sind auf Sex ausgerichtet, 20 Prozent haben mit Geld und Position zu tun. Nur kleine Reste befassen sich mit sozialen, gesellschaftlichen Dingen.
Charlie liebt Ivana sehr. Allerdings hat er Pech. Denn eines Tages findet sie die Schublade mit den Fotos aller Verflossenen. Und das sind viele. Sie wird ihn verlassen, wirft ihm ihre Schuhe an den Kopf. Und das sind ebenfalls viele.

Als Charlie Ivanas Schuhe entsorgen will, hat er mit seinem Cadillac-Oldtimer einen Unfall. Jetzt muss er ins Krankenhaus. Und da nun schwirren ihm seine Erlebnisse und seine Phantasien durch den Kopf; sogar Todesphantasien von seiner Beerdigung, von den Tänzen, die die Frauen seines Lebens an seinem Grab vollführen. Oder eine andere Szene, als es den ersten Streit gab: nachdem Ivana das Diaphragma einer anderen Frau entdeckt hatte.

Doch er hat auch schöne Vorstellungen: z. B. dass er Ivana aus den Händen von Bösewichten befreit – schon in der Schule und später von den Nazis.

Er muss Ivana noch einmal sehen und sprechen. Kirby rät ihm, das mit Hilfe einer Wanze und eines Empfangsgerätes zu versuchen. Technisch klappt es, aber mit Ivana klappt es ganz und gar nicht.

Eine dramatisch gut verfasste Handlung gibt es nicht. Es sind Spotlights auf das Leben eines Hallodri. Da spielen der Sex, der Tanz, Charlies windiger Charakter, sein Narzissmus und trotzdem auch ein gewisses Charisma, Kirbys Freundschaft, Ivanas Charme, skurrile und originelle Einfälle, die Waffen der Frauen gegen die Männer, das ganze Design und Ambiente eine Rolle.

Es ist auf jeden Fall unterhaltsam anzusehen. Und Charlie Sheen, so verrückt er sich sonst aufführen mag, spielt das alles phantastisch. Er wird hervorragend assistiert von Bill Murray als seinem Anwalt und Manager sowie von Katheryn Winnick als Ivana, Patricia Arquette als seiner Schwester Izzy und Jason Schwartzman als Kirby.

Thomas Engel