Chevalier

Welch perfider Plot: Eine Regisseurin sperrt sechs Männer in eine Luxus-Yacht und lässt sie zum Gockel-Rennen antreten. "In allem der Beste!" nennt sich das fiese Gesellschaftsspiel, bei dem die Herren mittleren Alters sich groteske Prüfungen ausdenken und ihre Konkurrenten gnadenlos bewerten, bis ein Sieger feststeht. Auf begrenzten Raum ohne Fluchtmöglichkeit entfaltet sich die Gruppendynamik bekanntlich besonders erbarmungslos. Bald bröckeln die Fassaden, Intrigen werden gesponnen und es trennt der Macho-Weizen sich vom Softie-Spreu. Doch mancher, der als eitler Tiger springt, landet als kümmerlicher Bettvorleger. Die alte Grönemeyer-Frage geht auch als köstliche griechische Tragödie: Wann ist ein Mann ein Mann?

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Griechenland 2014
Regie: Athina Rachel Tsangari
Darsteller: Yorgos Kentros, Vangelis Mourikis, Sakis Rouvas, Panos Koronis, Makis Papadimitriou, Yorgos Pirpassopoulos
Filmlänge: 94 Minuten
Verleih: Rapid Eye Movies
Kinostart: 21. April 2016
 

FILMKRITIK:

Eine Seefahrt die ist lustig, eine Seefahrt die ist schön. Für sechs Griechen gerät der Trip auf einer Luxus-Yacht jedoch zur existenziellen Bewährungsprobe. Die gut situierten Herrschaften plagt nach dem gemeinsamen Tauchurlaub die Langeweile, so ersinnt man in geselliger Runde ein Spiel mit dem Namen "In allem der Beste!". Dabei dürfen sich alle Teilnehmer je eine groteske Prüfung ausdenken. Jeder bewertet jeden. Wer am Ende der Reise in Athen die meisten Punkte verbucht, bekommt jenen titelgebenden "Chevalier", den Ring für den Sieger.
 
Der Auftakt gerät harmlos, da geht es lediglich um richtigen Antworten bei einem Quiz, den coolsten Klingelton des Handys oder die besten Putztechniken für Schiffsfenster und Tafelsilber. Als zusätzliche Erschwernis werden freilich nicht nur die Ergebnisse der Aufgaben bewertet, sondern zudem das gesamte Verhalten jedes Spielers. Fortan steht alles auf dem kollektiven Prüfstand: Von der falschen Köperhaltung beim Schlafen über die verwerfliche Nutzung von Kondensmilch zum Kaffee bis zum vermeintlich perfekten Frittieren von Tintenfischen. Natürlich dauert es nicht lange, bis das beste Stück des Mannes zum heißen Zankapfel wird. Die einen wollen wahre Größe zeigen und verlangen dazu den kollektiven Fotobeweis mit heruntergelassenen Hosen. Den anderen scheint solch schnöder Penisvergleich kleinlich, sie verweisen lieber auf ihre große Erfolgsquote als Verführer. 
 
Das Spektrum der illustren Herrenpartie reicht vom eleganten, erfolgreichen Arzt in den 60ern bis zum pummeligen Versager Dimitri, der auch mit Mitte 30 noch bei der Mama lebt. Dessen aufbrausender Bruder Yannis, ein ehrgeiziger Versicherungsmakler, sorgt für die aggressiven Elemente, was den Schönling Yorgos, gleichfalls ein Mediziner, allerdings kaum beeindruckt. Derweil Joseph und Christos, die kleinen Machos mit großem Bart, ohnehin ihr eigenes Süppchen köcheln. Aller Unterschiede zum Trotz einigt die gemeinsame Schnittmenge: Nur Leistung zählt – und alle Bluffs und Tricks sind erlaubt, um eigene Schwächen zu übertünchen!  
 
Mit "Attenberg" präsentierte die Griechin Athina Tsangari vor fünf Jahren ein viel beachtetes Drama über Frauen, das in Venedig preisgekrönt wurde. Nun wechselt sie die Seiten und bietet einen amüsiert weiblichen Blick auf die skurrilen Rituale der Männer-Welt. Die Herren der Schöpfung entpuppen sich bei ihrer grotesk gockelhaften Konkurrenz-Show als ebenso eitel wie unsicher, sind rücksichtslos und weinerlich zugleich. Derweil bleibt die Regisseurin selbst bei ihrer Versuchsanordnung gnadenlos. Wenn es um Blutsbrüderschaft geht, ritzt Mann sich, besorgt um spätere Narben an der gepflegten Hand, lieber die Arschbacke auf. Welch griechische Tragödie!
 
Dieter Oßwald