Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde

Was für eine erstaunliche Geschichte: Mit Glück und Geschick überlebte die französische Jüdin Martha Cohn im besetzten Frankreich und wurde zur Spionin. Nicht immer nutzt Regisseurin Nicola Alice Hens in ihrem Debütfilm „Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde“ das ganze Potential der Geschichte aus, doch die fast hundertjährige Cohn ist eine so bemerkenswerte Person, so dass dieses Manko kaum ins Gewicht fällt.

Webseite: www.missingfilms.de

Dokumentation
Deutschland 2018
Regie & Buch: Nicola Alice Hens
Länge: 86 Minuten
Verleih: missingFILMs
Kinostart: 17. September 2020

FILMKRITIK:

Im April 1920 wurde Marthe Hoffnung im französischen Metz geboren, in Lothringen, unweit der deutschen Grenze. Was wichtig ist, denn so lernte Marthe perfekt Deutsch zu sprechen, eine Fähigkeit, die für ihren späteren Lebensweg noch von Bedeutung sein sollte. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs und der Kriegserklärung Frankreichs an Deutschland, muss die Familie ins Landesinnere ziehen, nach Poitiers, in das was zunächst die Freie Zone, später der Bereich des Vichy-Regime sein wird.

Durch Glück und helfende Hände überlebt Marthe, im Gegensatz zu ihrer Schwester Stéphanie und ihrem Verlobten Jacques. Auch um deren Tode zu rächen, lässt sie sich darauf ein, gegen die Deutschen zu spionieren, schafft es nach vielen Versuchen, die Grenze zum Deutschen Reich zu überqueren und nach Freiburg zu gelangen. In den letzten Monaten des Krieges kommt ihr so tatsächlich eine wichtige Rolle zu: Durch Zufall erfährt sie von Stellungen deutscher Soldaten, die an der letzten Verteidigungslinie des untergehenden Reiches, dem Westwall, auf die alliierten Truppen lauern und kann diese warnen.

Für ihre Leistungen als Spionin bekommt Marthe nach dem Krieg lange keine Anerkennung,  erst Mitte der 90er meldet sie sich bei Steven Spielbergs Shoah-Foundation, erzählt von ihren Erlebnissen und beginnt ein zweites Leben als Zeitzeugin. Selbst heute, da sie bald ihren 100. Geburtstag feiern wird, reißt Marthe Cohn unermüdlich um die Welt, hält Vorträge, um die Erinnerung an die Vergangenheit am Leben zu halten.

Bei etlichen dieser Reisen wurde sie von der deutschen Regisseurin Nicola Alice Hens begleitet und beobachtet: Bei der Interaktion mit den oft jungen Zuhörern, die gebannt an den Lippen der immer noch hellwachen, pointiert erzählenden Dame hängen, die trotz ihrer winzigen Gestalt eine große Person ist. Unterstützt wird Marthe von ihrem Mann Major, den sie nach einem Aufenthalt in Indochina in den 50er Jahren kennen lernte und mit dem sie bald danach nach Amerika emigrierte. Lange Jahre war Marthe seine Assistentin, heute haben sich die Rollen umgedreht: Er trage ihren Ordnen und sei Souffleur beschreibt Major einmal ironisch seine Funktion in Straff organisierten Leben Marthes.

Etwas viel zeit lässt sich Hens damit, die Gegenwart zu beschreiben, reiht Bilder von Reisen und immer neuen Hotelzimmern aneinander, braucht sehr lange, bis sie zum eigentlich spannenden Part von Marthe Cohns Leben kommt. Das Problem, dass es für die Zeit der Résistance, die Spionagetätigkeit kaum Bilder gibt, löst Hens geschickt. Einige animierte Sequenzen füllen Lücken, vor allem aber zeitgenössische Aufnahmen von den beschriebenen Schauplätzen. Grenzmarkierungen sind zu sehen, einsame Wege durch die Wälder der französisch-deutschen Grenzregion, längst vom Moos überwachsene Panzersperren, letzte Hinweise auf das was einmal der Westwall war. In diesen Momenten findet Hens eindrückliche filmische Lösungen, die dem erstaunlichen Leben ihrer Hauptfigur gerecht werden.

Michael Meyns