Chinese zum Mitnehmen

Ricardo Darin dürfte vielen Filmfreunden noch aus "In ihren Augen" bekannt sein. In "Chinese zum Mitnehmen" mimt er einen schwermütigen und einsamen Metallwaren-Händler in Argentinien. Eines Tages läuft er einem hilfsbedürftigen Chinesen über den Weg. Der eine spricht nur Spanisch, der andere nur Chinesisch. Einer skurrilen Culture-Clash-Komödie steht nichts mehr im Wege – in Argentinien und Spanien übrigens schon ein großer Erfolg.

Webseite: www.chinesezummitnehmen.de

Spanien/Argentinien 2011
Regie und Buch: Sebastián Borensztein
Darsteller: Ricardo Darin, Muriel Santa Ana, Ignacio Hung
Originaltitel: Un Cuento Chino
Laufzeit: 93 Min.
Verleih: Ascot Elite Entertainment
Kinostart: 05. Januar 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Roberto (Ricardo Darin) lebt isoliert und einsam, Verwandte gibt es nicht mehr, auch keine Freunde. Er lässt keinen nah an sich heran, noch nicht einmal die nette und quirlige Mari (Muriel Santa Ana). Mürrisch führt er einen kleinen Metallwarenladen. Das einzige was ihn ernsthaft aufregt, sind die ungenauen Schrauben-Lieferungen. Jede einzelne wird gezählt, nie stimmt das Ergebnis mit den Angaben überein. Seine einzigen Hobbys sind das Sammeln merkwürdiger Geschichten, die er aus diversen Zeitungen ausschneidet und das Beobachten von Flugzeugen. So geht es Tag für Tag – bis der junge Chinese Jun (Ignacio Huang) ihm zufällig über den Weg läuft. Er ist erst kurze Zeit in Argentinien, scheint in Not zu sein, kann aber kein Spanisch und Roberto kein Chinesisch. Trotzdem nimmt Roberto den geheimnisvollen Chinesen unter seine Fittiche, um mit ihm dessen Verwandte ausfindig zu machen. Damit beginnt eine, zuerst widerwillige Annäherung, eine Überwindung sprachlicher und kultureller Hürden, die beiden Einzelgängern allmählich neue Wege zu einem glücklicheren Leben ebnen könnte. Oder anders ausgedrückt: Sie bemühen sich, aus ihrer Isolation raus kommen.

Man fühlt sich an die Stilistik eines Aki Kaurismäki erinnert. Spärliche Dialoge, trockener Humor – genauestens platziert, Komik, die sich mit melancholischen Sequenzen mischt. Die Farben sind im Gegensatz zu dem Filmen des Finnen reduziert, manchmal gehen sie in Sepia-Töne über. Eine skurrile Culture-Clash-Komödie und dritter Spielfilm des Regisseurs, Drehbuchautors und früheren TV-Serien-Produzenten Sebastián Borenzstein, dessen Darsteller authentisch und souverän agieren.

Die Einführungsszene, bei der in China eine Kuh vom Himmel und auf das Boot eines Liebespaares fällt, wirkt allerdings verwirrend. Das ist das eigentlich Interessante an diesem Film. Der Schnitt nach Argentinien in die Tristesse des Roberto überrascht und irritiert. Das gleiche gilt für das unsichere Gefühl, das die Figur des Roberto wie den Zuschauer umgibt. Denn wir verstehen Roberto, aber den Chinesen Jun verstehen wir ebenfalls nicht (sprachlich – er wird nicht untertitelt). Wie der Metallwaren-Händler müssen wir uns nach und nach an die andere Figur herantasten und sie verstehen lernen. Borenzstein gibt uns die Zeit. Die sparsamen Einblicke in die Umgebung, die nicht bedeutsam ist, fördern die Konzentration auf die Personen, die nie der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Dieser Prozess ist für alle nicht nur unterhaltend, sondern auch spannend und sehr kurzweilig. Vor allem kurbelt er die Phantasie an, mit der wir letztlich verstehen können, warum die Kuh anfangs vom Himmel fiel und wie dieses Phänomen in der Geschichte einzuordnen ist. Wahre Begebenheiten und Absurditäten sind manchmal nicht zu trennen.

Der Film bezieht sich auf eine wahre Begebenheit. In Ostasien soll tatsächlich eine Kuh vom Himmel gefallen sein.

Heinz-Jürgen Rippert

Roberto betreibt in Buenos Aires ein kleines Eisenwarengeschäft. Er lebt allein, verehrt seine verstorbene Mutter. Sein Zeitvertreib besteht darin, in Zeitungen kuriose Geschichten zu sammeln.

Aber was hat ihn so einsam, so mürrisch, so verschlossen, so kleinlich gemacht? Im Laufe der Handlung erfährt man es. Es waren die schlimmen Erlebnisse im Falkland-Krieg zwischen Argentinien und England.

Der junge Chinese Jun – durch den Sturz einer Kuh aus einem russischen Transportflugzeug hat er seine Verlobte verloren (eine wahre Geschichte, eine von denen, die Roberto sammelt) – wird ausgeraubt und zu Boden geschlagen. Roberto fährt gerade vorbei. Jun bittet ihn um Hilfe. Er nimmt ihn mit.

Und er versucht auch, ihn wieder loszuwerden – vergeblich. Jun findet seinen Onkel nicht, die chinesische Botschaft will den jungen Mann nicht. Auf der Straße und im Regen kann Roberto ihn aber nicht stehen lassen.

Schwierig. Die beiden sprechen eine unterschiedliche Sprache, keiner versteht den andern. Und überhaupt: Roberto ist ein derartiger Einzelgänger, dass er selbst Mari, die ihn liebt, immer wieder fortschickt.

Jun und Roberto müssen nun eben solange miteinander auskommen, bis eine Lösung in Sicht ist. Aber oh Wunder: Der schwierige und doch menschlich gebotene Aufenthalt des Fremden bewirkt bei Roberto so etwas wie eine Katharsis. Er kommt zur Besinnung und wird danach ein anderer Mensch sein.

Roberto fährt zu Mari. Die wird nun nicht mehr allein leben müssen.

Ein einfacher Film mit einer beachtlichen moralischen Wirkung. Zutiefst echt spielt Ricardo Darin diesen zurückgezogenen Eisenwarenhändler, dem das Schicksal sozusagen einen chinesischen Stoß versetzt, damit der wieder zum Leben erwacht.

Das Ambiente stimmt, die unspektakuläre Handlung stimmt, die gelegentlich humorvolle Auflockerung stimmt, Robertos Wandlung stimmt, selbst die verrückte Geschichte mit der über dem chinesischen Meer vom Himmel gefallenen Kuh ist authentisch.

Ein schöner Film.

Thomas Engel