Cloud Atlas

Das „Matrix“-Duo Lana und Andy Wachowski samt „Parfum“-Macher Tom Tykwer inszenieren als Regie-Trio mit einem Staraufgebot von Tom Hanks bis Hugh Grant ein imposantes Spektakel über Freiheit und Wiedergeburt, das in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichermaßen spielt, ein halbes Dutzend Genres vermischt und die Akteure in mehrfachen Rollen auftreten lässt. Klingt kompliziert? Bietet in seiner lässigen Verspieltheit jedoch grandioses Vergnügen und kommt gänzlich unangestrengt daher. Mit einem Mega-Budget von 100 Millionen Dollar hat Produzent Stefan Arndt dieses Mammut-Projekt als teuerste deutsche Produktion auf die Beine gestellt. Das Ergebnis ist eine verwegene Wundertüte mit famosen Wow-Effekten. Wenn Philosophie auf pompöses Popcorn-Kino trifft, wird Tom Hanks zur personifizierten Schachtel multipler Persönlichkeits-Pralinen: Man weiß nie, was man bekommt. Ganz großes (Programm-)Kino!

Webseite: www.cloudatlas-derfilm.de

USA / Deutschland 2011
Regie: Lana Wachowski, Andy Wachowski, Tom Tykwer
Darsteller: Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Hugo Weaving, Hugh Grant, Jim Sturgess, Doona Bae, Ben Whishaw, James D’Arcy, Zhou Xun, Keith David, Susan Sarandon
Filmlänge: 163 Minuten
Verleih: X Verleih
Kinostart: 15.11.2012

PRESSESTIMMEN:

Sechs Geschichten, die 500 Jahre umfassen, von der Mitte des 19. Jahrhunderts mit den Schrecken der Sklaverei bis in eine ferne Zukunft. Eine Achterbahnfahrt der Epochen und Filmgenres – mal Historiendrama, mal Politthriller, Komödie oder Science Fiction-Vision. Nicht nacheinander, sondern parallel erzählt – ein Balanceakt in schwindelnder Höhe… ‘Cloud Atlas’ ist visuell faszinierend und einzigartig in seiner Erzählstruktur. Ein aufregendes Experiment ist es allemal.
ZDF Heute Journal

FILMKRITIK:

„Ja, ist das nicht der…?”, diese Frage wird man sich bei diesem Film sicher mehrfach stellen. Ein grantelnder Greis etwa erweist sich bei näherem Zusehen als Hugh Grant, hinter den Schlitzaugen eines coolen Koreaners blinzelt Jim Sturgess hervor derweil sich ein backenbärtiger Arzt ebenso wie jener bullige Autor als Tom Hanks entpuppt. Verschiedene Figuren in unterschiedlichen Zeiten werden von demselben Schauspieler verkörpert – dass der Wahnsinn Methode habe, davor warnt gleich zum Auftakt die Stimme des Erzählers aus dem Off.

Es ist tatsächlich ein wahnwitziges Unternehmen, sechs unterschiedliche Handlungsstränge, die ein halbes Jahrtausend umspannen, munter miteinander zu verknüpfen und dabei der These zu folgen, dass mehr Dinge zwischen Himmel und Erde zusammenhängen als es die Schulweisheit sich träumen lässt. Und dass, zweite These, alle Grenzen überwindbar wären.

Da wäre also der englische Anwalt Adam Ewing (Jim Sturgess), der anno 1849 einen entflohenen Sklaven rettet und auf der Schiffsreise von einem hinterhältigen Arzt (Tom Hanks) langsam vergiftet wird. 50 Jahre später erleben wir in Cambridge die Abenteuer des verarmten, schwulen Nachwuchskomponisten Robert Frobischer (Ben Whishaw), der die Symphonie seines Lebens schreiben will, selbst wenn er dafür seinen mürrischen Mentor (Jim Broadbent) töten muss. Dessen Musik wird im San Francisco von 1979 die engagierte Journalistin Luisa Rey (Halle Berry) begeistern, die eine Verschwörung der Atomindustrie aufdeckt und von einem Killer (Hugo Weaving) gejagt wird. Im London von heute versucht der gutmütige Verleger Timothy Cavendish (Jim Broadbent), seinen aufgebrachten Autoren (Tom Hanks) auf einer Party zu beruhigen, doch der schreibende Rabauke bestraft den eitlen Kritiker für den bösen Verriss kurzerhand mit einem Stoß von der Hochhausterrasse. Unfreiwillig landet der Verleger auf der Flucht durch eine Intrige seines Bruders (Hugh Grant) in einer als Hotel getarnten Irrenanstalt, wo eine böse Krankenschwester (Hugo Weaving) das Kommando hat. Im futuristischen NeoSeoul von 2144 schließlich kämpft eine Rebellengruppe in einer „Blade Runner“-Kulisse gegen eine finstere Diktatur und findet in einer geklonten Frau die ideale Anführerin. Last noch least herrschen in einer postapokalyptischen Zukunft im 24sten Jahrhundert Stammesfehden wie zu Urzeiten. Ein ziemlicher Feigling (Tom Hanks) wächst mit Unterstützung einer Frau (Halle Berry) jedoch allmählich zum großen Helden, der sogar den Teufel (Hugo Weaving) besiegt.

Als sichtbares Zeichen ihrer Seelenwanderschaft tragen die Figuren ein Muttermal in Form eines kleinen Kometen. Alles Handeln von heute, so die Botschaft, alle Verbrechen und jede gute Tat, haben Karma-Konsequenzen für das nächste Leben. Wobei das Streben nach Freiheit, so die zweite Kernaussage, allen Menschen zu allen Zeiten eigen und immer zu empfehlen ist. „Grenzen sind Konventionen, die man überwinden kann“, heißt es in den Dialogen einmal oder „Mein Leben reicht weit über meine Grenzen hinweg.“ Dieses Motto ist zugleich künstlerisches Konzept für das Regie-Trio, das bei seinen souveränen Zeitsprüngen den dramaturgischen Honig wie selbstverständlich aus ganz unterschiedlichen Genre-Blüten saugt: Politthriller und schwule Genie- Romanze, Science-Fiction-Epos und Senioren-Komödie, Kostümschinken und Stammeskriege wechseln sich ab und ergeben doch mit verblüffender Leichtigkeit ein zauberhaftes Ganzes. Selbst Slapstick hält dieses cineastische Überraschungsei bereit: „Du sagst nie mehr Sombrero-Schlampe zu mir!“ hat gute Chancen zum Kultspruch zu werden.

Den versammelten Oscar-Preisträgern macht ihr Kostümball mit massivem Maskenbildner-Einsatz sichtlich Vergnügen, insbesondere Jim Broadbent („Another Year“) überzeugt mit einer grandiosen Vorstellung. Dass in Deutschlands teuerster Produktion mit dem großartigen Martin Wuttke und Götz Otto lediglich zwei einheimische Schauspieler vertreten sind, mag irritieren. Tykwer erklärt die geringe Quote mit seinem Anspruch an die Stimmigkeit der Originalsprache. Aus einem Deutschen könne man sprachlich eben keinen überzeugenden Schotten machen.

Für „Lola rennt“ wurde Tom Tykwer einst mit der Hommage einer „Simspons“-Episode geadelt. Für dieses vergnüglich wilde „Cloud Atlas“-Opus würde man dem deutschen Kinovisionär nun diverse Oscars wünschen.

Keinesfalls verpassen sollte man den Abspann. Hier wird nochmals hübsch das Who is Who der Darsteller vorgeführt und alle: „Ja, ist das nicht der…?“-Fragen beantwortet.

Dieter Oßwald

Eine Verknüpfung von sechs zugleich historischen wie futuristischen Teilen einer Geschichte, die mit einiger filmischen Wucht auf die Leinwand gebannt wurde.

Es beginnt 1846. Auf einem Hochseeschiff im Pazifik muss ein Anwalt erleben, wie ein farbiger Sklave qualvoll ausgepeitscht wird. Er kann nicht anders als es in seinem Tagebuch zu vermerken. 1936. Die Hälfte des Anwaltstagebuches fällt in die Hände eines jungen Komponisten, der dadurch angeregt wird, das titelgebende melancholische „Wolkenatlas“-Sextett zu schreiben. Er ist homosexuell, sucht intensiv nach der fehlenden Reisetagebuchhälfte und berichtet seinem Geliebten brieflich darüber. Eben diesem in der Zwischenzeit gealterten Geliebten – er ist Atomfachmann – begegnet 1973 eine junge Journalistin, die von ihm die damaligen Liebesbriefe und gleichzeitig Angaben über einen Atomskandal erhält. Sie erwirbt in einem Schallplattenladen das „Wolkenatlas“-Sextett – kennt sie nicht diese Musik schon lange?

Ein Junge schreibt anhand ihrer Berichte über atomare Machenschaften und übergibt seine Aufzeichnungen 2012 einem Verleger. Der veröffentlicht sie, nicht ohne (auch negatives) Aufsehen zu erregen. Er wird schließlich in ein diktatorisch verwaltetes Altersheim gebracht, aus dem er zu fliehen versucht.

Das Video über diese Flucht wird 2144 von einer in die automatisiert-stereotype Welt zwanghaft eingebundenen Kellnerin gesehen. Die geklonte Frau will daraufhin aus ihrem futuristischen Gefängnis ausbrechen. Sie zeichnet ihre Erlebnisse auf, die die Menschen auch 2346 noch beschäftigen und ihr Verhalten (positiv) beeinflussen.

Wie gesagt: Mit seltener inszenatorischer filmischer Wucht, mit unzähligen Situationen und Schauplätzen, mit stakkatohaften, kurz aufeinander folgenden Montageteilen, mit sehr diffizilen Verschachtelungen ist das präsentiert. Die Jahrhundertegeschichte erweckt Andeutungen über den Fluss der Zeit, über deren eventuelle Endlosigkeit, über die Reinkarnation über den noch uneingesehenen Zusammenhalt der Dinge und Welten.

Die generationenübergreifenden Verknüpfungen und der eigenwillige Schnitt machen den Film allerdings alles andere als leicht verständlich.

Jeweils sechs Rollen haben Tom Hanks und Halle Berry übernommen. Dass die beiden Oscar-Preisträger fabelhaft spielen, erübrigt sich eigentlich zu sagen. Weitere Oscar-Preisträger sind dabei, Jim Broadbent beispielsweise oder Susan Sarandon, und andere, etwa Hugh Grant und Ben Whishaw. Sie alle verkörpern in dieser 163 Minuten dauernden Zeitstromgeschichte mehrere immer wieder anders geartete Rollen – und zwar gut.

Ein diffiziler Film, aber ein Faszinosum ersten Ranges.

Thomas Engel