Coconut Hero

Was muss das für ein Junge sein, der sich über die Nachricht, einen Hirntumor zu haben, freut? Florian Cossen (Regie) und Elena von Saucken (Drehbuch), die gemeinsam auch schon das vielbeachtete Drama „Das Lied in mir“ inszeniert hatten, haben sich für ihre Indie-Komödie „Coconut Hero“ einen solchen Jungen ausgedacht. Anfangs noch des Lebens überdrüssig, lernt er, wieder Freude an seinem Dasein auf Erden zu haben. Sympathische Charaktere, überraschende Wendungen in der Handlung, stimmige Bilder aus der kanadischen Provinz sowie ein lässiger Soundtrack machen die Geschichte über Leben und Tod vollkommen. Ein deutscher Film, der wie ein american independent aussieht – sehr sehenswert!

Webseite: www.coconuthero.de

Deutschland 2015
Regie: Florian Cossen
Darsteller: Alex Ozerov, Bea Santos, Krista Bridges, Sebastian Schipper, Jim Anann, R.D. Reid, David Thompa, Jeff Klarke, Udo Kier
97 Minuten
Verleih: Majestic, Vertrieb: Fox
Kinostart: 13.8.2015
 

FILMKRITIK:

Faintville heißt das Kaff in der kanadischen Provinz, in dem der 16 Jahre alte Mike Tyson (!) (Alex Ozerov) mit seiner ständig an ihm herumnörgelnden Mutter (Krista Bridges) lebt. „Faint“, das bedeutet Ohnmacht, und ohnmächtig fühlt sich Mike auch in seinem Innersten. Einfach so Abschied nehmen und dem langweiligen Leben ein Ende setzen, das wär’s. Sein bis zur Aufgabe der eigenen Todesanzeige wohldurchdachter Versuch, sich das Leben zu nehmen, scheitert jedoch wegen einer Kleinigkeit, als untoter Sonderling ist Mike nun erst recht dem Spott seiner Mitschüler ausgesetzt. Als ihm der Arzt von einem Hirntumor berichtet, ist das keinesfalls ein Schock für ihn, sondern vielleicht ja die Lösung seiner Probleme. Der Mutter verrät er vorsorglich mal nichts von dieser Diagnose. Wegen seines Selbstmordversuchs muss er aber zu Therapiegesprächen und bekommt dort die Teilnahme an rhythmischer Sportgymnastik zur Wiederhestellung des inneren Gleichgewichts verschrieben.
 
Die Tanzlehrerin (Bea Santos) gewinnt Mike eines Tages dafür, ihm beim Abtransport von Brettern, aus denen er sich einen Sarg zimmern will, zu helfen. Sie genießt die Gesellschaft des Jungen, später werden sie in einem See baden, die Sterne am Himmel betrachten und auch über den Tod sprechen, nachdem ihnen ein Reh vor die Kühlerhaube läuft. Mike fühlt sich in der Gesellschaft der lebensfrohen Miranda wohl – und wird lernen, dass sich Leben nicht planen lässt, die Liebe grundsätzlich stärker ist als der Tod, und wohlmeinende Priestergesellen oftmals nur abgedroschene Phrasen raushauen in Bezug auf die formelhaft vorgebrachte Wunderwirkung des Betens.
 
Obwohl eine deutsche Produktion, hat Florian Cossen seinen feinfühligen und von schwarzem Humor getragenen Film in Kanada gedreht, in englischer Sprache zudem, weil sich so der lakonische Unterton der an sich traurigen Geschichte besser umsetzen ließ. Für ein paar Szenen ging es aber dennoch nach Deutschland, unter anderem in ein Naturfreundehaus in Reutlingen und einen Steinbruch am Rande des Schwarzwaldes. Auch Udo Kier schlüpfte hier in seine Rolle als Seelenberater, der ganz dem Klischee folgend den fehlenden Vater als Ursache für Mikes Verhalten ausmacht. Dieser Vater wiederum wird gespielt von Sebastian Schipper, Regisseur des grandiosen Echtzeitfilms „Victoria“. Über die hierzulande eher wenig bekannten kanadischen Darsteller lässt sich sagen, dass sie exzellent für ihre Parts besetzt wurden und bestens miteinander harmonieren.
 
Nicht zu unterschätzen ist für diesen Film aber auch die Rolle der im Nirgendwo der Natur gelegenen kanadischen Kleinstadt und der sie umgebenden Landschaft, ebenso der melancholisch angehauchte Soundtrack von Matthias Klein, der ebenfalls schon mit Florian Cossen und Elena von Saucken an „Das Lied in mir“ zusammengearbeitet hat. Inspiration in Sachen des sich aufgrund der Geschichte selbst noch nicht erklärenden Filmtitels holten sich die Filmemacher beim schwedischen Fotokünstler Magnus Muhr, dessen Collagen mit toten Fliegen im Film quasi als Hobby von Mike ausgegeben werden und das besondere Verhältnis von Leben und Tod auf eigenwillige Art auf den Punkt bringen.
 
Thomas Volkmann