Coraline

Stop-Motion-Veteran Henry Selick („Nightmare before Christmas“) lässt erneut die Puppen tanzen. Dabei bleibt er auch in der Verfilmung von Neil Gaimans Kindergeschichte „Coraline“ dem Dunklen, Skurrilen und Abseitigen auf der Spur. Die Erzählung um einen rebellischen Teenager, der in seinem neuen Zuhause die Tür zu einer anderen Welt entdeckt, dürfte daher im Unterschied zu vergleichbaren Disney-Produktionen ein eher älteres Kinopublikum ansprechen. Neben seiner fantasiereichen Geschichte und liebevollen Animationen besticht Selicks Film speziell in seiner 3D-Variante mit einer beeindruckenden Plastizität und Räumlichkeit.

Webseite: www.coraline-film.de

USA 2009
Regie & Drehbuch: Henry Selick
Nach der Vorlage von Neil Gaiman
Produktion: Claire Jennings, Mary Sandell
Kamera: Peet Kozachik
Musik: Bruno Goulais, They Might Be Giants
Stimmen: Dakota Fanning, Teri Hatcher, Keith David, John Hodgman, Ian McShane
Laufzeit: 100 Minuten
Kinostart: 30.7.2009
Verleih: UPI
 

PRESSESTIMMEN:

‘Coraline’ ist der erwachsenste Animationsfilm, den Hollywood bislang produziert hat… Selten zuvor war ein Film so bunt und so schwarz zugleich. ‘Coraline’ ist ein Meisterwerk von Filmkünstlern, die kaum geradeaus gucken können vor lauter Vorstellungskraft und ihr Publikum Bild für Bild mit ihrem Einfallsreichtum beschenken.
DER SPIEGEL


FILMKRITIK:

Das Leben eines Teenagers kann ganz schön langweilig, öde und ereignislos sein. Auch Coraline (im Original gesprochen von Dakota Fanning) kennt diese pubertäre Tristesse nur zu gut. Seitdem sie mit ihren Eltern, die beide als Autoren für ein Garten-Magazin tätig sind, in den neblig-verregneten Nordwesten der USA gezogen ist, fühlt sie sich zurückversetzt und allein. Dass ihr neues Zuhause einer viktorianischen Villa ähnelt, ist da nur ein schwacher Trost. Bei einer ihren Erkundungen stößt Coraline in dem alten Gebäude auf eine verborgene Tür, die sie in eine geheimnisvolle Parallelwelt führt. Deren Landschaft gleicht der aus einem verkitschten Bilderbuch und auch ihre Eltern benehmen sich auf einmal irgendwie seltsam. So arbeitet ihr „anderer Vater“ als exzentrischer Erfinder, wohingegen Coralines „andere Mutter“ ihr Glück in der Zubereitung der schmackhaftesten Speisen gefunden zu haben scheint.

Doch die Idylle erweist sich schon bald als trügerisch. Hinter der schicken Fassade familiärer Glückseligkeit lauern dunkle Gedanken und zerstörerische Kräfte. Dass jeder in diesem Paralleluniversum statt Augen ein Paar Knöpfe trägt, macht dann auch Coraline zunehmend misstrauisch, vor allem, als sie auf einmal von ihrer „anderen Mutter“ dazu aufgefordert wird, sich einer schmerzhaften Selbst-Operation mit Nadel und Faden zu unterziehen. Coraline ahnt, dass sie und ihre richtigen Eltern in höchster Gefahr schweben.

Die vom britischen Autor Neil Gaiman erdachte Geschichte um den rebellischen Teenager mit den blauen Haaren und dem seltsamen Namen fand in Animationskünstler Henry Selick nun ihren Meister. Der kreative Kopf hinter Stop-Motion-Abenteuern wie „Nightmare before Christmas“ und „James und der Riesenpfirsisch“ schien mit seinem Faible für abseitige, morbide Stoffe geradezu prädestiniert für eine filmische Umsetzung dieser düsteren „Alice im Wunderland“-Variante zu sein. Entsprechend hoch waren im Vorfeld die Erwartungen, die der fertige Film allerdings nochmals locker übertrifft. Spätestens mit Coralines erstem Besuch in der allenfalls auf den ersten Blick perfekten (Alb-)Traumwelt, in der ein musizierende Mäuse-Zirkus ebenso wie eine sprechende schwarze Katze zum Inventar gehört, hat man Selicks schaurig-pittoreskes Märchen in sein Herz geschlossen.

„Coraline“ spielt gekonnt mit gängigen Motiven der Kinder- und Jugendliteratur, wobei insbesondere der schwierige Prozess des Erwachsenwerdens, die von Selbstzweifeln geprägte Suche nach der eigenen Identität und der Abnabelungsprozess von den eigenen Eltern immer wieder von Selick und Gaiman aufgegriffen werden. Aus dieser Themenzusammenfassung und der bisweilen sehr dunklen Atmosphäre ergibt sich fast zwangsläufig, dass der Film ein eher älteres Publikum anspricht, da er auf kleinere Kinder eher verstörend denn unterhaltsam wirken muss. Vor allem aber ist „Coraline“ weitaus komplexer als das Gros seiner Mitstreiter.

Was das Design der Figuren und Schauplätze angeht, so hat sich Selick einmal mehr übertroffen. Skurrile Erscheinungen wie Coralines exaltierter Nachbar Mr. Bobinsky oder die beiden Terrier-liebenden Opern-Diven aus der Kellerwohnung zeugen von der hohen Schule der Selick’schen Animationskunst. Dabei verleiht die im Zeitalter fotorealistischer CGI-Animationen immer etwas antiquiert anmutende Stop-Motion-Technik dem Film erst seine so charakteristische Plastizität, was sich in der 3D-Version auch in einer zusätzlichen räumlichen Dimension widerspiegelt. Während viele Animationsfilme die zuletzt wieder in Mode gekommene 3D-Technik vorwiegend als nettes Gimmick verstanden, begreift Selick sie als integraler Bestandteil seiner Geschichte, über die er uns immer tiefer in seinen von Kirmes- und Geisterbahnpersonal bevölkerten Kaninchenbau zieht.

Marcus Wessel