Country Strong

Spätestens seit der exzellenten Johnny-Cash-Bio „Walk the Line“ und nicht zuletzt durch „Crazy Heart“ ist Countrymusik im Kino oscarwürdig. Auch der gefühlsstarke, melodramatische Musikfilm „Country strong“ mit Oscarpreisträgerin Gwyneth Paltrhrow als alkoholkranke Countrysängerin, die verzweifelt ein Comeback versucht, feiert mit seinen schmelzenden Melodien und lyrischen Songtexten die erdverbundene Kraft des Country. Im Zentrum der musikalischen Hommage steht eine melancholische Liebesromanze, in der vor allem Actionstar Garret Hedlund brilliert. Der 26jährige wird von der Hollywood-Zeitschrift „Vanity Fair“ bereits als Nachfolger von Brad Pitt gehandelt.

Webseite: www.country-strong.de

USA 2010
Regie: Shana Feste
Buch: Shana Feste
Kamera: John Bailey
Darsteller: Gwyneth Paltrow, Garret Hedlund, Leighton Meester, Tim McCraw
Länge: 101 Minuten
Verleih: Sony Picture Film
Kinostart: 9. Juni 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Kelly Canter wurde heute Morgen aus der Entzugsklinik entlassen“, tönt es aus dem Autoradio. „Der Countrystar war vor einigen Monaten wegen Trunkenheit und ungewöhnlichen Benehmen verhaftet wurden.“ Im Fond des Wagens lehnt die blonde Sängerin verunsichert an der Schulter ihres ehrgeizigen Mannes und Trainers James (Tim McGraw), der schon die nächste Tournee für sie geplant hat. Auch für das nötige Vorprogramm hat er bereits gesorgt: Die junge, attraktive, etwas naive Starlet und ehemalige Provinzschönheitskönigin Chiles Stanton (Leighton Meetsers) soll als Eyecatcher das Publikum anheizen. Doch die immer noch ausgebrannte Kelly besteht darauf, dass der aufstrebende, talentierte Songschreiber und Gitarrist Beau Hutton (Garrett Hedlund), den sie in der Klinik kennen- und lieben lernte, ihr schwieriges Comeback begleitet. Für ihren Mann ein Affront.

Die Spannungen sind vorprogrammiert, als alle vier gemeinsam auf Tournee gehen. Taumelnd auf dem schmalen Grat zwischen Selbstzerstörung und Erlösung kämpft Kelly immer noch verzweifelt gegen ihre traumatischen Schuldgefühle: Im Alkoholrausch stürzte der umjubelte, schwangere Country-Star bei einem Auftritt von der Bühne. Durch den tragischen Unfall verlor sie damals ihr Kind. Erneut überwältigen Kelly diese Erinnerungen bei ihrer Show. Aber der Tournee-Zirkus muss weitergehen.

Regisseurin Shana Feste inszeniert ihre romantische Musikballade durchaus klassisch geradlinig, fast konventionell. Es gibt keine dramaturgischen Kniffe oder Experimente. Bemerkenswert ist freilich, dass die Texanerin dabei ohne aufgesetzte Sentimentalität oder dramatisches Pathos auskommt. Dass alle Hauptdarsteller ihre Songs selbst interpretieren, macht ihr musikalisches Country-Roadmovie noch authentischer und glaubwürdiger. Die eigens für den Film komponierten Songs sind weit mehr als Hintergrundbeschallung. Die Konzertszenen und Live-Nummern verströmen wunderbar unangestrengt die erdige Kraft des Country-Universums und zählen zu den Highlights des Films.

Ein Wermutstropfen: Der oftmals zitierte Topos, dass die Kraft der Liebe am Ende siegt, gilt in ihrer melancholischen Liebesromanze nicht für alle Protagonisten.
Bestechend mutig verkörpert dabei jedoch Oscarpreisträgerin Gwyneth Palthrow die tragische Hauptfigur, deren Ruhm im harten Musikbusiness hohen Tribut fordert. Die 38jährige Kalifornierin beweist bei der Darstellung des alkoholkranken, gefallenen Country-Stars nicht nur große Uneitelkeit sondern zeigt damit auch ihr musikalisches Talent. Gerüchten zufolge strebt die bodenständige Gattin von „Coldplay“-Frontmann Chris Martin jetzt selbst in das Musikgeschäft und hat bereits einen Plattenvertrag bei Atlantic Records unterschrieben.

Brad Pitt wurde nach seinem Auftritt in Ridley Scotts außergewöhnlichen Roadmovie „Thelma and Louise“ als kleinkrimineller trampender Cowboy über Nacht zum Star. Diese steile Erfolgsgeschichte könnte sich für den auf einer Farm in Minnesota aufgewachsenen 26jährigen Garett Hedlund wiederholen. Seine bemerkenswert vielschichtige, brillante Performance in dem gefühlsstarken Musikdrama, mit seinen frappierenden Paralellen zu „Walk the line“ und „Crazy Heart“, könnte auch der Karriere des talentierten Schauspielers aus dem Science-Fiction „Tron: Legacy“ noch mehr Schwung geben.

Wenn in Johnny Cashs mitreißendem Biopic der Welthit „Ring of Fire“ erklingt, dann haben Joaquin Phoenix und Reese Witherspoon die Leinwand längst in Flammen gesetzt. Dazu reicht es bei dem Duett „Give in to me“ von Hedlund mit Leighton Meetsers zwar noch nicht ganz. Doch die Intensität und Präsenz der beiden schafft es durchaus, Gefühlsstürme zu entfachen. Mit Spannung darf sicher auch Hedlunds nächster Auftritt in der Verfilmung des Kultklassikers der Beatgeneration von Jack Kerouac „On the Road“ erwartet werden.

Luitgard Koch

Nashville, die Hochburg der Country Music. Kelly ist dort ein umjubelter Star. Ihr Mann James managt sie.

Aber so top Kelly ist, sie hat ein Problem. Drogen und Promille begleiten sie. Soeben kommt sie aus dem Entzug. Zu früh.

Vor einem Jahr hat sie in Dallas mit 1,9 Promille im Blut bei einem Sturz ein Kind verloren. Ihrer Ehe mit James hat das alles andere als gut getan.

James wird das Comeback erzwingen. In der Tat muss Kelly aufpassen. Der Nachwuchs wartet ungeduldig.

Beau Hutton und Chiles Stanton gehören zu diesem Nachwuchs. Eigentlich wurde Beau als Aufpasser für Kelly angeheuert, doch er hat auch eine besonders schöne Stimme – für Country Songs sehr geeignet.

Chiles tut sich mit ihren ersten Auftritten noch etwas schwer, aber sie ist eine wunderschöne Frau. Auch so etwas kann schnell zum Erfolg beitragen.

Kelly befindet sich in einer sängerischen Zwischenphase. Noch ist sie nicht wieder stabil. Also geht es nicht zuletzt deshalb beruflich wie persönlich hoch her: zwischen James und Kelly, zwischen James und Chiles, zwischen James und Beau, zwischen Kelly und Chiles, zwischen Kelly und Beau, zwischen Chiles und Beau. Wo jeder gerade steht, ist einem ständigen Wechsel unterworfen.

Autorin und Regisseurin Shana Feste hat den Schwebezustand, in dem sich die vier befinden, drehbuchmäßig toll hingekriegt. Und die Regie? Es ist ihre zweite Arbeit: Respekt. Das Nashville-Umfeld stimmt zudem hundertprozentig. Und wer Country Songs liebt, kann hier genießen.

Gwyneth Paltrow ist Kelly Canter. Wie sie das spielt, nötigt ebenfalls Respekt ab. Nicht umsonst ist sie Oscar-Preisträgerin. Die Darstellerin der Chiles heißt Leighton Meester. Auf sie muss man aufpassen: auf ihre Arbeit und auf ihr Aussehen. Tim McCraw (James) und Garrett Hedlung (Beau) stehen den Damen nicht viel nach. Letzterer besitzt wie gesagt eine beachtliche Stimme.

Geglückte Nashville-Oper, Schicksalsdrama und Startragödie.

Thomas Engel