Crocodile Tears

Stopp! Oder meine Mami beißt! In seinem Soloregiedebüt erzählt der indonesische Filmemacher Tumpal Tampubolon von einer höchst eigenwilligen Mutter-Sohn-Beziehung, die durch das Auftauchen einer jungen Frau zerrissen zu werden droht. Hauptschauplatz des sich langsam entfaltenden Thriller-Dramas ist ein in die Jahre gekommener Krokodilpark, dessen tierische Bewohner immer mal wieder in den Fokus geraten. Ein mysteriös-unheimlicher Anblick.

 

Über den Film

Originaltitel

Air Mata Buaya

Deutscher Titel

Crocodile Tears

Produktionsland

IDN,FRA,DEU,SGP

Filmdauer

98 min

Produktionsjahr

2024

Regisseur

Tampubolon, Tumpal

Verleih

Verleih N.N.

Starttermin

26.02.2026

 

Bereits im September 2024 feierte das Thriller-Drama „Crocodile Tears“ auf dem Filmfestival von Toronto seine Weltpremiere. Anderthalb Jahre später erhält das international koproduzierte Soloregiedebüt des Indonesiers Tumpal Tampubolon, an dem auch die Kölner Firma 2Pilots beteiligt war, nun einen deutschen Kinostart. Aufmerksamkeit ist dem Werk auf jeden Fall zu wünschen, da es auf ebenso stimmungs- wie reizvolle Weise familiäre Abhängigkeiten, Liebe und die Sehnsucht nach einem eigenen Leben verhandelt. 

 

Protagonist ist ein junger Mann namens Johan (Yusuf Mahardika), der zusammen mit seiner Mutter (Marissa Anita), nur „Mama“ genannt, in einem heruntergekommenen Krokodilpark lebt und arbeitet. Viele Besucher scheinen sich nicht mehr hierhin zu verirren. Und wenn dann doch mal jemand vorbeischaut, ist die Besitzerin nicht gerade besonders höflich. Zu ihrem Sohn pflegt sie ein enges, seltsam ungesundes Verhältnis. Obwohl Johan bereits erwachsen ist, schlafen die beiden noch in einem Bett – manchmal gar eng umschlungen. Dass seine Sexualität längst erwacht ist, will die Mutter nicht wahrhaben.

 

Wenig verwunderlich reagiert sie angesäuert, als Johan die neu in die Gegend gezogene Arumi (Zulfa Maharani) kennen und lieben lernt. Hat die zart aufkeimende Romanze eine Chance? Oder ist die dominante Mutter zu besitzergreifend, kann sie ihren Jungen einfach nicht loslassen? Diese Fragen kreisen bedrohlich über dem Film, der sich Zeit für die Einführung von Handlungsort und Figuren nimmt. Zwischendrin blitzen zwar kleine Hoffnungsschimmer auf. Im Grunde ist jedoch schon im ersten Drittel klar, dass „Crocodile Tears“ auf eine Eskalation hinauslaufen muss.

 

Diese bereitet Tampubolon, der auch das Drehbuch schrieb, sorgsam vor. Ein merkwürdiges Brodeln liegt von Anfang an unter den Bildern. Nicht zuletzt, weil man angesichts der Prämisse natürlich an andere Filme mit schwierigen Mutter-Sohn-Beziehungen denken muss. Alfred Hitchcocks Spannungsklassiker „Psycho“ kommt einem vielleicht schnell in den Sinn, wenngleich der mütterliche Druck und Einfluss dort nur indirekt zu spüren ist. Immerhin weilt Mrs. Bates zu Beginn nicht mehr unter den Lebenden. „Crocodile Tears“ entwickelt in seiner schleichenden Zuspitzung seinen ganz eigenen Sog.

 

Geschickt spielt der Film mit der nebulös bleibenden Backstory von Johans Mama, über die Einheimische die wildesten Geschichten erzählen: Was ist mit ihrem Ehemann passiert? Hat sie ihn etwa wirklich den Reptilien im Park zum Fraß vorgeworfen? Glaubt sie tatsächlich, sein Geist stecke in einem weißen Krokodil, das ein Einzelbecken bewohnt? Warum hat sie nachts seltsame Anfälle, benimmt sich teilweise wie eines ihrer Tiere? Kleckerweise lädt der Regisseur die eingangs noch eher naturalistischen Bilder mit einer surrealen Note und Horrorelementen auf. Schon die ab und an eingestreuten Aufnahmen der mal völlig bewegungslos im Wasser liegenden, dann wieder wild nach Futter schnappenden Krokodile verleihen dem Geschehen etwas Beunruhigendes.

 

Dass „Crocodile Tears“ im Mittelteil die ein oder andere etwas holprige Wendung nimmt, trübt den positiven Eindruck nur leicht. Denn auch das Porträt der innerlich zerrissenen Hauptfigur überzeugt. Johans Hadern zwischen der Verbundenheit zu seiner Mutter, die er nicht verraten möchte, und der Sehnsucht, auf eigenen Beinen zu stehen, selbst Verantwortung zu übernehmen, spiegelt sich in Yusuf Mahardikas Darbietung, seiner unschlüssigen Mimik wider.

 

Christopher Diekhaus

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