Cronofobia

„Cronofobia“ – Angst vor der Zeit – nennt Francesco Rizzi sein bemerkenswertes Regiedebüt, das sowohl inhaltlich als auch stilistisch große Souveränität beweist. Zwei Menschen treffen aufeinander, ein Mann und eine Frau, die beide Traumata mitschleppen, die sie hinter beruflichen wie privaten Rollen zu verbergen suchen. Ein dichtes, vielschichtiges Psychogramm.

Webseite: www.filmperlen.com

Schweiz 2019
Regie: Francesco Rizzi
Buch: Daniela Gambaro & Francesco Rizzi
Darsteller: Vinicio Marchioni, Sabine Timoteo, Leonardo Nigro, Giorgia Salari, Jun Ichikawa, Andrea Bruschi
Länge: 93 Minuten
Verleih: Filmperlen
Kinostart: 20. Februar 2020

FILMKRITIK:

Michael (Vinicio Marchioni) ist nicht leicht zu fassen. Mit seinem Wohnmobil fährt er durch die Schweiz, sitzt mit grübelnder Miene in Autobahn-Raststätten, beobachtet seine Umgebung mit Blicken, die kaum einzuordnen sind: So bohrend blickt er Menschen an, dass er problemlos für einen Stalker oder einen Serienkiller auf der Pirsch gehalten werden könnte.
 
Doch Michael reist im Auftrag seiner Chefin durch die Gegend, schlüpft immer wieder in unterschiedliche Masken, um in Tankstellen, Geschäften oder auch einmal einer Bank, die Mitarbeiter zu testen und auf ihre Ehrlichkeit zu prüfen. Immer wieder überkommen ihn dabei seltsame Anfälle, alptraumhafte Bilder und ein bohrender Tinnitus deuten an, dass ein Vorfall aus der Vergangenheit Michael schwer belastet.
 
Irgendwie scheint dieser Vorfall mit Anna (Sabine Timoteo) zusammenzuhängen, die er auf seinen Reisen immer wieder beobachtet. Und eines Tages in seinem Wohnmobil vor ihren Eltern rettet, die in Sorge um ihre Tochter sind. Denn vor einiger Zeit ist Annas Mann, der in einer Bank arbeitete, ums Leben gekommen.
 
Eine seltsame Beziehung entwickelt sich zwischen Anna und Michael, geprägt von einer Anziehung, die mit Vorsicht durchzogen und von unterdrückten Geheimnissen geprägt ist.
 
Von Rollen und Erwartungen erzählt der Schweizer Regisseur Francesco Rizzi in seinem Regiedebüt „Cronofobia“, der inzwischen schon etliche Preise gewonnen hat. Besonders der lange Zeit undurchschaubare Michael ist hier zu nennen, ein Mann, der schon durch seinen Beruf ständig einen anderen spielt. Auch als Liebhaber seiner – vermutlich verheirateten – Chefin, die er in teuren Hotels zu kurzen Tête-à-têtes trifft, schlüpft er in eine Rolle, und in welchem Verhältnis er zu Anna steht bleibt lange offen.
 
Geschickt spielt Rizzi mit den Erwartungen, lässt bewusst Lücken in Erzählung und Charakterzeichnung, lässt den Zuschauer lange (und in manchen Aspekten auch über das Ende des Films hinaus) im unklaren über Motivationen und Absichten. Zumal sich auch die anfangs noch eher passive Anna zunehmend zu einer stärkeren, gleichberechtigten Figur entwickelt. Wirkt sie zu Beginn noch wie eine geradezu stereotype Witwe, die von kaum mehr geleitet wird als ihrer Trauer, sich als scheinbar devoter Teil in die seltsame Beziehung zu Michael stürzt, beginnt sich das Blatt zunehmend zu wenden.
 
Wie präzise Franceso Rizzi dieses Spiel inszeniert, wie bewusst er nach und nach Informationen preisgibt, den Blick auf seine Figuren variiert, zeugt von großem erzählerischen und filmischem Talent. Gerade in der Zusammenarbeit mit den geradezu eiskalten Bildern seines Kameramanns Simon Guy Fässler und seinen beiden hervorragenden Schauspieler entsteht so ein dichtes, vielschichtiges Psychogramm, das seine Karten nur langsam ausspielt und auch nach dem Ende noch viele Geheimnisse bewahrt.
 
Michael Meyns