Dancing in Jaffa

Der Dokumentarfilm begleitet den Weltmeister im Gesellschaftstanz Pierre Dulaine in seine Heimatstadt Jaffa, in die er nach 65 Jahren zurückkehrt, um etwas mitzubringen: einen gemeinsamen Tanz israelisch-palästinensischer und israelisch-jüdischer Kinder mit der Hoffnung, damit einen Weg für ein vertrauensvolles Miteinander zu weisen. Der Film begleitet das 10-wöchige Projekt des charismatischen Amerikaners palästinensischer Herkunft, das tatsächlich mit einem großen Erfolg endet. Der Enthusiasmus des Tanzlehrers und vor allem die wunderbare Wandlung der Kinder, die im Tanz dem einstigen „Feind“ offen, respektvoll und neugierig begegnen, transportiert die so besondere wie einfache Botschaft: tanzen kann man nur, wenn man vertraut, und Vertrauen lernt man beim Tanz.

Webseite: www.mfa-film.de

USA 2013 – Dokumentarfilm
Regie: Hilla Medalia
Darsteller: Pierre Dulaine, Yvonne Marceau, Noor Gabai, Alaa Bubali, Lois Dana
Dauer: 90 Min
Verleih: MFA + FilmDistribution
Start: 09. Januar 2014

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Was ist Mr. Pierre? fragt ein Kind in einer der ersten Szenen des Films. Gute Frage. Ist er nun palästinensischer Amerikaner mit israelischer Vergangenheit? Oder ein Israeli in Amerika mit palästinensischen Wurzeln? Immerhin ist er 1944 in Jaffa geboren, der israelischen Hafenstadt, in der heute etwa ein Drittel der Bevölkerung palästinensischer Herkunft ist, zwei Drittel jüdisch. Und was sagt das aus über die Menschen? Gar nichts, denn es gibt auch jüdische Christen und palästinensische Juden und christliche Palästinenser in Jaffa. Und was ist Mr. Pierre? Ein Mensch. Ein Mann. Ein ehemaliger Weltmeister im Gesellschaftstanz.

Wenn man sich in den nahen Osten begibt, sei es auch nur gedanklich, scheitert man oft schon an den Einordnungsversuchen. Und das Wort „scheitern“ gehört ebenso zu den häufigen Begrifflichkeiten dieser Region wie die Frage nach der Religion. Wenn man bedenkt, wieviele Versuche für eine Lösung des Konfliktes zwische Palästinensern und Israeli in den letzten Jahrzehnten gescheitert sind! Und dennoch leben dort beide Gruppen, wenn nicht miteinander, so doch nebeneinander, gehen die Mütter in die selben Geschäfte einkaufen, die Schüler in Schulen, die nicht weit voneinander entfernt sind. In Jaffa gibt es sogar die gemischte „Weitzmann School“, in der israelisch – palästinensische und israelisch – jüdische Kinder gemeinsam lernen. Das ist aber die Ausnahme. Doch jetzt sollen sie gemeinsam tanzen! An insgesamt fünf Schulen in Jaffa startet Pierre Dulaine sein Projekt, das mit einem Wettbewerb, in dem ausschließlich jüdisch- palästinensisch gemischte Paare antreten werden, enden soll.

Der Film begleitet Pierre Dulaine 10 Wochen lang bei seiner Arbeit mit den etwa 10 Jährigen Kindern vom ersten Tanzschritt bis zur Preisverleihung. Wobei eine erste Hürde schon allein darin besteht, dass Jungen und Mädchen sich berühren sollen – der Islam zumindest verbietet das -, und nun auch noch ein palästinensischer Junge ein jüdisches Mädchen? Da zieht man kurzerhand den Jackenärmel über die Hände oder geht gleich ganz aus dem Raum.

Die Teilnahme am Tanzunterricht ist natürlich freiwillig, und zunächst müssen die Eltern sich einverstanden erklären mit diesen jüdisch- palästinensischen Formationen. Dulaine ist der festen Überzeugung, dass der Tanz Vorurteile und Barrieren abbauen hilft, und dass er vor allem eines befördert: er stärkt das Selbstbewußtsein, den aufrechten Gang – im Wortsinn. Es ist diese einfache Wahrheit, die sich durch den Film auf eindringliche und sinnliche Weise vermittelt: Menschen, die aufrecht und sich ihrer selbst bewußt sind, müssen keinen Krieg führen.

Pierre Dulaine musste vierjährig 1948 mit seiner Familie aus Jaffa fliehen. Nun ist er wieder gekommen, das erste Mal seit der Kindheit, und möchte etwas zurückgeben: die Möglichkeit zum Miteinander und zum Vertrauen. Wir erleben, wie ein ausgesprochen vitaler und emotional offener ehemaliger Weltmeister mit großem Elan und viel Hoffnung an seine Aufgabe geht. Er konfrontiert die Kinder sehr direkt mit seinem Anliegen, seinen Auffassungen von Respekt und Würde, aber auch mit seinen Enttäuschungen. Er ist ein Meister der alten Schule, der keine Kompromisse macht, wenn seine Bedingungen nicht erfüllt werden, und der am Ende schweißüberströmt einen wunderbaren Tanzwettbewerb moderiert, bei dem jüdische und palästinensische Mütter gutgelaunt und stolz nebeneinander sitzend ihre Töchter und Söhne beklatschen, und der am liebsten weinen würde, wenn er jetzt nicht reden müsste.

Auch wenn der charismatische Dulaine den Film zusammenhält, sehen wir vor allem die Kinder, die sich mit Scheu, Neugier und einer Menge Ressentiments (die sie von ihren Eltern und Lehrern mit auf den Weg bekommen, auch das zeigt der Film) dennoch dem Vorschlag ihres Tanzmeisters öffnen und den gemeinsamen Tanz trainieren.
Ganz klassisch sucht sich der Film drei Kinder unterschiedlicher Herkunft aus, die er neben den vitalen Bildern der Tanzstunden auch in ihrem familiären und schulischen Umfeld porträtiert. Am beeindruckendsten dabei das palästinensische Mädchen Noor, die verschlossen, aggressiv und untröstlich über den frühen Tod ihres Vaters startet, und am Ende wunderbar ausgelassen mit einem jüdischen Jungen tanzt.
Es sind – neben der eindringlichen Botschaft Dulaines -, vor allem diese Kinder, die mit großer Ernsthaftigkeit die Schritte und Berührungen üben, die sie zu sich selbst und zueinander führen.
Ein Film, der von einer großen Hoffnung erzählt, die in den intensiven Bildern tatsächlich greifbar wird, und die weit über den Nahost-Konflikt hinausreicht.

Caren Pfeil