Daniel Hope – Der Klang des Lebens

Er ist Musiker mit Sinn und Gefühl für Außergewöhnliches. Der Weltklasse-Geiger Daniel Hope zählt zu den spannendsten Persönlichkeiten des internationalen Musiklebens. Leidenschaftliche künstlerische Neugier, Intensität und Menschlichkeit zeichnen sein Musizieren aus. Dass sich Klassik für jeden lohnt, sein Credo. Mit der einfühlsamen, facettenreichen biographischen Musikdoku über den 43jährigen Ausnahmekünstler liefert Regisseur Nahuel Lopez den besten Beweis dafür. Die Geschichte des umjubelten Stars ist aber auch eine von Flucht und Vertreibung. Nicht umsonst zieht sich das Thema Exil wie ein roter Faden durch den Film.

Webseite: mindjazz-pictures.de

Dokumentation
Deutschland 2017
Regie: Nahuel Lopez
Buch: Nahuel Lopez & Oliver Keidel
Länge: 102 Minuten
Verleih: mindjazz pictures
Kinostart: 19. Oktober 2017

FILMKRITIK:

„Es gibt zwei Geiger, die ich sofort an ihrem persönlichen Stil erkenne: Yehudi Menuhin und Daniel Hope“, sagt Zakhar Bron, der charismatische, legendäre russische Musikpädagoge. Kein Wunder Hopes „klingende Kinderstube“ war das Londoner Haus des Jahrhundertgeigers Yehudi Menuhin. Denn seine Mutter arbeitete dreißig Jahre als dessen Sekretärin und Managerin. Ihren kleinen Sohn nimmt sie jeden Tag mit. So wächst Daniel Hope mit den Enkelkindern Menuhins als Spielgefährten auf. Er sieht Musiker im Haus ein- und ausgehen, staunt über die bunten Gewänder des Sitar-Großmeisters Ravi Shankar, der im Wohnzimmer auf dem Teppich Platz nimmt, und verliebt sich mit dreieinhalb Jahren in die Violine.

Ohne Geld und Wohnung steht die junge Familie Hope Mitte der siebziger Jahre auf dem teuren Londoner Pflaster. Aus Südafrika geflüchtet, weil Daniels Vater Christopher, Schriftsteller als Apartheidsgegner das Schreiben verboten wird. „Wir wurden überwacht, das Telefon abgehört“, erinnert sich seine Mutter Eleonor vor laufender Kamera. Daniel war damals ein halbes Jahr alt. Und plötzlich, nach einem einzigen Vorstellungstermin der tüchtigen Frau bei Menuhin, waren die Hopes ihre Sorgen wieder los: Der Meister organisierte für sie ein Haus in dem feinen Viertel Highgate und mietet im Sommer ein Extra-Chalet für die Hopes in Gstaad, damit er seine „rechte Hand“ auch bei seinem Musikfestival dort wirklich immer in seiner Nähe weiß. Ein Bild zeigt Hope als kleiner Junge in Gstaad, die Arme angewinkelt und mit einem sichtlich stolzen Lächeln, hinter ihm steht Menuhin, die Hände auf seinen Schultern.

Flucht und Vertreibung ist ein großes Thema in der Familiengeschichte des Ausnahmemusikers. In letzter Minute gelang den Eltern seiner Mutter die Flucht vor dem mörderischen NS-Regime ins Exil nach Südafrika. Die Nazis vertrieben sie aus Deutschland. In Südafrika kam Daniels Mutter zur Welt. Sie war die Tochter einer Frau Valentin aus Berlin-Dahlem und eines Herrn Klein aus Berlin-Schmargendorf. Die Familie besaß eine Villa in Berlin Dahlem. Selbst heute noch ist Daniel Hopes Spurensuche dort unerwünscht, wie der Film beispielhaft dokumentiert. Das prägt sich ein.

In London dagegen öffnet ihm ein zugewandter anglikanischer Priester sofort seine Türen, damit er sein ehemaliges Kinderzimmer besuchen kann und den Garten hinter dem Haus. Die Suche nach dem „Klang“ des Exils führt den quirligen, wissbegierigen Musiker freilich bis nach Hollywood. Nicht umsonst widmete er sein Album „Escape to paradise“ Exilkomponisten wie Kurt Weill, denen die Flucht in die USA vor den Nazis gelang. Und wieder wirft Hope über die Musik ein faszinierenden Blick auf die Geschichte. Im Film besucht er die frühere Villa des emigrierten Schriftstellers Thomas Mann am Westrand von Los Angeles. Dem Haus, in dem Mann „Doktor Faustus“ schrieb, droht zu dem Zeitpunkt noch der Abriss.

Einfühlsam zeigt die sehenswerte Doku wie der Wunsch, Dingen auf den Grund zu gehen, ob es die Familiengeschichte ist oder Mendelssohns Violinkonzert, den Charakter des virtuosen Geigers prägt. Dass der weltoffene Solist schlussendlich das Grabmal seines Urgroßvaters, des Fabrikbesitzers Julius Valentin auf dem Luisenfriedhof in Berlin doch noch retten kann, bevor es erlischt und verkauft wird, wirkt besonders anrührend. Zur feierlichen Übergabe spielt er Ravels „Kaddisch“, das jüdische Gebet für die Verstorbenen, eine melancholisch, ergreifende Schicksalsmelodie. Eine Erinnerungsstätte, die sicher nicht die tiefen Wunden und Schmerzen heilen kann, doch zumindest für einen positiven Ausklang sorgt.

Dramaturgisch eingängig aufeinander aufgebaut fasziniert die exzellente Montage des Bild- und Tonmaterials. Genial verschränken Schnittfolgen die spannende Collage aus Konzertausschnitten, Orchesterproben mit dem Züricher Kammerorchester und Momentaufnahmen seiner Familie. Regisseur Nahuel Lopez (El Viaje – Ein Musikfilm mit Rodrigo Gonzalez), Sohn eines exilierten Chilenen, versteht es mit seiner lebendigen, facettenreichen biographischen Musikdoku über den  angesehensten Violinisten der Moderne  zu begeistern. Dabei muss der Zuschauer nicht unbedingt ein Klassik-Kenner sein. Der Schritt auf dem Weg die klassische Musik aus dem Elitären heraus in den Alltag der Menschen zu holen gelingt.

Luitgard Koch

Wie nähert man sich einer berühmten Persönlichkeit, in diesem Fall einem Geiger? Allein über seinen künstlerischen Werdegang oder doch eher über die Persönlichkeit, seine Herkunft, zumal diese im Fall des Geigers Daniel Hope nicht ganz stringent verlief? In seinem Film „Daniel Hope – Der Klang des Lebens“ wählt Nahuel Lopez die zweite Variante und versucht  damit, den Künstler als universelles Symbol unserer Zeit zu positionieren.

Daniel Hope gilt als einer der besten Geiger der Gegenwart. Geboren im südafrikanischen Durban emigrierte die Familie bald via Paris in die Schweiz, wo der junge Hope bald Unterricht beim legendären Yehudi Menuhin nahm. Der Beginn einer großen Karriere, die ihn  durch die Konzertsäle der Welt führt, ein erfülltes, aber auch rastloses Leben.
 
Inzwischen ist Hope 44 Jahre alt, verheiratet und lebt in Berlin. Das liest sich wie eine weitestgehend unspektakuläre Biographie, ein Erfolgsweg ohne Brüche und Konflikte. Dementsprechend souverän wirkt Hope auch, wenn er von seinem Leben berichtet, hier und da eine amüsante Anekdote einstreut, aber auch wenn er Orte seiner Kindheit und Jugend besucht. Betont beschaulich ist dabei wenig überraschend die Schweiz, wo Hopes Familie einst aus Südafrika hinzog, mit weniger Geld als viele andere Bewohner, wobei man sich dann doch fragt, wie wenig Geld man haben muss, um sich ausgerechnet die Schweiz als Ziel auszusuchen.
 
Aus finanziellen Gründen ist die Familie jedoch nicht aus Südafrika ausgereist, sondern wegen der regimekritischen Texte des Vaters Christopher. Mutter Eleanor arbeitete derweil als Musikmanagerin, eine Arbeit, die sie in der Schweiz auch mit dem Stargeiger Yehudi Menuhin zusammenbrachte, der bald Daniels Lehrer wurde. Ein elitäres Leben also, von einer Distinguiertheit geprägt, die den Mitgliedern der Familie Hope in jedem Moment anzumerken ist.
 
Voller Souveränität gleitet Daniel Hope dann auch durch diesen Porträtfilm, wird auf Reisen und bei Konzerten beobachtet, hinter der Bühne und auf ihr, oft die Begeisterung der Zuschauer entgegennehmend. Loser roter Faden, den Nahuel Lopez in seiner Dokumentation verfolgt, sind dabei die Themen Migration, Fluchtbewegungen und Vertreibung. Jüdische Vorfahren gab es einst, auf deren Spuren sich Daniel Hope bisweilen begibt, alte, verfallene Grabstätten, die er für die Familie zurückgewinnen möchte.
 
Sehr lose sind diese Linien in die Dokumentation eingeflochten, wirken manchmal auch etwas zu bemüht auf das Thema Exil zugeschnitten, das Lopez als übergeordnetes Thema verstanden haben will. Wenn da etwa kurz Filmmusiker in Hollywood erwähnt werden, aus (Ost-) Europa emigrierte Komponisten, die in ihrer Musik auch die alte Heimat aufleben lassen, wirkt der Bezug zu Daniel Hope doch etwas konstruiert.
 
In seinem Bemühen, in einer glatten Biographie Brüche zu finden, die den Werdegang und die Karriere Daniel Hopes aufregender machen als sie vielleicht eigentlich ist, verliert Nahuel Lopez bisweilen das Zentrum seines Films aus den Augen. Denn eigentlich wäre das Spiel von Daniel Hope doch aufregend, seine musikalischen Fähigkeiten bemerkenswert genug, um als Sujet einer Dokumentation zu taugen.
 
Michael Meyns