Das Beste kommt noch

Dem erfolgreichen Regie-Duo Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte („Der Vorname“) gelingt mit ihrer berührenden Dramödie ein wahrhaft französisches Buddymovie mit Tiefgang und Humor. Das verdanken sie nicht zuletzt ihren beiden glänzenden Hauptdarstellern und französischen Schauspiel-Ikonen Fabrice Lucien und Patrick Bruel. Das grandiose Tandem sorgt als illustres Freundespaar auf der Suche nach der verlorenen Lebenszeit für unvergessliche Momente. Aufgrund eines folgenschweren Missverständnisses versucht jeder der beiden den anderen aufzumuntern, damit er die letzten Monate seines Lebens auskosten und genießen kann.

Website: www.constantin.de

Frankreich 2018
Regie: Alexandre de La Patellière, Matthieu Delaporte
Drehbuch: Matthieu Delaporte, Alexandre de La Patellière
Darsteller: Fabrice Luchini, Patrick Bruel, Pascale Arbillot, Zineb Triki, Andre Marcon.
Länge: 117 Minuten
Verleih: Constantin
Kinostart: 9.7.2020

FILMKRITIK:

„Was würdest noch tun, wenn Du wüsstest, dass Du bald sterben musst?“, will Cesar (Patrick Bruel) von seinen besten Freund, dem geschiedenen Medizinprofessor Arthur Dreyfuss (Fabrice Luchini) wissen. Der arrivierte Wissenschaftler antwortet ihm nach einigem Nachdenken: „Albert Schweitzers Grab besuchen und Proust endlich von vorne bis hinten wieder lesen“. Cesar reagiert völlig entsetzt auf derartig langweilige Ideen. Damit kann der abgebrannte Hallodri und charmante Womanizer absolut nichts anfangen. Die beiden könnten nicht unterschiedlicher sein. Doch die gemeinsame Zeit im Internat schweißte die Jugendfreunde über die Jahre hinweg zusammen.

Und diesmal hat sich das Schicksal für das Duo etwas besonderes Perfides ausgedacht. Da Cesar nicht krankenversichert ist und deshalb keine Versichertenkarte besitzt, nutzt er prompt die seines Freundes, der ihn zur Untersuchung ins Hospital begleitet. Und so wird Arthur am nächsten Tag angerufen und ins Krankenhaus bestellt. Die erschreckende Diagnose: Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium. Er habe nur noch sechs Monate zu leben, heißt es. Hilflos versucht Arthur diese Hiobsbotschaft seinem krebskranken Freund schonend beizubringen. Aber dabei kommt es zu einem folgenschweren Missverständnis.

Denn als César ihm freudestrahlend verkündet, dass er bald Vater wird, bringt Arthur es nicht übers Herz, seinem Freund reinen Wein einzuschenken. Er verstrickt sich in Halbwahrheiten. Und am Ende glaubt César, dass nicht er, sondern Arthur unheilbar krank sei. Sofort setzt er alles daran, seinem Freund auf seine letzten Tage noch ein bisschen „savoir vivre“ beizubringen. Er, der keineswegs ein notorischer Kirchgänger ist, bekniet sogar einen Priester, um zu fragen zu welchem Gott er für Arthur beten soll, dem jüdischen oder dem christlichen. Beide versuchen nun, den anderen aufzumuntern, die Freuden des Lebens jeden Moment zu genießen und alles was sie verpasst haben nachzuholen.

Das Abenteuer Leben voll auszukosten, schwebt ihnen vor. Dabei sind absurd-komische Situationen vorprogrammiert. Denn schließlich, weiß Regisseur und Drehbuchautor Alexandre de La Patellière: „Das Tragische ist der Ursprung der Komödie“. Die Klassiker von Billy Wilder und Frank Capra sind, seiner Meinung nach, geniale Beispiele dafür. Dass dem Regie-Duo Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte, die mit der wortgewaltigen Komödie „Der Vorname“ Erfolge feierten, die Balance ihrer berührenden Dramödie gelingt, liegt nicht zuletzt an ihren grandiosen Hauptdarstellern.Das einzigartige Tandem Fabrice Luchini („Der geheime Roman des Monsieur Pick“) und Patrick Bruel sorgt für ein wahrhaft französisches Buddymovie mit Tiefgang und Humor.

Unverwechselbar brilliert Luchini als introvertierter, belesener Wissenschaftler. Nicht umsonst gilt der Sohn einer italienischen Einwanderfamilie, der in seinen Filmen oftmals als gepflegter Dandy mit koketten Manierismen, elegant an Worten feilt, inzwischen als bestbezahlter Schauspieler der Grand Nation. Auf dem noch unausgeloteten Terrain der Männerfreundschaft läuft er zusammen mit der französischen Musik-Ikone und charismatischen Charmeur Patrick Bruel zu Höchstform auf.

Allround-Talent Patrick Bruel liefert mit seiner Mischung aus charmanten Schlitzohr und letztendlich warmherzigen Freund ein kongenial, schillerndes Gegenüber. Als Mann im Hintergrund wickelt der professionelle Pokerspieler in Claude Chabrols Politkomödie „Geheime Staatsaffären“ Untersuchungsrichterin Isabelle Huppert um den Finger. In Claude Millers komplexen Familiendrama „Ein Geheimnis“, einer Geschichte vom Trauma der Überlebenden im Holocaust im besetzten Frankreich, überzeugt er fern der Klischees mit emotionaler Kraft.

Luitgard Koch