Einer der letzten Arthouse-Stars des italienischen Kinos, Nanni Moretti, erzählt in seinem neuesten Film eine überraschend leichte und witzige Geschichte, die dazu immer noch leichter und witziger wird. Ein bisschen getanzt und gesungen wird außerdem, und so entwickelt sich aus der Film-im-Film-Story über einen vom Leben und von der Kunst enttäuschten, alternden Mann eine unterhaltsame Komödie über das, womit sich Nanni Moretti am besten auskennt: Film, Politik und Nanni Moretti.
Über den Film
Originaltitel
Il sol dell‘ avvenire
Deutscher Titel
Das Beste liegt noch vor uns
Produktionsland
ITA,FRA
Filmdauer
95 min
Produktionsjahr
2023
Produzent
Moretti, Nanni / Procacci, Domenico
Regisseur
Moretti, Nanni
Verleih
Prokino Filmverleih GmbH
Starttermin
12.02.2026
Wieder spielt er selbst die Hauptrolle, den Filmregisseur Giovanni, der mit seinem französischen Produzenten einen richtig großen Film plant: ein Politdrama, das in einem kommunistisch regierten römischen Arbeiterbezirk spielt und von der Ablösung der italienischen kommunistischen Partei von der Sowjetunion handelt. Der Grund dafür war der Volksaufstand in Ungarn im Jahr 1956. Die Hauptrollen spielen die stramm moskautreuen Mitglieder eines Ortsverbands des damaligen Partito Comunista Italiano. Sie haben den ungarischen Zirkus Budavari nach Rom eingeladen – die Abwechslung wird von der Bevölkerung im Arbeiterviertel Quarticciolo im römischen Osten begeistert aufgenommen.
Gleich bei der Regiebesprechung fragt eines der jungen Mitglieder ganz erstaunt: „In Italien gab es Kommunisten?“ Doch Giovanni ist überhaupt nicht in der Stimmung, sich über das mangelnde Geschichtsbewusstsein des Crew-Mitglieds zu wundern, denn momentan kann er sich kaum auf die Arbeit am Film konzentrieren. Stattdessen muss er sich mit einem Haufen Probleme herumschlagen, die ihn stark in Anspruch nehmen: Die Beziehung zu seiner Frau Paola (Margherita Buy) kriselt heftig – sie produziert schräge Action-Krimis und ist erfolgreicher als Giovanni. Außerdem hat sich Giovannis Tochter hat sich in einen älteren Mann verliebt, was er als Vater überhaupt nicht begreifen kann. Seine Hauptdarstellerin ist vollkommen durchgeknallt und lässt sich nicht davon abbringen, dass sie in einem Liebesfilm mitspielt statt in einem Politdrama. Und dann wird auch noch Giovannis Produzent verhaftet, und der geplante Netflix-Deal steht auf der Kippe.
Ein Film im Film – auch „reflexives Kino“ genannt – ist keine einfache Sache. Allzu leicht bleibt hier das weniger filmkundige Publikum außen vor, während sich die Cineasten voller Wonne in Wiedererkennung und Wissensbestätigung ergehen. Doch die französische Komödie „Die amerikanische Nacht“ von François Truffaut, der wie Nanni Moretti in seinem neuesten Film als Regisseur mitspielte, ist ein prächtiges Beispiel dafür, wie ein Film im Film perfekt gelingen kann. Die vielen kleinen Geschichten über das Filmteam und die kundigen Details über das Filmemachen selbst fügen sich perfekt zu einer großen Liebeserklärung an das Kino, die sehr effektvoll von Georges Delerues stimmungsvollem Soundtrack untermalt wird.
Auch wenn Nanni Moretti hier vermutlich keinen solchen Klassiker geschaffen geschaffen hat, ist ihm doch immerhin eine liebenswerte, unterhaltsame Komödie über einen alternden Künstler gelungen, der die Welt und die Menschheit hasst, weil er sich selbst nicht leiden kann. Ganz offenkundig ist Giovanni, der Regisseur, Nanni Morettis Alter Ego – Nanni ist im Italienischen eine Koseform für Giovanni. Er ist depressiv, steht vermutlich kurz vor dem Burn out und versucht mit Antidepressiva und Schlafmitteln den Zusammenbruch zu vermeiden. Dieser Giovanni ist ein durchaus schlecht gelaunter, sehr miesepetriger Filmemacher der alten Schule, der vielleicht mal ein Rebell war … aber wen interessiert’s? Aus den alten Zeiten ist vor allem seine Besserwisserei übriggeblieben … und eine verschwommene Erinnerung an eine Zeit, als er jung war und Filme zum Träumen da waren.
Nanni Moretti spielt diesen Giovanni als Sprücheklopfer – ein oller Zausel, der vor allem über den beklagenswerten Zustand der Welt und des Kinos wettert. Das ist sehr schön selbstironisch, aber es zeigt eben auch, dass Nanni Moretti am besten und glaubwürdigsten ist, wenn er sich selbst spielt: ein ubiquitöser Alleskönner, der lieber alles selbst macht, weil er fürchtet, dass es sonst nicht funktioniert. Das gilt auch für den echten Nanni Moretti, der seine Filme selbst produziert und in Rom ein eigenes Arthouse-Kino betreibt. Giovanni zeigt allerdings Ansätze von Einsicht, obwohl er zunächst noch weiter in den Abgrund rutscht: Zunächst besucht er seine Frau am Dreh eines ihrer Neo Noir-Filme und textet sie mit endlosen Predigten über die wahre Filmkunst zu, holt sich auch Unterstützung von Experten, aber tatsächlich macht er sich erstmal furchtbar lächerlich. Um die Produktion zu retten, trifft er sich mit Netflix-Vertretern – ein Fest für alle, die das sehen, denn hier gibt es mächtig was zu lachen. Unter anderem fehlt Giovannis Film der WTF-Moment – der „what the fuck“-Moment … und die windschnittigen, hippen Netflix-Vertreter sind genauso, wie man sie sich vorstellt. Knallhart verhandelnde Kunstbanausen, und das stürzt Giovanni noch tiefer ins Elend.
Doch er rappelt sich noch einmal auf und versöhnt sich mit der Welt. Und er findet für seinen Film ebenfalls die entscheidende Wendung: ein schwungvolles Ende für eine schwungvolle Film-im-Film-Komödie.
Gaby Sikorski







