Das blaue Zimmer

Ein Mann, der eines Schwerverbrechens angeklagt wird. Eine böse Frau, die dem Film Noir entstiegen ist. Eine verhängnisvolle Affäre und zerredete Leidenschaft. Ein Gerichtsdrama ohne Wahrheitsfindung. All das und noch viel mehr ist „Das blaue Zimmer“ von und mit Matthieu Amalric.

Webseite: www.arsenalfilm.de

Frankreich 2014
Regie: Mathieu Amalric
Drehbuch: Mathieu Amalric, Stéphanie Cléau
Darsteller: Léa Drucker, Mathieu Amalric, Stéphanie Cléau
Filmlänge: 76 Minuten
Verleih: Arsenal
Kinostart: Herbst 2014

FILMKRITIK:

Im Deutschen gibt es die wundervolle Sprachwendung, etwas zu „zerreden“. Und eben jenes Phänomen, einer Erfahrung ihren Zauber und ihre Bedeutung zu rauben, in dem man sie auf schnöde Worte herunterbricht, steht im Zentrum von Mathieu Amalrics „Das blaue Zimmer“. Eine heiße Affäre wird juristisch in ihre Einzelteile zerlegt – und auch der Film wandelt sich von einer sinnlichen in eine zunehmend rationale Erfahrung.

Fragmente, Close-Ups, die nur Details zweier verschlungener Körper zeigen, leiten die Geschichte ein. Schweißperlen, Liebesgeflüster. Der Zuschauer kann aus den kleinen Bildelementen zunächst noch kein großes Ganzes konstruieren, bis er schließlich Julien (Amalric) und Esther (Stéphanie Cléau) im Liebesakt erblickt. Das Fragment ist auch im Folgenden Gestaltungsmittel der Wahl, wenn Julien im Verhör mit der Polizei diese Affäre rekonstruiert. Die Erinnerungsfetzen wirken zunächst verwirrend und entspinnen das Rätsel, weshalb und vor allem wofür sich der Mann hier rechtfertigen müsse. Des Rätsels Lösung kommt bröckchenweise und muss vom Zuschauer selbst wie ein Mosaik zusammengesetzt werden. Dabei kann mehr als nur ein einziges Bild entstehen.

Die Musikuntermalung ist aufdringlich und erinnert an schwülstige Melodramen der 50er Jahre, währen die Handlung um eine böse Frau sowie die Unheil verkündenden Klänge des Scores auf den Film Noir verweisen. Und doch ist „Das blaue Zimmer“ keins von Beidem, sondern spielt lediglich mit den Assoziationen des Zuschauers, nutzt sie, um Bilder und Ideen heraufzubeschwören. Doch was geradezu überladen beginnt, verliert Schritt für Schritt sein Volumen. Je tiefer der ermittelnde Polizist in Julien dringt, je mehr die verbotene Liebe auf Daten und Indizien heruntergebrochen wird, desto unromantischer und nüchterner wird auch die Inszenierung. Schließlich dominieren die Verhördialoge den Film und konfrontieren den Zuschauer mit einer kaum zu bewältigenden Informationsflut.

Das Interviewsetting bildet den Erzählrahmen für die ebenfalls fragmentarischen Rückblicke auf Juliens Leben zwischen dem letzten Treffen mit Esther und der ihm angelasteten Tat. Das Drehbuch von Matthias Amalric und Stéphanie Cléau erzählt gekonnt assoziativ, als würden hier tatsächlich Juliens Erinnerungen zum Leben erwachen. Gleichzeitig leugnet dieser beharrlich Details der Erzählung, wie beispielsweise die von Edith versendeten Briefe, so dass der Zuschauer im Unklaren über seine Zuverlässigkeit als Erzähler und die Frage seiner Schuld gelassen wird. Während zunächst noch die Hoffnung auf eine Auflösung glimmt, wird mit fortschreitender Handlung klar, dass Wahrheit in dieser Welt der Fragmente und Motive ein ambivalentes Konstrukt darstellt.

Auch wenn Mathieu Amalric den Stimmungswechsel seines Films, vom Sinnlich-Bildlichen zum Rational-Sprachlichen, hier bewusst und mit klarer Absicht steuert, büßt „Das blaue Zimmer“ in der zweiten Hälfte deutlich an Attraktivität ein. Luden die erotisch-körperliche Eingangsszene und die mysteriösen Erinnerungsfetzen des ersten Teils noch dazu ein, sich in der Geschichte zu verlieren, rückt die Dialoglast der folgenden Handlung den Zuschauer auf Distanz und droht das sorgsam konstruierte Rätsel eine leere Blase zu bilden.

Die knappe Länge von nur 76 Minuten verhindert zwar die gelangweilte Abwendung des Zuschauers von den Protagonisten, dennoch bleibt das mehrdeutige Gerichtsfinale – dem Melodram und Film Noir wird auch noch eine Prise Gerichtsdrama beigemischt – ein schwaches Abbild der anfänglichen Energie. Die Leidenschaft wird durch die Protagonisten und den Film erfolgreich zerredet. Es ist deutlich, dass es Amalric um eben diese Wirkung geht, aber schade bleibt dies trotzdem.
 
Sophie Charlotte Rieger