Das erstaunliche Leben des Walter Mitty

Von der Kraft der Imagination und der Inspiration, die Bilder, also nicht zuletzt das Kino, vermitteln können, erzählt Ben Stiller in „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty.“ Mitreißende Bilder, sporadisch aber bewusst eingesetzte Spezialeffekte und eine konventionelle, aber treffende Selbstfindungsgeschichte machen Stillers fünfte Regiearbeit zu einem überaus sehenswerten Feel-Good-Film.

Webseite: www.waltermitty-derfilm.de

The Secret Life of Walter Mitty
USA 2013
Regie: Ben Stiller
Buch: Steve Conrad, nach der Kurzgeschichte von James Thurber
Darsteller: Ben Stiller, Kristen Wiig, Adam Scott, Sean Penn, Shirley MacLaine, Patton Oswalt
Länge: 111 Minuten
Verleih: FOX
Kinostart: 1. Januar 2014

PRESSESTIMMEN:

Großes kluges Action-Kino – und eine Verbeugung vor Amerikas legendären Fotoreportern.
Der Spiegel

FILMKRITIK:

Gerade einmal zweieinhalb Seiten lang ist die Kurzgeschichte, die James Thurber 1939 im New Yorker veröffentlichte und deren Titelfigur schnell Eingang in den amerikanischen Sprachgebrauch fand: Im Lexikon wird Walter Mitty als Versager übersetzt, was etwas zu harsch für eine Figur erscheint, die vor allem ein Tagträumer ist. 1947 entstand mit Danny Kaye in der Hauptrolle eine erste Verfilmung, die als kleiner Klassiker gilt. Nun also eine neue Version der Geschichte bzw. der Grundidee eines Mannes, der ein durchschnittliches Leben führt, aber immer wieder in Tagträume abdriftet, in denen er spektakuläre Taten vollbringt.

Dieser Walter Mitty (Ben Stiller selbst) lebt in New York und arbeitet im Fotoarchiv des legendären Life Magazins. Dessen letzte Print-Ausgabe steht bevor, ein Cover steht noch an, für das der Star-Fotograf Sean O’Connell (Sean Penn) ein Foto-Negativ (die älteren werden sich erinnern) geschickt hat. Doch Walter Mitty kann das Negativ nicht finden und beginnt mit zunehmender Verzweiflung, nach dem umtriebigen O’Connell zu suchen. Mit Hilfe seiner Kollegin Cheryl (Kristen Wiig), in die Mitty heimlich verliebt ist, findet er eine Spur: In Grönland soll sich O’Connell rumtreiben, doch ihn zu finden würde für Walter Mitty bedeuten, nicht mehr nur in seiner Phantasie auf abenteuerliche Reisen zu gehen, sondern in der Realität. Ein gewaltiger Schritt für den im täglichen Trott verhafteten Mitty, der sich dennoch bald auf eine Reise begibt, die ihn um die Welt und letztlich zu sich selbst führen wird.

Es ist eine gleichermaßen offensichtliche wie brillante Idee, die Redaktionsräume des legendären Life Magazine zum Ausgangspunkt von „Walter Mitty“ zu machen. Denn wie kein anderes Print-Medium in Amerika vermittelte das von Henry Luce initiierte Magazin seit seinem Debüt im Jahre 1936 den Blick auf die Welt. Praktisch jeder berühmte Reportage-Fotograf arbeitete für Life, die ersten Fotos der Landung in der Normandie erschienen ebenso dort zum ersten Mal wie Bilder aus dem Zapruder-Film und unzählige ikonographische Titelbilder, die die Popkultur und ihre Wahrnehmung entscheidend prägten.

Immer wieder sieht man in den Redaktionsräumen bekannte Cover, von Marilyn Monroe über die Mondlandung bis zu Jimmy Hendrix, die die ganze Vielfalt der Welt (zumindest aus amerikanischer Sicht) repräsentieren. Und so wie Life jahrelang ein Bilderbuch war, in dem Text nicht über den Status einer Bildunterschrift herauskam, so überhöht auch „Walter Mitty“ eine eher dünne Geschichte mit spektakulären Bildern.

Angefangen von Grönland, wo Mitty aus einem Hubschrauber springt, über einen Stopp bei einem Vulkanausbruch auf Island, bis hin zu den Höhen des Himalaja führt die Reise, die Mitty am Ende jedoch nicht in die Ferne, sondern zu sich selbst führt. Hatte das Konzept des Tagträumens anfangs noch wilde Blüten geschlagen, verschwindet es bald immer mehr, bis die Realität so aufregend geworden ist, dass Mitty nicht mehr aus ihr ausbrechen muss.

Das ist weniger Komödie als man es von Ben Stiller gewohnt ist, doch trotz unterschwelliger Liebesgeschichte keineswegs kitschig oder sentimental. Die Lektionen, die Walter Mitty über sich und das Leben lernt, mögen zwar nicht gerade philosophische Tiefen erreichen, aber sie sind treffend und wahrhaftig und lassen „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ zu einem stilistisch und emotional packenden Feel-Good-Film werden.

Michael Meyns