Der engagierte Dokumentarfilm von Stefan Sick begleitet über mehrere Jahre eine Wohngruppe mit Mädchen in einer süddeutschen Einrichtung der Jugendhilfe.
Er beeindruckt vor allem durch die genaue, nichts beschönigende Beobachtung seiner 4 Protagonistinnen, die Anerkennung und Geborgenheit suchen, während sie ständig von der Rückkehr nach Hause träumen. Und er zeigt, wie viel Arbeit, Widerspruch und Zärtlichkeit in dem steckt, was man „Alltag in der Familie“ nennen könnte und was bei diesen Mädchen nicht zu funktionieren scheint.
Über den Film
Originaltitel
Das fast normale Leben
Deutscher Titel
Das fast normale Leben
Produktionsland
DEU
Filmdauer
135 min
Produktionsjahr
2026
Regisseur
Sick, Stefan
Verleih
mindjazz pictures UG
Starttermin
22.01.2026
Wenn ein Dokumentarfilm zu Beginn eine Warnung ans Publikum richtet, dass die folgenden Bilder Erinnerungen wecken und verstörend wirken könnten und man den Film in einem geschützten Umfeld sehen sollte, dann ist das wirklich etwas Besonderes. Die Warnung ist berechtigt, ebenso die Kontaktangebote zum Elterntelefon und zur „Nummer gegen Kummer“. Denn hier geht’s ans Eingemachte: Familie, Elternhaus und was so alles schiefgehen kann bei der Entwicklung einer Persönlichkeit. Die Message wird schnell klar, ohne dass es dazu irgendwelcher Erklärungen bedarf: Halt entsteht nicht durch perfekte Biografien, sondern durch verlässliche Beziehungen – auch (und erst recht) dort, wo es laut und chaotisch wird. Das Ziel ist nicht Harmonie, sondern es miteinander und mit sich selbst auszuhalten.
Im Zentrum stehen vier Mädchen: Leni, Eleyna, Lena und Lisann, die in einer Wohngruppe der Kinder- und Jugendhilfe leben. Getrennt von ihren Eltern ringen sie um Anerkennung, Selbstbestimmung und Geborgenheit; immer begleitet von der Sehnsucht, möglichst bald nach Hause zurückkehren zu können. Der Film beobachtet konsequent, aber mit viel Sensibilität und gelegentlich auch mit augenzwinkerndem Humor den Alltag der Mädchen, ihre Ausbrüche und ihre kleinen Fortschritte, aber auch die Probleme im Zusammenleben mit Betreuerinnen, Eltern und Institutionen.
Der Regisseur Stefan Sick lässt sich viel Zeit, um ein genaues Bild der Situation und der Entwicklung zu liefern. Über mehr als zwei Jahre hat er die Mädchen begleitet und über mehr als zwei Stunden zeigt er sie als Persönlichkeiten im Zustand permanenter Selbstbehauptung und auf der Suche nach sich selbst: mal großspurig, mal verletzlich, mal unberechenbar – oft alles auf einmal. Der Film ist anspruchsvoll in seiner Forderung an das Publikum, das Fehlen von Erklärungen hinzunehmen und die Gesamtsituation auszuhalten, die manchmal schwer erträglich ist. Die Mädchen zu sehen, wie sie von einem Moment zum nächsten die Beherrschung verlieren, tut regelrecht weh, immer wieder. Das macht aber auch in Ansätzen deutlich, warum die Kinder nicht bei ihren Eltern leben und leben können. Dass der Film dabei auch die Erwachsenen ernst nimmt, macht seine Perspektive fair und nachvollziehbar: Die Jugendhilfe erscheint weder als Heilsversprechen noch als Problemverwaltung, sondern als Beziehungspraxis unter Druck. Die Erzieherinnen, die mit den Mädchen arbeiten, legen eine schier unerschöpfliche Geduld an den Tag, um ihren Schützlingen Halt zu geben.
Der Film ist nicht nur interessant, er ist auch spannend. Die Spannung entsteht dabei zum einen aus der fehlenden oder eingeschränkten Impulskontrolle der Mädchen, die jederzeit zu Verwerfungen und zu Explosionen führen kann, zum anderen aus dem Wunsch nach Ruhe und Gelassenheit, auch im Publikum. Gespräche kippen, Türen knallen, es wird gebrüllt und geschrien, selten fließen Tränen, Versöhnungen und Umarmungen sind vorsichtig, und die Entwicklung zeigt sich weniger in der Gestalt von Wendepunkten als in der Wiederholung von Situationen, die sich manchmal nur minimal verändern.
Wenn der Film dabei sperrig wirkt, ist das kein Mangel, sondern Konsequenz: Er verweigert einfache Lösungen und nimmt seine Protagonistinnen ernst, ohne sie zu glätten oder zu exponieren. So wird der Film zu einem respektvollen Plädoyer für Geduld in der Beziehung zu anderen und zu sich selbst und zur optimistischen Möglichkeit von Veränderungen.
Gaby Sikorski







