Das fehlende Grau

Das beachtliche, intensive Drama "Das fehlende Grau" folgt einer jungen Frau auf ihren nächtlichen Streifzügen durch die Clubs und Bars der Stadt – stets auf der Suche nach Männern, die sie nach Hause begleiten kann. Doch die namenlose Frau ist bei weitem nicht auf der Suche nach Sex. Sie ist süchtig danach, die Männer nach anfänglichem Flirt und Umgarnung, immer wieder von sich zu weisen und sich über sie lustig zu machen. "Das fehlende Grau" entwirft das Porträt einer unter der Borderline-Persönlichkeitsstörung leidenden Frau. Der Film ist äußerst gelungen, zum einen weil er eine unnötige Psychologisierung vermeidet, andererseits aufgrund der hervorragenden Hauptdarstellerin.

Webseite: www.das-fehlende-grau.de

Deutschland 2014
Regie: Marc Dietschreit, Nadine Heinze
Drehbuch: Marc Dietschreit, Nadine Heinze
Darsteller: Sina Ebell, Rupert J. Seidel, Albert Bork
Länge: 79 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 25. Juni 2015
 

FILMKRITIK:

Eine junge Frau (Sina Ebell) begibt sich auf Streifzüge durch das Nachtleben ihrer Stadt, stets auf der Suche nach immer demselben Ziel: nach Männern, denen sie bis nach Hause oder in ein Hotelzimmer folgen kann. Dabei ist sie aber nicht auf der Suche nach Sex: sie spielt mit ihren "Opfern", lockt sie immer wieder ganz nah an sich heran, umgarnt sie – nur um sie kurz darauf von sich zu stoßen oder sich über sie lustig zu machen. Dabei sucht sie ganz gezielt nach Schwachstellen im Leben oder der Persönlichkeit der Männer, um sie niederzumachen. Wie dieses Spiel mit den Gefühlen ihrer "Partner", so zeichnet sich auch das Innenleben der Frau durch eine große Ambivalenz aus, eine gespaltene Persönlichkeit. Mal ist sie hocherfreut, offensiv und zu Witzen aufgelegt, mal zutiefst betrübt, introvertiert und innerlich zerrissen. Als sie dann eines Tages ein kleines Mädchen kennenlernt, erkennt sie sich in ihr wieder und beginnt zu reflektieren. Der Beginn einer Änderung ihres Verhaltens?
Das bemerkenswerte Drama "Das fehlende Grau" stammt von dem in Duisberg lebenden Regie-Paar Marc Dietschreit und Nadine Heinze, die für ihren ersten Kino-Film auch das Drehbuch schrieben. Seine Premiere erlebte der Film im Herbst 2014 auf den Hofer Filmtagen. In vier ineinander verwobenen Handlungsabläufen, erzählen sie von einer jungen Frau, die ein selbstzerstörerisches Leben führt, stets am Rande des emotional Erträglichen und alle Personen um sich herum (scheinbar) bewusst und mit voller Absicht mit den Abgrund zu reißen scheint. Bis klar wird: sie ist krank.

Die Berliner Schauspielerin Sina Ebell zeichnet mit ihrer zwischen aufreizend-lasziver Verführungskunst und zurückgezogener Schüchternheit changierenden Person das komplexe Bild einer zerrissenen Persönlichkeit und Seele. Ohne Zweifel leidet die namenlose Frau, die in einer namenslosen Stadt lebt, an einer psychischen Störung, die Filmemacher vermeiden es jedoch, den Begriff des "Borderline-Syndroms" im Film zu nennen. Er fällt kein einziges Mal, dennoch deutet alles auf diese psychische Erkrankung hin: die Sucht nach Beachtung und Nähe einerseits, die Unfähigkeit, Nähe und Liebe zuzulassen, andererseits. Eine Persönlichkeit die zwischen Schwarz und Weiß tendiert, zwischen den Extremen. Ein Zwischenton fehlt, das Grau fehlt. Ablehnung, Anziehung, Selbsthass und das Verlangen nach Aufmerksamkeit wechseln dabei im Sekundentakt. Ebell spielt diese zutiefst gestörte Person zu jeder Zeit glaubwürdig, ihr Spiel wirkt nie aufgesetzt, gekünstelt oder gar unfreiwillig komisch.
Besonders krass sind jene Szenen geraten, die das volle Ausmaß der Störung deutlich machen: wenn sie immer wieder im Bad verschwindet, um sich Unmengen an Duschgel in den Mund zu schütten und zu schlucken oder wenn man als Zuschauer kurz nach der Bekanntschaft mit dem kleinen Mädchen kurzzeitig verwirrt ist und nicht weiß, ob hinter dem Interesse an dem Mädchen nicht auch sexuelle stehen. Aber es ist das unbändige Verlangen nach Akzeptanz, danach, die eigene Person zu verstehen und zu reflektieren. Sie erkennt sich in dem kleinen Mädchen wieder und nutzt es als Spiegel. In dem kindlichen Wesen entdeckt und erkennt sie letztlich auch ihr eigenes unreifes, naives und lolitahaftes Verhalten.

Ihre "Opfer" tun einem als Betrachter dabei immer wieder auch gehörig leid. Ebenso wie die Rollen unterschiedlich sind, in sie bei ihren nächtlichen Trips schlüpft, so sind es auch die Männer, die verschiedener nicht sein könnten:  da gibt es den unerfahrenen, dicklichen Waschmaschinen-Vertreter, den gutaussehenden Mitt-Dreißiger mit Frau und Kind und schließlich den geschiedenen Mann jenseits der 40, der mit dem Alleinsein einfach nicht klarkommt.

Bestürzung und auch Verwunderung lösen jene Momente aus, wenn sich die Frau ganz plötzlich wandelt: von der flirtwilligen, charmanten Verführerin in ein boshaftes und die Gefühle der Männer zutiefst verletzendes Biest. An diesem Punkt hat der Zuschauer den Männern etwas voraus: sie wissen, oder ahnen zumindest, dass diese Frau psychisch krank ist, die versetzten Männer hingegen ärgern sich einzig über das ambivalente, unerklärliche Verhalten der Frau. Dietschreit und Heinze halten sich dabei nie lange mit Erklärungen auf, es gibt keine Zusatz- oder Hintergrundinfos, zudem ist der Film nach 75 Minuten bereits zu Ende. Umso länger wird er jedoch nachwirken.

Björn Schneider