Das finstere Tal

Das kleine Österreich ist allemal für großes Kino gut. Wie bei Michael Haneke ist auch hier der Berliner X-Filmer Stefan Arndt als Produzent im Boot. Heimatfilm trifft Western, so lautet das Motto dieser Verfilmung des packenden Romandebüts von Thomas Willmann. Ein Fremder reitet in ein abgeschiedenes Bergdorf. Die Bewohner reagieren abweisend. Noch ahnen sie nicht, dass der geheimnisvolle Besucher einige blutige Rechnungen zu begleichen hat. Sergio Corbucci stand Pate für dieses meisterhafte Rachedrama aus Tirol. Sam Riley gibt den wortkargen Helden so cool wie einst Clint Eastwood. Die visuell famose Bildsprache sowie die raffinierte Dramaturgie schaffen cleveres Genrekino, wie es hierzulande selten zu erleben ist. Ein perfekter Schneewestern!

Bayerische Filmpreise 2014: Beste Regie Andreas Prochaska und Bester Hauptdarsteller Tobias Moretti.

Webseite: www.dasfinsteretal.x-verleih.de

Österreich / Deutschland 2014
Regie: Andreas Prochaska
Darsteller: Sam Riley, Paula Beer, Tobais Moretti, Clemens Schick, Helmuth Häusler, Martin Leutgeb
Filmlänge: 115 Minuten
Verleih: X Verleih AG
Kinostart: 13. März 2014

PRESSESTIMMEN:

"Selten hat deutschsprachiges Genrekino so gut ausgesehen. Und so gewaltig."
SPIEGEL Online

"Die Deutschen können doch Western."
Berliner Morgenpost

Filmkritik:

„Es gibt Sachen, über die darf man nicht reden. Sachen, die früher passiert sind. Aber dass man nicht über sie reden darf, heißt nicht, dass man’s je vergessen kann“, so unheilsschwanger gibt eine Mädchenstimme gleich zu Beginn die Richtung dieser Geschichte vor. Düstere Geheimnisse umgeben das abgelegene Alpenhochtal, in dem Ende des 19.Jahrunderts der mächtige Brenner-Bauer und seine sechs Söhne das absolute Sagen haben. Kurz bevor die winterlichen Schneemassen das Dorf völlig von der Außenwelt abschneiden, trifft ein Fremder auf seinem Pferd ein. Er nennt sich Greider und stellt sich als Fotograf vor. Die Begrüßung durch den ältesten Brenner-Sohn fällt unwirsch aus, für eine Handvoll Goldmünzen darf Greider schließlich bleiben und wird bei der Witwe Gader und ihrer Tochter Luzi einquartiert. „Das ist kein Ort für dich. Noch kannst du weg“, die Warnung lässt den Fotografen so unbeeindruckt wie erste Pöbeleien.
 
Bald erschüttern Todesfälle das kleine Dorf. Einer der Brenner-Söhne kommt beim Baumfällen ums Leben, ein anderer kehrt von der Jagd nicht mehr zurück. Der Patriarch ist erschüttert, besteht aber mit Nachdruck darauf, dass die Hochzeit der junge Luzi wie vorgesehen stattfindet. Dass der Brenner-Clan die frisch Vermählte für sich beansprucht, gehört zur düsteren Tradition. Während der Bräutigam sich ohnmächtig in sein Schicksal fügt, schreitet Greider ein. Bevor es zum großen Showdown in einer abgelegenen Hütte kommt, muss der schweigsame Fremde freilich erst noch ein paar alte Rechnungen begleichen – Leichen pflastern seinen Weg, bis in den Beichtstuhl!
 
Andreas Prochaska zählt in seiner Heimat zu den künstlerisch und kommerziell erfolgreichsten Regisseuren, der zudem in unterschiedlichsten Genres sattelfest ist. Mit dem Horror-Thriller „In drei Tagen bist du tot“ gelang ihm 2006 Österreichs besucherstärkster Kinofilm, vier Jahre später wiederholte er diesen Coup mit der Komödie „Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott“. Für sein TV-Drama „Das Wunder von Kärnten“ bekam er gerade den Emmy und auch dieser Austro-Western wurde bereits mit dem Bayrischen Filmpreis gekürt. Diese Erfolgsstory dürfte fortgeschrieben werden, denn Prochaska bietet ein meisterhaftes Rache-Drama, das den Vergleich mit Sergio Corbucci kaum zu scheuen braucht: auf den Spaghetti-Western folgt nun gleichsam der Knödel-Western.   
 
Mit archaisch anmutenden Bildern zelebriert der Regisseur die unwirtliche Landschaft im winterlichen Alpental und lässt seine (wahrlich bemitleidenswerten!) Akteure durch Schlamm und Schnee stapfen. Insbesondere die Baumfällarbeiten mit Holzrutschen geraten zur spürbaren tour de force – für Extremes ist das Südtiroler Schnalstal allemal gut: Unweit der Drehorte fand Ötzi seine vorletzte Ruhestätte, und auch Reinhold Messner hat hier sein Domizil.
 
Wie es sich für Western und Heimatfilm gehört sind Gut und Böse schnörkellos verteilt und werden hier exzellent dargeboten. Tobias Moretti spielt seinen fiesen Bösewicht bis zum Anschlag. Paula Beer mimt die naive Braut, die sich traut. Und Sam Riley wandelt als wortkarger Einzelgänger mit unangestrengter Coolness in den „Pale Rider“-Spuren von Clint Eastwood: Gnadenlos bei seinen Gegnern, charmant bei den Damen. Wie er nach brav abgelegter Beichte in der Kirche den Racheengel gibt, das könnte auch Tarantino gefallen, wobei auf die großen Grausamkeiten des Romans im Film zum Glück weitgehend verzichtet wird. Nicht nur die Schauspieler überzeugen, selbst die Statisten sind in diesem Melodrama auffallend gut und sorgen mit ihren ausdrucksstarken, fast knorrigen Gesichtern für stimmige Atmosphäre – im Abspann werden sie eigens nochmals als „Greiders Fotografien“ gewürdigt.
 
Last not least fehlt nicht die Moral von der Geschicht’: Die Befreiung von einem tyrannischen System ist nicht immer von Erfolg gekrönt. So weiß die weise Luzi in ihrem Schlusswort zu berichten: „Die Freiheit ist ein Geschenk, das sich nicht jeder gern machen lässt.“
 
Dieter Oßwald