Das Floß

Von alternativen Lebensmodellen, dem Streben nach individuellem Liebesglück und vom Mut, sich irgendwann im Leben fest an eine Person zu binden – von diesen Themen handelt „Das Floß“, der erste abendfüllende Film von Julia C. Kaiser. An diesen Inhalten arbeitet sich ein frischer, unverbrauchter Cast ab, der sich durch einen mit geringstmöglichem Budget realisierten Film improvisiert. Die ab und an aufkommenden inhaltlichen Leerläufe und fehlenden Spannungsmomente werden durch den  ausgewogenen  Mix aus melancholischen und humorvollen Szenen problemlos ausgeglichen. 

Webseite: www.darlingberlin.de

Deutschland 2015
Regie: Julia C. Kaiser
Drehbuch: Julia C. Kaiser
Darsteller: Julia Becker, Anna König, Christian Natter, Till Butterbach
Länge: 90 Minuten
Verleih: Daredo Media
Kinostart: 07. Januar 2016
 

FILMKRITIK:

Nach sieben Jahren Beziehung will Katha (Julia Becker) ihre Lebensgefährtin Jana (Anna König) heiraten. Auch ein gemeinsames Kind wollen sie, einen Samenspender haben sie schon. Für den Junggesellinnenabschied haben sich ihr bester Freund Charly (Til Butterbach), Bruder Tobi (Christian Natter) sowie dessen Kumpel Ken (Rhon Diels) etwas ganz Besonderes einfallen lassen: eine Floßfahrt mit reichlich Alkohol. Es könnte ein ungezwungener Trip werden, wenn Charly nicht auch noch für einen Überraschungsgast an Bord gesorgt hätte. Denn an der Fahrt nimmt auch Momo (Jakob Renger) teil, der Samenspender von Kathas und Janas geplantem Kind. Katha fällt es in Anwesenheit von Momo von Beginn an schwer, die Fahrt zu genießen. Und zu allem Überfluss steht vor der heimischen Tür auch noch Janas Ex-Freundin, die Jana immer noch nachstellt und auf eine  zweite Chance hofft.

Seit ein paar Jahren ist der Begriff „Mumblecore“ fester Bestandteil der deutschen Independent-Filmszene. Er steht für eine kreative und frische, völlig freie Art des Filmemachens und hat seinen Ursprung in den USA. „Das Floß“ von Regisseurin Julia C. Kaiser, die mit diesem Werk ihr Langfilmdebüt gibt, ist ein Paradebeispiel für einen solchen Film. Realisiert mit einem über Crowdfunding generierten Mini-Produktionsbudget, improvisierten und agierten die Darsteller weitestgehend spontan vor der Kamera. „Do-it-yourself“ lautet ein Credo dieser Machart und „ein Drehbuch dient als Versprechen, welches gebrochen werden darf“, wie Kaiser es selbst formuliert. Entstanden sind die Floß-Szenen auf der mecklenburgischen Seenplatte vor idyllischer Natur-Kulisse.

Von alternativen Lebensmodellen abseits herkömmlicher Muster, dem Streben nach individuellem Lebens- sowie Liebesglück und über den Mut, sich irgendwann für eine Person zu entscheiden und sesshaft zu werden. Von all diesen Aspekten handelt der entspannte, heitere aber immer wieder auch nachdenkliche Film. Es sind universelle Themen unabhängig von sexueller Präferenz, Alter oder Geschlecht. Dem Film kommt der hohe Improvisationsgrad zugute, dadurch wirken die handelnden Figuren und ihre Verhaltensweisen stets authentisch und lebensecht.

Für den Film spricht zudem der Charme des Unperfekten. Unscharfe oder verwackelte Kamerabilder sind Bestandteil der dem Film zugrunde liegenden Spontaneität und kreativen Freiheiten, losgelöst von starren inhaltlichen Vorgaben und dem Druck eines millionenschweren Budgets. Durch den begrenzten Handlungsort sind die Beteiligten, allen voran Katha, gezwungen, sich mit sich selbst, ihren gewählten Lebensformen sowieden Zukunftsplänen auseinanderzusetzen. Das verleiht dem Film auch etwas kammerspielartiges, denn dem Handlungsort bzw. Floß kann man nur schwer entfliehen, es sei denn, man springt ins kalte Wasser der mecklenburgischen Seenplatte.

Der Film hat aber auch mit einigem inhaltlichen Leerlauf und einer gewissen Handlungsarmut zu kämpfen. Allzu viel passiert nicht. Auf dem Floß wird getrunken, gelacht, gegessen, es entstehen (unerwartete) Gefühlswirrungen und ab und zu zeigt der Film das Geschehen zuhause bei Jana, die sich mit ihrer hartnäckigen Ex herumärgern muss. Von außen betrachtet ist das schon alles, was der Film an Inhalt zu bieten hat. Umso mehr spielt sich aber in den Figuren selbst und in deren aufgewühlten Innenleben ab, das die Darsteller glaubwürdig nach außen kehren und für den Zuschauer greifbar machen. Zudem hält der Film gekonnt die Waage zwischen nachdenklichen und witzigen Szenen.

Eine der gelungensten Szenen des Films zeigt – nach der Einladung von Samenspender Momo – ein weiteres missglücktes Geschenk der Freunde an Katha: eine aus den Untiefen der Seenplatte „auftauchende“ blonde Stripperin, die Katha u.a. mit Schokoladensauce beschmiert und mit Wasser bespritzt. Was die Beschenkte von dem fragwürdigen Auftritt hält, verrät ihr eindeutiger, herrlich komischer Blick während der kompletten über dreiminütigen Strip-Szene.

Björn Schneider