Das Geheimnis der Bäume

Nach „Die Reise der Pinguine“ und „Der Fuchs und das Mädchen“ präsentiert Luc Jacquet nun Bilder aus der faszinierenden Welt des Regenwaldes.
Bäume passen sich an, verteidigen sich und kommunizieren auf virtuose Weise, sie bieten dadurch unzähligen Organismen eine Lebenswelt: Seit Jahrzehnten schon setzt sich der Biologe Francis Hallé dafür ein, den Prozess von Werden, Wachsen und Vergehen nicht nur aus Sicht der tierischen Erdbewohner, sondern einmal aus Sicht der Pflanzen wahrzunehmen. Der poetische Naturfilmer Luc Jacquet, oscarprämiert für „Die Reise der Pinguine“, setzt die Einsichten und Erkenntnisse des berühmten französischen Botanikers in kunstvolle und filmtechnisch spektakuläre Betrachtungen um, die auch für Kinder verständlich sind. Über das vereinfacht erklärte Entstehen der von Menschen unberührten Urwälder entfaltet er die Magie und den Zauber der Pflanzenwelt.

Webseite: www.dasgeheimnisderbaeume.de

Il était une forêt
F 2013
Regie: Luc Jacquet, Idee: Francis Hallé
Sprecher: Bruno Ganz
Länge: 78 Min.
Verleih: Weltkino
Kinostart: 2. Januar 2014

PRESSESTIMMEN:

FILMKRITIK:

Im tiefen tropischen Dschungel, hoch oben auf den dicken Ästen eines riesigen Baumes sitzt ein älterer Herr in Drillichzeug und zeichnet konzentriert Blätter und Zweige in seinen Block. Die Baumkrone umrankt Fancis Hallé wie ein riesiges Nest. Langsam zieht die Kamera nach oben, der Mann wird immer kleiner und verschwindet schließlich in den Wipfeln, die in ihrer Unmenge ein dunkelgrünes Meer ergeben. Man hört seine Stimme aus dem Off (in der deutschen Fassung ist es die von Bruno Ganz): „Mein ganzes Leben habe ich in den Wäldern verbracht und den Bäumen zugesehen, wie sie wachsen.“

Seine Skizzen werden lebendig, die Strichzeichnungen legen sich über die Filmbilder und erklären die innere Wasserversorgung der Bäume, das Aufkeimen von Fruchtkernen im Urwaldboden und das Wachsen der Pflänzchen und Farne. In den Baumstämmen und Blättern pulsiert es. Der Blick reicht nun von unten in die sonnenbeschienenen gewaltigen Baumkronen, die Millionen Lebewesen ein Zuhause geben. Nur sechs Prozent der Erdoberfläche nehmen die Regenwälder ein, ihr Anteil an der Biodiversität beträgt aber mehr als 50 Prozent. Gut 70 Jahre dauert es, bis ein Moabi-Baum Früchte trägt. Er wird bis zu 60 Meter hoch, seine Stämme haben gut fünf Meter Durchmesser: „Die Kunst der Bäume ist es, im Gleichgewicht zu bleiben, während sich die Äste ausbreiten.“ Auch ohne menschliche Eingriffe können sie früh eingehen. Zeitraffer verdeutlichen die Umschlingung der riesigen Stämme durch Lianen, die nach 30 Jahren tödlich endet.

Die Kamera spielt mit den Dimensionen. Flinke Ameisen wehren heroisch die schwerfälligen Raupen ab, die gefährlich große Löcher in die Blätter fressen und so den Baum durch stark verringerte Photosynthese zum Sterben bringen können. „Wie können Bäume leben, ohne sich zu bewegen?“, fragt der Erzähler. Über bio-chemische Prozesse verändern sie ihre Farbe, ihre Kerne lassen sie von den Tieren transportieren. Mikroskopisch feine Aufnahmen zeigen winzige Lebewesen, die genau die Form und Farben ihrer unmittelbaren Umgebung angenommen haben. Einige Pflanzen und Tiere leben so eng zusammen, dass sie einander zum Verwechseln ähnlich werden: „Tiere herrschen über den Raum, Bäume über die Zeit.“ Bäume werden älter als jedes tierische Lebewesen.

Vor knapp 30 Jahren begann Fancis Hallé den Regenwald von oben aus zu erforschen. Mit einem Luftschiff glitt er über die Wipfel, ließ sich in einem Floß auf die Baumkronen herab und veröffentlichte anschließend ein Dutzend Bücher, in denen es immer wieder um die Bäume und deren Erhalt geht. Natürlich ist dieser Film in Teilen ein Plädoyer gegen die Abholzung der Regenwälder. Auf diskrete Weise, denn er bleibt eine Erzählung mit Bildern, Francis Hallé spricht nie direkt in die Kamera. Wenn auch die Begleitmusik manchmal zu lieblich wogt, schaffen Jacquet und Hallé mit phantastischer Fotografie und gut platzierten Zeichentrickeinlagen eine philosophisch-poetische, fesselnde Sicht auf eine komplexe Lebenswelt, in der der Mensch nur eine Randerscheinung bildet.

Dorothee Tackmann