Das Glück der großen Dinge

Vor über 100 Jahren schrieb Henry James den Roman „Maisie“, in dem es um die Trennung eines Elternpaares und die Fallstricke des damaligen Sorgerechts ging. „Das Glück der großen Dinge“ des Regie-Gespanns Scott McGehee und David Siegel („The Deep End“) nimmt die Vorlage und übersetzt sie in die heutige Zeit. Das Ergebnis ist kluges, warmherziges Kino, das unerwartet viel Komik und Lebensfreude ausstrahlt, wofür vor allem die junge Hauptdarstellerin verantwortlich ist.

Webseite: www.dasglueckdergrossendinge.de

OT: What Maisie knew
USA 2012
Regie: Scott McGehee, David Siegel
Drehbuch: Nancy Doyne, Carroll Cartwright
Darsteller: Onata Aprile, Julianne Moore, Alexander Skarsgård, Steve Coogan, Joana Vanderham
Laufzeit: 99 Minuten
Verleih: Pandastorm Pictures, Vertrieb: Neue Visionen
Kinostart: 11.7.2013

PRESSESTIMMEN:

"Die sechsjährige Maisie erlebt die Trennung der Eltern. "Das Glück der großen Dinge" ist kein tristes Scheidungsdrama, sondern zeigt die lebensbejahende Sicht des Kindes."
DIE ZEIT

"Das Scheidungsdrama mit Julianne Moore und Alexander Skarsgård überzeugt als kluges und einfühlsames Plädoyer für ein Modell, das viel zu oft verdammt wird – die Patchwork-Familie."
DER SPIEGEL

FILMKRITIK:

Wenn eine Ehe scheitert, aus der Kinder stammen, dann ist dies für alle Beteiligten in der Regel ein besonders schmerzhafter und verwirrender Einschnitt in ihr Leben. Der Streit ums Sorgerecht, um Besuchszeiten und verletzte Eitelkeiten wird nicht selten auf dem Rücken der Schwächsten ausgetragen. So ergeht es auch der kleinen Maisie (Onata Aprile). Plötzlich steht die Sechsjährige zwischen ihrem Vater (Steve Coogan), einem geschäftstüchtigen Kunsthändler, und ihrer Mutter Susanna (Julianne Moore), die als Rockmusikerin in der Midlife-Crisis gerade an einem Comeback arbeitet. Das einst glückliche Paar lässt sich scheiden, was Maisies Leben zunächst völlig auf den Kopf stellt. Auf einmal lebt sie an zwei unterschiedlichen Orten, die beide ihr Zuhause sein sollen. Während sich ihr Daddy auf eine Beziehung mit der Nanny (Joanna Vanderham) einlässt, heiratet ihre Mutter recht bald den jungen Barkeeper Lincoln (Alexander Skarsgård). Die ohnehin bereits verwirrende Situation wird dadurch für Maisie nur noch unübersichtlicher.

Dass die Grundzüge der Geschichte sehr vertraut klingen, mag neben der weit verbreiteten Thematik auch damit zusammenhängen, dass der Film auf einem inzwischen über 100 Jahre alten Roman Henry James’ basiert. Damals war die Idee eines gemeinsamen Sorgerechts gänzlich neu. Für James hatte diese bei aller Tragik auch etwas Skurriles, was er in Maisies Blick auf die Welt zum Ausdruck brachte. Der Film des Regie-Duos Scott McGehee und David Siegel, denen bereits vor über zehn Jahren mit „The Deep End“ ein erster Independent-Erfolg gelang, übersetzt den Inhalt des Romans in unsere heutige Zeit. Dabei zeigt sich, dass James’ Erzählung kaum etwas an Aktualität und Relevanz verloren hat. Auch in „Das Glück der großen Dinge“ sehen wir die Welt konsequent mit Maisies Augen. Sie ist es, die im Zentrum eines bisweilen heftigen Sturms steht, der um sie herum viele Verwüstungen und Verletzungen anrichtet.

Das Erstaunliche vor diesem durchaus ernsten Hintergrund ist, wie wenig sentimental oder gar rührselig der Film daherkommt. Seine Tonlage ist überaus lebensbejahend, viele Szenen besitzen eine geradezu bemerkenswerte Leichtigkeit und Komik. Dabei wohnt ihnen meist eine gewisse Tragik inne, beispielsweise wenn Maisie mal wieder vergeblich auf ein Elternteil warten muss oder wie eine Trophäe von Mutter zu Vater hin- und herwandert. Doch McGehee und Siegel waren nicht an einer Neuauflage von „Kramer gegen Kramer“ interessiert. Ihr Ansatz war ein gänzlich anderer. Da der Zuschauer die nicht selten verwirrenden Ereignisse in Maisies unmittelbarem Umfeld aus ihrem Blickwinkel erlebt – die Kamera befindet sich zumeist auf Augenhöhe zu ihr –, wirkt vieles anders, als Erwachsene es vermutlich wahrnehmen würden. McGehee und Siegel beschreiben Maisie als unschuldig und großherzig – beides ist als Grundrauschen in diesem tragikomischen Sorgerechtskarussell stets wahrnehmbar.

Schließlich führt die Handlung an einen Ort, der für einen Neubeginn stehen könnte. Aus dem hektischen Großstadtleben verschlägt es Maisie ans Meer, an ein geradezu idyllisches Strandhaus. Spätestens ab diesem Moment ist „Das Glück der großen Dinge“ auch als Märchen und eskapistisches Kino zu verstehen, das sich eine kindliche Naivität unbedingt bewahren möchte. Dass diese Rechnung am Ende aufgeht, ist nicht zuletzt den Darstellern zu verdanken. Die kleine Onata Aprile wird wohl noch öfter vor einer Filmkamera stehen, so mitfühlend und echt wirkt das, was sie uns hier zeigt. In ihrem Schatten stehen dann auch selbst Profis wie Julianne Moore und Steve Coogan. Und das ist bei diesen charismatischen Hollywood-Stars durchaus ein kleines Kunststück.

Marcus Wessel