Glück

Bewundernswert: Immer wieder wagt sich Doris Dörrie an schwierige Themen. Diesmal widmet sie sich zwei Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben: Irina ist eine illegale Prostituierte und Kalle ein Punk, der auf der Straße lebt. Sie begegnen sich, sie lieben sich. Dann stirbt ein Freier, Kalle versucht die Leiche zu beseitigen, um Irina zu schützen, und wird erwischt. Zum Glück gibt es einen vernünftigen Strafverteidigers… Entstanden ist ein unbequemer, ein schwieriger Film, der kompromisslos die Partei der Außenseiter ergreift. In ihrem Bemühen, das Leben realistisch und in seinen extremen Facetten darzustellen, kann Doris Dörrie sich vor allem auf ihre großartige Hauptdarstellerin verlassen.

Webseite: www.glück-film.de

Deutschland 2012
Regie und Buch: Doris Dörrie (nach einer Kurzgeschichte von Ferdinand von Schirach)
Darsteller: Alba Rohrwacher, Vinzenz Kiefer, Matthias Brandt, Oliver Nägele, Maren Kroymann, Christina Große
Länge: 112 Minuten
Verleih: Constantin
Kinostart: 23. Februar 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Irina ist eine von vielen illegalen Huren in Berlin. In ihrer Heimat hat sie Schreckliches erlebt, sie wurde im Krieg vergewaltigt, ihre Eltern wurden ermordet. Das Überleben hat Irina stark gemacht, und sie hat etwas, was der Punker Kalle nicht hat: Sie hat Kraft, kämpft für sich und für ein geordnetes Leben, auch wenn sie sich mit Stecknadeln manchmal selbst verletzen muss, wenn es ihr gar zu schlecht geht. Der körperliche Schmerz überlagert den seelischen und dann kann sie wieder weitermachen. Kalle lebt auf der Straße, ihm ist eigentlich alles egal. Aber Irina liebt ihn, und Kalle liebt Irina, und weil das so ist, will Kalle sich ändern. Sie mieten gemeinsam eine Wohnung, die sie so spießig einrichten, dass es beinahe komisch ist, wenn es nicht so rührend wäre: mit Kunstrasen und Plastikreh auf dem winzigen Balkon. Aber hier sind sie glücklich. Kalle macht es nichts aus, dass Irina nun im gemeinsamen Bett ihre Freier empfängt, oder er tut so, als mache er sich nichts draus. Er geht, wenn sie arbeitet und Geld verdient.

Doch eines Tages werden sie vom Glück verlassen. Ein Freier stirbt in Irinas Armen, sie läuft in Panik weg. Kalle kommt nach Hause, findet die Leiche und glaubt, dass Irina den Mann getötet hat. Um sie zu schützen, zerlegt er den Toten und wird erwischt, als er die Leichenteile verstecken will. Zum Glück hat er einen aufmerksamen Strafverteidiger.

Das ist auf den ersten Blick abstrus, aber das Leben kümmert sich bekanntlich wenig darum, ob etwas glaubwürdig erscheint oder nicht. Es geht vordergründig um eine Liebesgeschichte, aber tatsächlich geht es ums Überleben mit und durch Liebe, um ein bisschen Glück und die Angst, es zu verlieren. Doris Dörries Drehbuch entstand nach der Kurzgeschichte „Glück“, die der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach nach einer wahren Geschichte aus seinem Gerichtsalltag schrieb. Vielleicht aus diesem Grund schwankt der Film gelegentlich zwischen Krimi und Romanze, bleibt spröde durch seine beobachtende Distanz zu den Figuren und wirkt dabei manchmal eher wie die Erklärung eines Phänomens als wie eine in sich geschlossene Geschichte. Das kann durchaus reizvoll sein, erwartet aber viel Einfühlungsvermögen von einem sehr erwachsenen Publikum, das bereit ist, sich auf eine Handlung einzulassen, die von Brüchen und Gegensätzen lebt: Da lebt ein Mensch sein kleines Glück und im nächsten Moment stürzt er ins tiefste Leid. Das hat etwas mit Fallhöhe zu tun. Je größer das Glück, desto schlimmer erscheint das Unglück, das es auslöscht. Und umgekehrt: Je furchtbarer das Leid, desto wichtiger werden die kleinsten Momente des Glücks.

Alba Rohrwacher als Irina ist es zu verdanken, dass dieser unbequeme Film nicht ins offensichtliche Melodrama abgleitet. Irina ist traumatisiert, gestört, verwundet, eine Frau, die allen Grund hätte zu verzweifeln. Aber sie gibt nicht auf, sondern arbeitet zielstrebig an ihrem Leben: eine graziöse Power-Elfe, die für den Moment lebt und alles ausblenden will, was nicht zu ihren Zielen passt. Mit einem Blick ihrer aufmerksamen Augen verzaubert sie Kalle und formt ihn nach ihrem Willen. Vinzenz Kiefer spielt diesen Großstadtjungen, der ohne Irina verloren wäre, als unreifen, linkischen Bengel.

Der Strafverteidiger (Matthias Brandt) begegnet Irina zu Beginn, er taucht zwischendurch wieder auf – wie ein guter Geist inmitten der anonymen Großstadt – und ist schließlich der Retter in der Not. Sein Erscheinen ist, auch wenn es ein wenig überkonstruiert wirkt, symptomatisch für eine Geschichte, die mit viel Engagement die Partei der Schwachen ergreift. Denn dieser Rechtsanwalt mit dem sprechenden Namen Noah Leyden erfährt durch Irina und Kalle, wie gut es ihm eigentlich geht. Er kann sich wieder freuen. Und das ist ja durchaus erstrebenswert.

Gaby Sikorski

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