Einst reichte es in Deutschland, tüchtig zu sein, um ein gutes Leben zu haben, doch dieses Versprechen des Kapitalismus wird zunehmend schwerer zu halten, mit zunehmend deutlicher zu spürenden sozialen Folgen. Allzu viele Filmemacher beschäftigen sich jedoch nicht mit diesem Themenfeld, anders Franz Müller, der mit „Das Glück der Tüchtigen“ einmal mehr einen genau beobachteten, pointierten Film über Menschen aus ganz normalen Verhältnissen abliefert.
Über den Film
Originaltitel
Das Glück der Tüchtigen
Deutscher Titel
Das Glück der Tüchtigen
Produktionsland
DEU
Filmdauer
104 min
Produktionsjahr
2025
Regisseur
Müller, Franz
Verleih
RFF Real Fiction Filmverleih e.K.
Starttermin
16.04.2026
Mit gerade einmal 29 Jahren scheint es Mira (Katharina Derr) geschafft zu haben: Sie hat die Leitung einer Supermarktfiliale übernommen, ist mit dem sympathischen Tarik (Leonidas Emre Pakkan) verheiratet, einem ehemaligen Rapper, der sich nun als Hausmann um die beiden Töchter Laila (Rona Regjepi) und Estelle (Alexandra Huber) kümmert.
Doch das Leben als Chefin ist nicht so leicht, wie sich Mira das vorgestellt hat: Angestellte feiern krank und zeigen sich selbst von der nicht unbedingt anspruchsvollen Arbeit überfordert, vor allem aber wollen Schulden beglichen werden. Da trifft es sich gut, dass Mira ihr Stiefvater Robert (Alex Brendemühl) über den Weg läuft, der Ex ihrer Mutter Maren (Marie-Lou Sellem). Spontan bietet Robert Mira ein zinsloses Darlehen über 80 000 Euro an, ein Betrag, der Miras Probleme auf einen Schlag lösen würde.
Doch bevor sie mit dem Geld ihre Schulden begleichen kann, hat Tarik das Geld in Kryptowährungen investiert, denn noch einmal wollte er die scheinbar sichere Chance auf viel Geld nicht verpassen, so wie damals, als Mira nicht in Bitcoins investieren wollte. Dummerweise ist Tarik Betrügern aufgesessen, das Geld weg, die Probleme groß.
Fortsetzungen sind im Mainstream-Kino zwar an der Tagesordnung, im künstlerisch anspruchsvollen Teil des Filmschaffens allerdings eine Seltenheit. „Das Glück der Tüchtigen“ ist so eine Ausnahme, ist eine – wenn auch lose – Fortsetzung des vor gut 15 Jahre entstandenen Films „Die Liebe der Kinder.“ Damals hatten Alex Brendemühl und Marie-Lou Sellem zwei Geschiedene gespielt, die sich ineinander verliebten, nur um erleben zu müssen, dass sich ihre Kinder ebenfalls aufeinander einlassen. Eines dieser Kinder wurde von Katharina Derr gespielt, um deren Figur Mira nun die Fortsetzung gebaut wurde.
Kennen muss man den ersten Teil jedoch nicht, „Das Glück der Tüchtigen“ erzählt eine eigenständige Geschichte, variiert die Themen, die Franz Müller in seiner Arbeit seit langem beschäftigen. Und das ist das Leben von ganz normalen Menschen, die in ganz gewöhnlichen Kleinstädten leben und ganz einfach arbeiten. Kein Leben in gentrifizierten Großstädten ist hier zu sein, kein Glamour, keine Hipness, nichts Cooles.
Allein dieser Ansatz macht die Filme von Franz Müller zu etwas ungewöhnlichem, was aber vor allem deswegen funktioniert, weil Müllers blick auf seine Figuren, ihre Eigenheiten und Macken stets von Sympathie getragen ist. Ohne dick aufzutragen beobachtet er die komplizierten Familiengefüge, etwa Marens etwas abfälliger Blick auf die Ehe ihrer Tochter mit einem muslimischen Mann, der mit seinen tätowierten Armen und seinem Wunsch nach schnellem Geld auf den ersten Blick wie ein Klischee wirkt, bald aber komplexer, vielschichtiger erscheint.
Neben der genauen Beobachtung von Familienstrukturen, überzeugt „Das Glück der Tüchtigen“ nicht zuletzt mit seinem Blick auf die Arbeitswelt und die zunehmend verlogen wirkenden Versprechen des Kapitalismus. Eigentlich scheint Mira alles richtig gemacht zu haben, hat sich selbst etwas aufgebaut, doch all das reicht nicht. Schon die ersten Schwierigkeiten drohen ihren Traum zu beenden, einerseits notwendige Regeln zum Arbeitnehmerschutz machen ihr das Leben schwer, an jeder Ecke wird gespart und es reicht dennoch nicht. Doch um ein düsteres, am Ende auch deprimierendes Sozialdrama à la Ken Loach ist es Franz Müller nicht gelegen. Er zeigt mit feinem Humor und sanfter Melancholie das Leben von ganz gewöhnlichen Menschen, denen man ein bisschen mehr Glück wünschen würde.
Michael Meyns







