Das Hochzeitsvideo

Eine deutsche Komödie ohne Schweiger und Schweighöfer? „Sommermärchen“-Erzähler Sönke Wörtmann macht’s möglich. Statt wie einst in die Umkleidekabine der Nationalkicker, begibt sich der Erfolgsregisseur diesmal auf eine Hochzeitsgesellschaft. Beim Genre wechselt er von der echten zur inszenierten Dokumentation, verzichtet bei dieser Mockumentary konsequent auf Stars und setzt auf die frischen Gesichter eines No-Name-Ensembles. Eine Woche lang werden die turbulenten Hochzeitsvorbereitungen einer Chaos-Truppe begleitet. Formal wird das sonst übliche „Found Footage“-Gestammel endlich einmal auf eine neue, elegante Ebene gehoben. Inhaltlich bietet sich eine flott erzählte Komödie mit liebenswerten Figuren, unangestrengter Situationskomik sowie lässigem Wortwitz: „Hangover“ mit leichtem Florett.

Webseite: dashochzeitsvideo.com

Deutschland 2012
Regie: Sönke Wortmann
Drehbuch: Gernot Gricksch
Darsteller: Marian Kindermann, Lisa Bitter, Martin Aselmann, Lucie Heinze, Stefan Ruppa, Christiane Lamm, Michael Abendroth, Susanne Tremper, Matthias Brenner
Filmlänge: 110 Minuten
Verleih: Constantin
Kinostart: 10. Mai 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Nach vier Monaten romantischer Liebe wollen die hübsche Pia (Lisa Bitter) und der charmante Sebastian (Marian Kindermann) endlich heiraten. Das perfekte Paar plant die perfekte Hochzeit. Daniel, des Bräutigams bester Kumpel, begleitet mit seiner Digicam eine Woche lang das turbulente Geschehen von den ersten Vorbereitungen über den Junggesell(inn)en-Abend bis zum finalen Ja-Wort. Klar, dass bei den indiskreten Dreharbeiten allerlei Geheimnisse von Freunden und Familie entdeckt und gelüftet werden. Bereits beim ersten Empfang im schicken Schlosshotel werden die Karten dramaturgisch clever gemischt und ein amüsantes Figurenkarussell in Betrieb gesetzt. Den snobistischen Eltern des biederen Bräutigams steht die Freak-Familie der Braut gegenüber. „Hier residierte doch auch schon die SS“, kommentiert Pias flippige Mutter schnippisch die vornehme Party-Location. Ihr Gatte, ein Buddhist, bleibt ruhig, weil er „nur bei wirklich wichtigen Dingen“ etwas sagt. Umso fröhlicher gibt der geschiedene Ex-Mann als überzeugter Hippie eine spontane Gitarren-Einlage, derweil die beiden wilden Halbgeschwister der Braut alsbald auf ihre ganz besondere Weise die Feier aufmischen werden. Die Freunde des Pärchens stehen den Familien in nichts nach. Da verschlampt der verpeilte Trauzeuge Fabian natürlich die Ringe. Mandy leidet unter ihrem übergroßen David Hasselhoff-Tattoo, dass sie sich einst in der Mauerfall-Euphorie auf den Rücken stechen ließ. Und Macho Carlos, jener geheim gehaltene Ex der Braut, macht seinem Ruf als Pornodarsteller alle Ehre. Last not least wären da noch ein rustikaler Pfarrer, ein prominenter Überraschungsgast sowie ein ordnungsbewusster Standesbeamter, der durch seine spezielle Art der Tierliebe zum leichten Erpressungsopfer wird.

Was als verhockte Sketchparade zur läppischen Nummernrevue verkommen könnte, erweist sich als tragfähige Comedy-Konstruktion, auf dessen stabilem Figuren-Fundament die Pointen bestens aufgebaut werden. Das flotte Erzähltempo samt angenehm unangestrengter Situationskomik und lässigen Dialogen sorgen für die vergnügliche Kurzweil. Statt Gags endlos auszulutschen, zählt hier das Wenigen-Ist-Mehr-Prinzip – besonders überzeugend fällt das bei einer ganz besonderen Lutsch-Sequenz aus, von der hier nur soviel verraten werden soll, dass sie das Zeug zum Klassiker hat. Ähnlich clever fällt der selbstironische Gastauftritt von Popstar Sasha auf, der unter chronischen Bully-Verwechslungen zu leiden hat.

Bei den Hauptakteuren erweist sich der Verzicht auf bekannte Namen als gelungener Schachzug, denn das Ensemble dieser erfrischend charmanten Kino-Debütanten bietet die längst notwendige Aufforstung der Schweighöfer-Monokultur in diesem Genre. Entdeckungen für die Leinwand sind diese spielfreudigen Theatermimen allesamt.

Wer die stümperhaften Wackelbilder der inflationären „Found Footage“-Filme fürchtet, kann beruhigt sein, denn visuell bietet dieses Hochzeitsvideo professionelle Qualität – womit dem gelungenen Gute-Laune-Film auch formal nichts mehr im Weg steht.

Dieter Oßwald

Sönke Wortmann hat mit "Das Hochzeitsvideo" wieder eine leichte Komödie gedreht, seine Videoerfahrungen (von der Fußball-Nationalmannschaft) fabelhaft einbringen und viele neue, frische Gesichter präsentieren können. Das Thema liegt ihm auch, hat er doch seine Ideen von Glück, das man festhalten sollte und Familie schon öfter thematisiert. Ein ungleiches Paar will heiraten, und lässt die Tage davor und das große Ereignis selbst von einem Freund per Video festhalten. Verwicklungen inklusive Missverständnisse sind vorprogrammiert, Witz und Slapstick inbegriffen. Der Film passt zum Frühling.

"Das Hochzeitsvideo" ist voll mit witzigen, verdrehten Situationen – ein Slapstick-Film. Das Comedy-verwöhnte Publikum zwischen zwanzig und dreißig wird auf seine Kosten kommen. Sönke Wortmann hat mit dem Genre seine Erfahrungen, und – das muss man ihm lassen – ein Gespür für die adäquate Besetzung. Frische, überwiegend noch unbekannte Gesichter sind zu sehen, was dem Film gut tut. Dialoge funktionieren, weil das Zielpublikum sich mit vielem identifizieren kann und die Sprache versteht, die darauf zugeschnitten ist.

Das Video wird im Film gleich angeschaltet, denn alles ist geplant, getimt und angerichtet. Dieter heißt der Kameramann und ist ein Freund von Sebastian (Marian Kindermann), dem stolzen Bräutigam aus adeligem Haus (von Stieglitz), der sich noch nicht entschieden hat, ob er doch den Familiennamen seiner Zukünftigen Pia (Lisa Bitter) Schulz annehmen soll. Alle Verwandte und Freunde sind nobel im Schloss untergebracht, unter den misstrauischen Augen von Sebastians Eltern, die mit dem Gebaren ihrer Gäste nicht viel anfangen können. Dass Irritationen und Missverständnisse, vermischt mit Alkoholgenus, die Hochzeits-Vorbereitungen irritieren ist nachzuvollziehen – da läuft der Plot reibungslos ab. Einige satirische Anspielungen, etwa auf den Adel, auf die Hippie-Generation (Pias Eltern) sind Höhepunkte. Die Krone ist der Auftritt des Pfarrers (Artur Maria Matthiesen) vor und während der Trauung. Beim Einüben der Heiratsformel, Sebastian lässt sich einfach nicht überzeugen und kürzt immer ab, schmeißt der Kirchenmann seine Bücher auf den Boden und haut ab. Pias Ex entpuppt sich als Pornodarsteller – in einschlägigen Kreisen als "Carlos, die Keule" bekannt – und bringt den Pfarrer ins Grübeln. Irgendwoher kenne er ihn, aber woher?

Alles Andeutungen einer turbulenten Handlung, bei der es auf und ab geht, bis zum Schluss. Wut, Tränen, Eifersucht und Sex inbegriffen. Und die Video-Kamera läuft immer mit, macht zwangsläufig auch nicht vor delikaten Entdeckungen und Ereignissen halt. An sich ist das eine gute Idee. Jedoch sind echte Finessen eben selten zu sehen und die Handlung manchmal zu voll mit Klamauk. Sympathisch sind sie jedenfalls, die Darsteller, das ist die eigentliche Stärke von "Das Hochzeitsvideo", das zum schmunzeln einlädt. Schmunzeln kann man oft, die Frühlingsstimmung wartet auch vor dem Kino, und an Spuren, die der Film hinterlassen könnte, braucht der Zuschauer keine Gedanken verschwenden. Es gibt kaum welche.

Heinz-Jürgen Rippert

Sebastian und Pia lernten sich in Portugal kennen. Jetzt haben sie vor zu heiraten. Er ist Pilot und entstammt der Familie von Stieglitz. Sie heißt ganz einfach Schulz.

Ein wenig wird damit schon das Milieu charakterisiert, das die beiden Sippen umgibt. Tatsächlich geben sich Sebastians Eltern dem Anschein nach, als seien sie etwas Besseres, während Pias Vater sich eher gesellschaftlich rudimentär verhält und die Mutter – sie sind geschieden – vom Holocaust spricht und daran erinnert, dass der Ort, an dem sich alles abspielt, einst eine SS-Hochburg war.

Pias Halbschwester Despair und Sebastians Freund Daniel sollen alles auf Video festhalten: was den vielen Gästen als Glückwunschideen einfällt; den ausgelassenen Junggesellenabend, an dem eine Stripperin eine nicht ganz koschere Rolle spielt; den Junggesellinnenabend Pias, an dem die betrunkenen Mädchen auf der Polizeistation enden; den Polterabend; die Ehevorbereitungen mit dem Pastor; das Erscheinen von Pias Ex, „die Keule“ genannt, der als Pornodarsteller arbeitet; die obligatorischen Zweifel der Braut, ob sie den schweren Schritt wagen soll; den Kontakt mit dem leicht perversen Standesbeamten; den Verlust der Eheringe; schließlich den Tag der doch noch vollzogenen Trauung.

Der Film ist das, was man eine Zielgruppenkomödie nennt. Er verzichtet nicht auf Klischees, aber das Leben – Liebe und Heirat zumal – ist eben voller Klischees. Manchmal wird es leicht ordinär, doch auch das ist echt.

Sönke Wortmann weiß, wie man Filme dreht. Die Produktion ist denn auch technisch-filmisch ausgezeichnet gemacht. Die angeblichen „Video-Clips“ sind gut montiert, das junge Volk – die meisten sind Theaterdarsteller – spielt auf amüsante Weise, allen voran Lisa Bitter als hübsche Blondine Pia und Marian Kindermann als sympathischer Sebastian. Die Dialoge sprühen oft.

Liebes- und Hochzeitskomödie, leicht klischeehaft, aber routiniert gestaltet und mit teilweise netten Dialogeinfällen. Für das junge „Zielpublikum“ mit Sicherheit amüsant.

Thomas Engel