Das Leben ist nichts für Feiglinge

Eine Familie, die durch einen Todesfall mit verdrängten Problemen zu kämpfen hat und schließlich gestärkt wieder zusammenfindet. Was sich auf dem Papier wie typisches deutsches Befindlichkeitskino liest, ist im Fall von André Erkaus überaus gelungenem „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ ein gleichermaßen humorvoller wie berührender Film, der eine im deutschen Kino seltene Balance zwischen Komik und Dramatik findet.

Webseite: www.feiglinge-derfilm.de

Deutschland 2012
Regie: André Erkau
Buch: Gernot Gricksch, nach seinem gleichnamigen Roman
Darsteller: Wotan Wilke Möhring, Helen Woigh, Christine Schorn, Rosalie Thomass, Frederick Lau
Länge: 115 Minuten
Verleih: NFP, Vertrieb: Warner
Kinostart: 22. November 2012

PRESSESTIMMEN:

"…erstaunlich klischeebefreit und humorvoll …herzergreifend und toll gespielt."
STERN

"…geht erfolgreich den schmalen Pfad zwischen Melodram und Komödie."
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Beerdigungen markieren Anfang und Ende von André Erkaus Film, doch während die erste von düsterer Trauer geprägt ist, ist die zweite zwar nicht gerade fröhlich, aber doch von der Erkenntnis geprägt, dass der Tod Teil des Lebens ist. Vor allem aber haben in den dazwischenliegenden Minuten Menschen wieder zu sich und damit auch zusammen gefunden.

Schwer zu sagen, wen der Tod der Mutter bzw. Ehefrau mehr getroffen hat: Vater Markus Färber (Wotan Wilke Möhring), der wie paralysiert durch die Welt torkelt, oder seine 15jährige Tochter Kim (Helen Woigk), die mit ihren schwarzen Klamotten, Piercings und wildem Make-Up ohnehin eine Außenseiterin war und sich nun noch mehr in ihre eigene Welt zurückzieht. Im großen Haus gehen sich Vater und Tochter aus dem Weg, die Bemühungen von Markus, Normalität vorzutäuschen, führen nur zu neuen Missverständnissen. Das Trio wird komplettiert durch Markus’ Mutter Gerlinde (Christine Schorn), die mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen hat: Sie erfährt, dass sie Krebs hat. Dass sie ihrer Familie die Krankheit verschweigt und vorgibt, eine Reise nach Neuschwanstein anzutreten, während sie doch in der Chemotherapie leidet, sagt alles über die wenig ausgeprägten Familienbande der Färbers. Stattdessen kümmert sich die flippige Schauspielerin und Aushilfskrankenbetreuerin Paula (Rosalie Thomass) um die rüstige Gerlinde. Nach anfänglichen Streitigkeiten finden die beiden Frauen schnell einen Draht zueinander, der Paula zu einem erweiterten Teil der Familie macht. Und schließlich ist da noch Alex (Frederick Lau), ein betont cooler Schulabbrecher, der sich in der Rolle des Rebellen gefällt, noch viel größere Probleme mit seinen reichen, spießigen Eltern hat als Kim und zu deren erster großer Liebe wird.

Ein Todesfall als Katalysator für das Ausbrechen lang angestauter Probleme. Ein typisches Erzählmuster, das gerade im Kino mit seinen oft allzu einfachen psychologischen Mustern gern und oft benutzt wird. Doch wie André Erkau es schafft, aus diesem bekannten Stoff einen überraschenden Film zu drehen, ist bemerkenswert. Weder gerät die Geschichte zur sentimentalen Nabelschau, in der sich Figuren in extreme Gefühlswallungen hineinsteigern, herumschreien oder Geschirr zerschmettern, noch wird die Trauerarbeit zur albernen Farce, die der Geschichte jegliche Substanz raubt. Zwar gibt es auch in „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ höchst berührende Momente, in denen Markus und Kim sich aussprechen und Missverständnisse aus dem Weg räumen. Auf der anderen Seite des Spektrums fehlt es nicht an rotzig-sarkastischen Momenten, die besonders das Verhältnis zwischen Gerlinde und Paula prägen. Doch gerade wenn Gerlinde ihre Krebserkrankung mit sarkastischen Sprüchen kommentiert, um damit ihre Angst zu kaschieren, kommt die feine Balance zwischen Komik und Dramatik besonders zur Geltung. Dafür sorgen neben Gernot Gricksch Drehbuch nicht zuletzt das exzellente Darstellerensemble, aus dem besonders die Newcomerin Helen Woigk herausragt.

Gleich mit seinem Debütfilm ist André Erkau eine Rarität im deutschen Kino gelungen: Ein auch optisch überzeugender Kinofilm (die Bilder gestaltete Ngo The Chau), der eine ideale Balance zwischen berührenden und komischen Momenten findet und auf sehr unterhaltsame Weise von ganz alltäglichen Dingen erzählt.

Michael Meyns

In diesem 5-Personen-Kammerspiel mit dem gut ausgewählten Titel geht es um Markus Färber, der soeben seine Frau verloren hat; um seine Tochter Kim, die ihrem Alter (16) entsprechend auf Punk und Zombies schwört; um Markus’ Mutter Gerlinde, die an Darmkrebs mit Metastasen erkrankt ist und dem Tod entgegen geht; um die Schauspielerin Paula, deren fröhliches Wesen eigentlich ganz im Gegensatz zu ihrem Zweitjob als (Gerlindes) Krankenschwester steht; und um Kims vorübergehenden Freund Alex, dem jedoch die Schlittenhunde in Finnland lieber sind als die Treue zu Kim.

Gerlinde hat keine Chance mehr. Markus ist ob des plötzlichen Todes seiner Frau völlig gebrochen. Kim, deren Verhältnis zur Mutter offenbar nicht immer das Beste war, ist verwirrt, zieht sich zurück, bereut. Alex macht sie zwar freier, doch er ist noch zu unreif und auf ihn ist kein Verlass. Am besten, am echtesten, am menschlichsten schneidet Paula ab. Sie ist es im Grunde, die die andern wieder mitreißt, damit sie neu anfangen können. Denn für Feiglinge ist das Leben wahrlich nicht geeignet.

Eine solide Romanverfilmung mit dem alltäglichen, realistischen Auf und ab, deren Hauptpersonen einzeln ziemlich treffend charakterisiert werden: die ihren Schmerz durch eine neue Liebe betäubende Kim; der zunächst total aus der Bahn geworfene Vater; Gerlinde, die gegen ihren Krebs kämpft, sich dann jedoch geschlagen gibt; Alex, der das Leben erst noch lernen muss; Paula, die am weitesten fortgeschritten zu sein scheint.

Sowohl die Kamera als auch die Musik tragen zur richtigen Charakterisierung sowohl der Personen als auch der Atmosphäre wesentlich bei.

Und gespielt wird gut: von Wotan Wilke Möhring als Vater – differenzierter, intensiver Schmerz; von Helen Woigk als Kim – selbstbewusst und eigen; von Christine Schorn als Gerlinde – abgeklärt; von Frederick Lau als Alex – den typischen jungen Mann spielend, der sich wohl ein wenig überschätzt; von Rosalie Thomass als Paula – „seelisch verwendbar“ (Erich Kästner).

Thomas Engel