Das Schwein von Gaza

Leere Dosen, kaputte Schuhe, überhaupt: nichts als ins Meer geworfene Schweinereien gehen dem palästinensischen Fischer Jafaar ständig ins Netz. Und eines Tages ein echtes Schwein. So verrückt die Idee, so kompliziert ist es für den Muslim im israelisch-palästinensischen Grenzgebiet nun auch, das Schwein wieder loszuwerden. Der französische Schriftsteller und Journalist Sylvain Estibal erzählt in seiner Komödie ein absurdes Märchen, das einen herzlich lachen lässt, ohne jedoch den Ernst des politischen Konfliktes zu verkennen.

Webseite: www.das-schwein-von-gaza.de

OT: When pigs have wings
Frankreich/Deutschland/Belgien 2011
Regie: Sylvain Estibal
Darsteller: Sasson Gabay, Baya Belal, Myriam Tekaïa, Gassan Abbas, Khalifa Natour, Lotfi Abdelli, Khaled Riani, Uri Gabai und Ulrich Tukur als UN-Beamter.
98 Minuten
Verleih: Alamode
Kinostart: 2.8.2012

PRESSESTIMMEN:

Eine irrwitzige Filmkomödie… saukomisch! …Ins Kino gehen!
ZDF ASPEKTE

FILMKRITIK:

Zurecht ist der palästinensische Fischer Jafaar (Sasson Gabay) am Verzweifeln. Weil er nicht weiter als vier Kilometer vor der Küste des Gazastreifens seine Netze auswerfen darf, angelt er außer wertlosem Müll allenfalls mal ein paar Sardinchen. Doch eines Tages scheint der Pechvogel fette Beute gemacht zu haben – bis er zu seinem großen Entsetzen realisiert, dass es sich bei seinem Fang um ein 110 Kilogramm schweres quiekendes Hängebauchschwein handelt.

„Allah, womit habe ich das verdient?“, fragt er, denn berühren, geschweige denn verzehren darf er das Tier als Muslim nicht – und seiner Frau (Baya Belal aus „Die Frau die singt“) davon erzählen, das kommt schon gleich gar nicht in Frage. Es dem schweinefleischessenden UN-Botschafter (Ulrich Tukur) verkaufen wäre eine Option, doch der reagiert misstrausisch und cholerisch. Erschießen wiederum, das bringt Jafaar nicht übers Herz. Hoffnung macht ihm eine russisch-jüdische Siedlerin auf der anderen Seite des Zaunes. Doch die ist nur am Sperma des Schweines aus züchtungstechnischen Gründen interessiert. Bis Jafaar es in ein Fläschchen gefüllt hat, das allein schon ist ein Abenteuer für sich.

So lustig, komisch und absurd die Geschichte trotz ihres ernsten Hintergrunds bis hierhin ist, bedrohlich wird es für Jafaar in jenem Moment, als er in die Fänge islamistischer Befreiungskämpfer gerät, die seine verzweifelte Lage und ihn als Selbstmordattentäter für ihre Zwecke ausnutzen wollen. Bei allem Übel, das dem Unglücksraben hier passiert, sei immerhin verraten, dass er sich mehr als passabel aus seiner Zwickmühle befreien können und sogar Heldenstatus erreichen wird.

Ganz wesentlich zum Gelingen dieser ohne nennenswerte Rollenklischees auskommenden Komödie trägt Hauptdarsteller Sasson Gabay, der auch schon in der Komödie „Die Band von nebenan“ spielte. Allein schon mit seiner Mimik bringt er die wechselnden Gefühlszustände seiner Figur zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Verzweiflung und Erfolgserlebnis, treffend zum Ausdruck. Man fühlt und leidet mit ihm und ist dann auch erleichtert, wie er sich trotz aller Einfältigkeit aus dieser oder jener Situation befreit. Interessant übrigens, dass Gabay als aus dem Irak stammender Israeli den Palästinenser spielt; umgekehrt übernahm die in Italien geborene Tunesierin Myriam Tekaïa den Part der jüdischen Siedlerin. Herrlich auch der Einfall, dem Schwein Wollsocken anzuziehen, weil es so ja streng genommen nicht direkt mit israelischem Boden in Berührung kommt und diesen folglich nicht verunreinigt.

Sylvain Estibal, der sich die Parabel vom in Gaza gestrandeten vietnamesischen Hängebauchschwein, das gewissermaßen und nichtsahnend als eine Art Friedenstaube Palästinenser, Siedler und israelische Soldaten für einen Moment zusammenbringt, ausgedacht hat, zeigt die ganze Absurdität des israelisch-palästinensischen Konflikts auf. Für Jafaar ist es – in dessen schlechtem Englisch ausgedrückt – ein „big“ Problem, im Prinzip auch schon ohne Schwein im Boot. Denn dass ausgerechnet von seinem Hausdach aus israelische Grenzsoldaten die (kurioserweise nur von Jafaar benutzte) Straße beobachten sollen, das nervt ihn ebenso wie ihre Lieder und der Umstand, dass sie (gelangweilt von ihrem Job) auch noch mit seiner Frau brasilianische Telenovelas schauen. Die lassen sich durchaus als Wunschtraum und Lösung des politischen Konflikts lesen: geredet, gestritten und argumentiert wird viel und lange – und am Ende sich wieder vertragen. Wenn’s doch nur so einfach wäre.

Thomas Volkmann

Die Meere sind überfischt, leer gefischt, das weiß man inzwischen. Auch die Gewässer im Nahen Osten machen da keine Ausnahme. Darunter leidet Jafaar aus Gaza. Nur ein paar Sardinen bleiben noch in seinem Netz.

Eines Tages aber verfängt sich darin ein ausgewachsenes Schwein! Der fromme Muslim bekommt einen Schock. Ein Schwein darf nicht einmal muslimischen Boden betreten, geschweige denn verzehrt werden.

Jafaar muss das Tier verstecken, sogar vor seine Frau Fatima. Zum einen ist der Fang für den verschuldeten Mann zwar ein Segen, zum andern aber ein Fluch. Sein Freund der Friseur leiht ihm eine Kalaschnikow, doch die Sache geht gründlich schief.

Da erfährt er, dass die streng bewachten jüdischen Nachbarn verbotenerweise Schweine züchten, offenbar um mit einer geheimen Methode die Palästinenser anzugreifen! Jafaar gibt seinem Eber Viagra und verkauft die so gewonnenen Spermien der russischen Jüdin und Schweinezüchterin Yelena. Lange ein gutes Geschäft.

Dann wird er entdeckt und als Verräter dazu verurteilt, als Selbstmordattentäter zu sterben. Jafaar und Yelena können zusammen mit Fatima und einem kleinen Jungen auf einem Boot fliehen und landen – in einem Palästina, wo zwischen allen, Juden und Muslimen, Israelis und Arabern, jener Friede herrscht, der sich schon in den schüchternen Kontakten zwischen Fatima und jüdischen Soldaten andeutete.

Eine irreale köstliche Komödie, die den Krieg und das Leid im Nahen Osten – man möchte sagen aus schierer Verzweiflung – auf die humorvolle Schippe nimmt. Natürlich landet in einem Fischernetz kein Schwein; natürlich unternehmen die Israelis keinen Angriff mit Schweinen auf die Araber; natürlich haben Selbstmordattentate nichts Komisches. Aber was soll’s.

Die Metaphern sind hier so gut ausgedacht und so grotesk dargeboten, dass es ein Vergnügen ist. Ein Bravo für die Macher. Auch für die gut gewählten Örtlichkeiten.

Ein Schauspieler muss unbedingt erwähnt werden: Sasson Gabay, der den Jafaar gibt. Eine solche darstellerische Leistung sieht man verhältnismäßig selten.

Thomas Engel