Das Ungesagte

Seit vielen Jahrzehnten wird sehr viel über die zwölf Jahre des Nationalsozialismus geredet, sind unzählige Bücher zum Thema veröffentlicht worden, die ganze Bibliotheken füllen. Doch das Gefühl, dass nie alles über das Dritte Reich gesagt wurde bleibt bestehen. Im Dokumentarfilm „Das Ungesagte“ geht es genau darum: Um ganz normale Deutsche und das, was sie im Dritten Reich erlebten.

 

Über den Film

Originaltitel

Das Ungesagte

Deutscher Titel

Das Ungesagte

Produktionsland

DEU

Filmdauer

143 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Hector, Patricia / Herzog, Lothar

Verleih

imFilm Agentur + Verleih

Starttermin

06.11.2025

 

Unweigerlich mutet es heute, im Jahre 2025 etwas irritierend an, wenn ein inzwischen fast einhundert Jahre alter Mann, sich mit leuchtenden Augen an seine Kindheit erinnert, an Abenteuerspiele, an Ferienlager und ähnliches, denn diese Kindheit fand im Dritten Reich statt. Aber genau dieser Gedanke, dass es seltsam sein könnte, sich an unbeschwerte Tage der Kindheit zu erinnern, führt zu einem der interessantesten Aspekte von „Das Ungesagte“ einem spröden Dokumentarfilm des Regieduos Patricia Hector und Lothar Herzog, in dem einige Archivmaterialien aus der Zeit des Dritten Reiches zu sehen sind, vor allem aber Zeitzeugen zu Wort kommen.

Fraglos bewusst haben die Filmemacher dabei keine Zeitzeugen befragt, die Mitte oder Ende der 30er Jahre geboren wurde, die also erst sieben oder acht Jahren alt waren, als der Zweite Weltkrieg und mit ihm die Nazi-Zeit endete, die also mit Fug und Recht hätten sagen können, dass sie einfach zu jung waren, um sich an konkretes zu erinnern und die vor allem mit allem Recht hätten sagen können, dass sie zu jung waren, um selbst an irgendetwas schuld zu sein.

Anders die Zeitzeugen, die in „Das Ungesagte“ zu Wort kommen: In den 20er Jahren sind sie geboren, Werner und Rudolf, Roselotte und Hildegard, der älteste gar 1920, der also 1945 schon 25 Jahre alt war, erwachsen, und mit vollem Bewusstsein die Hochphase des Dritten Reichs erlebte. Was sich allerdings nur sehr bedingt in ihren Aussagen widerspiegelt, in dem was sie erinnern, bzw. das, was sie erinnern wollen.

Denn dieser Aspekt schwingt bei „Das Ungesagt“ immer mit: 80 Jahre nach Ende des Dritten Reiches ist keine Erinnerung mehr unbefleckt von 80 Jahren Aufarbeitung, 80 Jahren Schuldzuweisung, 80 Jahren, in denen die Zeitzeugen sicherlich oft und viel über ihre Kindheit, ihre Jugend, ihre frühen Erwachsenenjahre nachgedacht haben, sich ihr eigenes Verhalten, ihr eigenes Handeln und auch ihr nicht-Handeln in den Erinnerungen passend zurechtgelegt haben.

Was die Zeitzeugen in „Das Ungesagte“ sagen, ist also kaum mehr als anekdotische Evidenz, die weder in die eine noch die andere Richtung konkrete Schlüsse zulässt. Weder Erinnerungen an Kristallnacht, an plötzlich verschwundene jüdische Nachbarn oder Aufmärsche von Hitlerjugend und SS oder das Fehlen solcher Erinnerungen lassen konkrete Rückschlüsse darüber zu, wie es sich wirklich angefühlt haben muss, im Dritten Reich zu leben.

Ohne Kommentar lassen Hector und Herzog die Aussagen ihrer Gesprächspartner stehen, gelegentlich sind ihre Fragen aus dem Off zu hören, auch ein etwas verwunderter Ton, wenn sich jemand auf einmal nicht mehr an etwas problematisches erinnern kann oder will, von dem vorher die Rede war.

Umfragen haben ergeben, dass in den Jahren nach dem Krieg kaum ein Zeitzeuge konkret über das Dritte Reich sprach, vor allem aber, dass nur wenige Nachkommen, ihren Eltern oder Großeltern zutrauten, Verbrechen begangen zu haben. Die Zahl derjenigen, die dagegen glaubten, dass ihre Angehörigen Verfolgten geholfen haben, war deutlich größer. Alles keine wirklich überraschenden Zahlen, aber Zahlen die andeuten, wie sehr auch in Deutschland Illusionen nachgehangen wird, obwohl wir uns gerne einbilden, so vorbildliche Vergangenheitsbewältigung betrieben zu haben.

„Das Ungesagte“ stellt dieses Selbstverständnis in Frage, dürfte angesichts des Alters der nur noch wenigen Zeitzeugen eines der, wenn nicht das letzte Dokument seiner Art bleiben. Besonders als Basis für anschließende Diskussionen eignet sich der Film, der gerade durch seine spröde, zurückgenommene Form überzeugt.

 

Michael Meyns

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