Das Venedig Prinzip

Vor 20 Jahren lebten 125.000 Menschen in Venedig, heute sind es nur noch 58.000 – wenig mehr als zu Zeiten der Schwarzen Pest im 17. Jahrhundert. Wohl nirgendwo ist das Phänomen der Gentrifizierung extremer am Werk als hier. Der Dokumentarfilmer Andreas Pichler beobachtet die Lagunenstadt dabei, wie sie sich nicht langsam, sondern rasend schnell in ein Disneyland verwandelt. Während immer mehr Venezianer auf das Festland ziehen müssen, strömen immer mehr Touristen in die Stadt. Der Film wird zu einer stilistisch brillanten Abrechnung mit einem rücksichtslosen Milliardengeschäft.

Webseite: venedigprinzip.de

Deutschland 2012
Buch und Regie: Andreas Pichler
Kamera: Attila Boa
Produktion: Filmtank
Verleih: Realfiction
Kinostart: 6. Dezember 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Die Touristen möchten ihr romantisches Bild von Venedig um jeden Preis bewahren“, sagt ein Schnulzensänger, der mit den Besuchern aus aller Welt sein Geld verdient. Dafür nehmen sie in Kauf, sich in Massen durch die engen Gassen zu quetschen und stundenlang für den Besuch einer Kathedrale anzustehen. Angesichts der ungeheuren Ströme, die sich durch ihre Stadt wälzen, behelfen sich die Venezianer einer Mischung aus Sarkasmus, Wut und Resignation. Der in Bozen geborene Italiener Andreas Pichler zeigt, wie sie versuchen, ihren Alltag zu meistern, obwohl Postämter, Lebensmittelgeschäfte und Arztpraxen reihenweise schließen und die Mieten ins Unendliche steigen. Dazu gehören eine herrlich schnoddrige alte Dame, die kettenrauchend über die Horden von „Barbaren“ herzieht, die den Markusplatz verstopfen und ein Umzugsunternehmer, der selbst gezwungen wird, aufs Festland zu ziehen.

Durch das Auge der Kamera wirkt es, als würde eine Armada gigantischer Kreuzfahrtschiffe die grazilen Bauten Venedigs zerdrücken; aus dem Inneren der Stadt, durch enge Torbögen nimmt sie die weißen Riesen immer wieder in den Blick, die wie ein schwimmender Wolkenkratzer über den Häusern der Stadt aufragen und sie von allen Seiten zu belagern scheinen. Es sind Bilder wie diese, die Pichlers Film zu einem visuellen Erlebnis machen und unbedingt auf die Leinwand gehören. In minutenlangen Zeitraffer-Sequenzen zeigt er, wie die dicht gedrängten Massen das Stadtbild verdecken, und kontrastiert sie mit Panorama-Einstellungen aus sehr hoher Vogelperspektive, in denen die bedrohte Schönheit Venedigs voll zur Geltung kommt. Im Mittelpunkt von „Das Venedig Prinzip“ stehen aber seine Bewohner und ihr Alltag. Ganz konkret und ohne Larmoyanz erzählt der Film vom Verschwinden einer einzigartigen Art zu leben.

Wenn die derzeitige Entwicklung ungebremst anhält, und dafür scheint alles zu sprechen, wird es einer Studie zufolge keine Venezianer mehr geben. Die Stadt wird endgültig nur noch Fassade und Vergnügungspark sein. Pichler prangert eine milliardenschwere Tourismus-Industrie an, die ihre Gewinne an den leeren Kassen der Stadt vorbei macht und sich um die Folgen nicht kümmert. Wie der Titel seines Films aber schon andeutet, ist der Fall von Venedig für ihn ein besonders prägnantes Beispiel für den fortschreitenden Rückzug der Politik aus dem öffentlichen Raum. Nicht nur Tourismus, auch Immobilien-Spekulation wandeln Städte auf dramatische Weise und vertreiben die angestammte Bevölkerung aus vielen Stadtteilen. Venedig wird schon seit Jahren seinen Problemen überlassen, Beschränkungen gibt es praktisch keine. Es wäre falsch, Pichler Einseitigkeit vorzuwerfen, weil er die Politik nicht zu Wort kommen lässt. Denn sein Film zeigt auch, wie undurchsichtig die Machtverhältnisse sind, und dass in Venedig letztendlich keine Verantwortlichen, sondern nur Wildwuchs regieren.

Oliver Kaever

Venedig gibt es zweimal: dasjenige der historischen Berühmtheit, der römischen Siedlung, des Seefahrer- und Handelsvolkes, des Markusplatzes, des Dogenpalastes, der Markus-Kathedrale, der Kanäle, der Rialtobrücke, der Gondeln, der singenden Gondolieri, der vielen Kirchen, der Tausende und Abertausende von Touristen, Japaner- und Chinesengruppen in Sandalen und Socken, kurzen Hosen und Teashirts, dicken Bäuchen und der Kamera darauf (jährlich über 20 Millionen), der riesigen Kreuzfahrtschiffe, der Souvenirläden, der Reiseführer, der Flitterwöchner.

Und dann das andere Venedig, dasjenige, des Verfalls; dasjenige, aus dem die Menschen wegziehen müssen, weil die Konzerne die Palazzi kaufen und Bettenburgen daraus machen; dasjenige, aus dem sie fortgehen müssen, weil sie die Mieten nicht mehr bezahlen können; dasjenige, in dem es die normale Infrastruktur wie Postämter, Apotheken oder Schulen fast nicht mehr gibt; dasjenige, in dem Schiffe mit 340 Meter Länge ankern; dasjenige, in dem diese sozusagen nicht mehr auf Wasser sondern auf Geld fahrenden Seeungeheuer noch größer werden sollen; dasjenige, in dem die Einheimischen so gut wie nichts mehr zu sagen haben und deshalb gegen die Stadtregierung protestieren; dasjenige, in dem die Abwasserentsorgung fehlt; dasjenige, in dem der durch die vielen Schiffe verursachte Wellengang immer größere Bauschäden anrichtet; dasjenige der gewaltigen Renovierungskosten; dasjenige, das vor 20 Jahren noch 200 000 Einwohner zählte, heute aber nur noch 58 000 – etwa die gleiche Zahl wie täglich Touristen kommen; dasjenige, das zu einem jährlichen 1,5-Milliarden-Produkt geworden ist; dasjenige, das eine alte Adlige als „Sauhaufen“ beschreibt, in dem die „Barbaren“ das Sagen haben und Bettler leben.

Pichlers ebenso aufschlussreicher wie erschreckender Dokumentarfilm stellt eine Fremdenführerin, einen Gondoliere, einen Immobilienhändler, eine eingesessene alte Dame, einen Umzügler, einen Baufachmann und andere in den Vordergrund, die Freud und Leid Venedigs erzählen.

Sie berichten sozusagen von der Rückseite der Kultur; von den Problemen, die zu drei Vierteln selbst verursacht seien; vom „Gott des Geldes; von der vorherrschenden Heuchelei; von der zu einem Disneyland verkommenen Stadt.

Kaum zu glauben, dass ein Kulturmonument wie Venedig zugrunde gehen soll. Außenstehende können wohl nicht allzu viel machen, aber die an Ort und Stelle sehr wohl. Noch ist es Zeit, wenn auch nicht mehr allzu lange.

Für den Arthouse-Bereich ist dieser sehr nachdenklich stimmende und eine beileibe nicht nur für Venedig typische Entwicklung zeigende Dokumentarfilm zu empfehlen.

Thomas Engel