David Lynch – The Art Life

„David Lynch – The Art Life“ ist ein Porträt, das das Leben des Künstlers und Regisseurs von der Kindheit bis zu seinen Anfängen in Hollywood betrachtet. Im Fokus stehen dabei Lynchs prägende Jahre als Maler und Fotograf. Das Regietrio Jon Nguyen, Rick Barnes und Olivia Neergaard-Holm sucht in diesen Jahren nach den Schnittstellen zwischen Leben und Werk des Künstlers, dem sie mit souveräner Zurückhaltung schließlich so nah wie bisher kein zweiter Dokumentarfilm kommen.

Webseite: www.theartlife-derfilm.de

USA, Dänemark 2016
Regie: Jon Nguyen, Rick Barnes, Olivia Neergaard-Holm
Verleih: NFP
Länge: 88 Min.
Kinostart: 14. September 2017

FILMKRITIK:

David Lynch bei der Arbeit: er schrubbt, schmiert, schmirgelt, schleift, pinselt, bohrt und zeichnet. Stets eine brennende Zigarette in der Hand bearbeitet der Filmemacher mit stoischer Gelassenheit die Leinwände in seinem Atelier. Seine Kunst ist zugleich grotesk, sexy, verstörend und banal. Immer scheint sich auf den Leinwänden, die Lynch bearbeitet, genau das zu festigen, was auch seinen Filmen ihren unverwechselbaren und vom Namen Lynch nicht zu trennenden Touch verleiht.
 
„The Art Life“ sucht diesen Lynch-Touch in den jungen, prägenden Jahren des Filmemachers. Jon Nguyen und seine Ko-RegisseurInnen Rick Barnes und Olivia Neergaard-Holm illustrieren die Schnittstelle zwischen Persönlichkeit und Werk des Künstlers. Die Momente, die sich in die amerikanische Filmgeschichte eingebrannt haben, suchen die Regisseure gleichermaßen im Atelier des Künstlers und in seinen Erzählungen. Dabei ist Lynch stets so faszinierend wie selbst von der Welt fasziniert. Vom Nebel der eigenen Zigaretten umgeben erzählt er von seiner Kindheit in Montana, der Jugend in Virginia, seinen Jahren als Maler in Boston und Philadelphia. Er erzählt von seiner Mutter, seinem Vater, von den kleinen makaberen und seltsamen Begegnungen, die sein Leben wie auch sein Werk immer wieder heimzusuchen scheinen. Während Lynch in grotesken und surrealen Momenten seiner Erinnerungen zu verharren scheint, sucht der Film nach den Bildern, die von eben diesen Momenten inspiriert zu sein scheinen.
 
Man könnte das psychoanalytisches Reverse Engineering nennen. Einen Versuch Lynchs Persönlichkeit aus den Geschichten der Kindheit und Jugend zu extrahieren, um sie in seinem Werk wieder zu finden. Dazu erklären die Regisseure nicht, erweitern Lynchs Aussagen nicht durch ihren eigenen Kommentar, sondern deuten die Verbindungen und Kontexte, die sie finden, ausschließlich mit der Abbildung seiner Kunst an. Das wirkt mitunter wie ein fast zwanghafter Versuch, sich dem Werk von Lynch zu nähern. Wenn etwa Geschichten seiner Mutter, seiner längeren Krankheitsepisoden und einer Nachbarin in Philadelphia stets ihr verzerrtes Spiegelbild in der Malerei des Regisseurs finden, wirkt das wie ein fast pathologischer Versuch, jeden Abschnitt von Lynchs Leben als Zugang zu seinem Werk umzudeuten. Der Film schließt damit viele der mysteriösen Leerstellen, die Lynch selbst so faszinieren, dass er sie immer wieder mit in seine Geschichten einbaut.
 
Dennoch ist „The Art Life“ mehr als eine psychoanalytische Sitzung mit David Lynch. Die Filmemacher behandeln Lynch eben nicht als schlichten Talking Head. Noch vor der Deutung der Filmemacher scheint er die eigentliche Kontrolle und damit auch Deutungshoheit über seine Geschichte zu halten. Was enigmatisch und was aufrichtig klingt, was erzählt und was verschwiegen wird, scheint stets in seiner Hand zu liegen. Lynch bleibt Herr seiner eigenen Geschichte und „The Art Life“ hat, aller Deutungswut zum Trotz, die nötige Feinfühligkeit und Souveränität sich in den entscheidenden Moment zurückzunehmen und die Bühne ganz Lynch zu überlassen. So teilen Filmemacher und Zuschauer in den schönsten Momenten des Films die rätselhafte Verzückung, die einem zuteil wird, wenn man David Lynch dabei beobachtet, wie er drei kleine Plastikvögel aufstellt, um mit einer Zigarette in der Hand ihrem Konzert zu lauschen. In diesen Momenten findet der Film Lynch genau dort wo er am faszinierendsten ist: in seiner eigenen, surrealen Welt. Dort, wo das Makabre und das Banale aufeinander treffen und weder erklärt, noch getrennt werden können.
 
Karsten Munt