Defamation

Diesen Film kann nur ein jüdischer Regisseur drehen, ohne beschuldigt zu werden, antisemitisch zu sein. Und genau um dieses Problem dreht sich Yaov Shamirs „Defamation“, in der sich der Regisseur auf die Beantwortung der Frage macht, ob es in der modernen Welt überhaupt Antisemitismus gibt und wer möglicherweise von ihm profitiert. Eine spannende, vielschichtige Dokumentation.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Dänemark/ USA/ Israel 2009 – Dokumentation
Regie, Buch, Kamera: Yoav Shamir
Schnitt: Morten Hojbjerg
Musik: Misha Krausz
Länge: 93 Min.
Verleih: Real Fiction Filmverleih
Kinostart: ab 30. September 2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Auf drei Begriffe stieß der jüdische Regisseur Yoav Shamir jeden Tag in den Zeitungen Israels: Holocaust, Nazi, Antisemitismus. Das wunderte ihn, denn er selbst hatte nie Antisemitismus erlebt. So lag es für den Regisseur von Dokumentarfilmen wie „Checkpoint“ und“ Flipping Out“ nahe, filmisch zu ergründen, wie es um den Antisemitismus in der modernen Welt bestellt ist.

Erster Anlaufpunkt ist New York, wo die Zentrale der ADL zu finden ist, der Anti-Defamation League, auf Deutsch etwa Anti-Verleumdungs-Organisation. Diese mit zig Millionen Dollar finanzierte Organisation hat es sich zum Ziel gesetzt, Antisemitismus anzuprangern und tut dies mit der ganzen Vehemenz einer amerikanischen Lobbyorganisation. Woran prinzipiell natürlich nichts auszusetzen ist. Doch schnell stellt Shamir fest, dass die Berichte der ADL zu antisemitischen Vorfällen, die seit Jahren zunehmen und in Medien weltweit zitiert werden, sich oft auf banale Ereignisse wie einem verweigerten Urlaubstag beziehen, bei denen kaum feststellbar ist, ob es sich wirklich um eine antisemitische Tat handelt oder nicht. Denn wie ein New Yorker Rabbi, den Shamir zum Thema befragt, feststellt, hat die ADL wie viele Organisationen ihrer Art ein immanentes Problem: Sie hat ein grundsätzliches Interesse an antisemitischen Akten, denn wenn es diese nicht geben würde, wäre auch die ADL selbst überflüssig.

Und so geht die Suche weiter, die bald zum umstrittenen Autor Norman Finkelstein führt, der in seinem Buch „Die Holocaust-Industrie“ den Missbrauch des Holocaust durch jüdische Organisationen in Amerika, aber auch durch Israel selbst angeprangert hat. Allerdings auf sehr polemische Weise, was es seinen Kritikern allzu leicht gemacht hat, seine Thesen zu ignorieren. Shamir lässt Finkelstein und andere Wissenschaftler zu Wort kommen, die allesamt die Frage aufwerfen, ob es richtig ist, Antizionismus und Antisemitismus gleichzusetzen, wie es nicht nur die ADL tut, sondern auch in Israel gang und gebe ist.

Wie in seiner Heimat mit der Erinnerung an den Holocaust umgegangen wird, zeigt Shamir in den erschreckendsten Momenten seines Films: Er begleitet eine Schulklasse bei den Vorbereitungen und schließlich einer Reise nach Polen zu den Konzentrationslagern des Nationalsozialismus. Und wie den jungen Schülern von ihren Lehrern immer wieder eingebläut wird, dass in jedem Land der Welt schrecklicher Antisemitismus herrscht, dass sie sich in Polen nicht allein auf die Straße begeben sollen, da sie sonst fast zwangsläufig von Neonazis überfallen werden, dass kann man eigentlich nur als Indoktrination bezeichnen. Zwar zeigt Shamir einige Schüler, die das Muster durchschauen, die realisieren, welche Folgen die Betonung des jüdischen Opferseins auf die Wahrnehmung der Gegenwart, vor allem natürlich des Konflikts mit den Palästinensern hat, die meisten Schülern scheinen sich jedoch geradezu an ihrer Rolle als Opfer zu begeistern.

Immer wieder macht Yoav Shamir auf subtile Weise deutlich wie schwierig es ist, zwischen Kritik an Israel und Antisemitismus zu differenzieren, vor allem aber wie notwendig diese Unterscheidung ist. „Defamation“ ist eine gute Ergänzung zu den diversen Büchern zum Thema, die in den letzten Jahren erschienen sind: Finkelsteins: „Die Holocaust-Industrie“, Stephen Walts und John Maersheimers „Die Israel Lobby“ und Peter Novicks „Nach dem Holocaust“, in denen sich die Ansätze und Thesen des Films vertiefen lassen. Was die Bücher nicht können, macht der Film vor allem mit seinen Bildern israelischer Schüler: In eindringlichen Bildern zu zeigen, welche problematischen Folgen die Benutzung (bzw. Ausnutzung) des Holocausts hat.

Michael Meyns

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