Denk ich an Deutschland in der Nacht

Angesichts der in Deutschland bedauerlicherweise immer noch vorherrschenden Trennung zwischen E und U, zwischen (scheinbarer) Hoch- und Subkultur, ist es umso schöner, wenn ein Intellektueller wie Romuald Karmakar sich mit Techno beschäftigt. Nicht von oben betrachtet Karmakar in seiner Dokumentation „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ die Szene, sondern begibt sich auf neugierige Spurensuche.

Webseite: www.facebook.com/DENK-ICH-AN-DEUTSCHLAND-IN-DER-NACHT-592277017632084/

Dokumentation
Deutschland 2017
Regie: Romuald Karmakar
Länge: 100 Minuten
Verleih: Rapid Eye Movies
Kinostart: 11. Mai 2017

FILMKRITIK:

Nicht zum ersten Mal beschäftigt sich Romuald Karmaker mit der Technoszene: „196bpm“, „Between the Devil and the Wide Blue Sea“ und „Villalobos“ hießen die zwischen 2003 und 2009 entstandenen Dokumentationen, deren Kulmination „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ nun in gewisser Weise ist. Ganz offensichtlich hat Karmaker in den letzten Jahren sehr viel Zeit in den Clubs der Republik verbracht, vor allem aber mit den Protagonisten der Szene, die ihn augenscheinlich als Gleichgesinnten wahrnehmen, wohl nicht zuletzt deswegen, weil sie sich von Karmaker ernst genommen fühlen.
 
Mal hinter dem DJ-Pult in einem leeren Club, mal in einem Studio, das mit seinen wandhohen Reihen an verkabelten Geräten eher einem Labor ähnelt, mal auf einer grünen Wiese hat Karmaker fünf Protagonisten der deutsch-französischen Technoszene getroffen: Ricardo Villalobos, Sonja Moonear, Ata, Roman Flügel und David Moufang zählen zu den Veteranen der Szene, die sich zum Teil schon auf ihren Abschied vom Nachtleben vorbereiten, mit ihrer langjährigen Erfahrung aber vor allem ideale Beobachter der Entwicklungen einer Musikrichtung sind, die in manchen Teilen des Auslands als wichtigster deutscher Import der letzten Jahrzehnte wahrgenommen wird.
 
Bei den mäandernden, oft bewusst lose wirkenden Gesprächen, die nicht gezielt auf einen Punkt zusteuern, sondern oft unbestimmt um pointierte Erkenntnisse kreisen, geht es Karmaker nun nicht um den Versuch, eine Geschichte des Techno zu erzählen. Was ohnehin in einer 100minütigen Dokumentation kaum möglich wäre, zu breit ist die musikalische Vielfalt, die sich unter dem für Außenstehende oft eintönig, ja stumpf wirkenden Beat verbirgt. Um diese Vielfalt anzudeuten wählt Karmaker eine Methode, die schon in seinen früheren Filmen zum Thema zu spannenden Beobachtungen führte: Minutenlang filmt er in meist starren Einstellungen die Musiker bei der Arbeit, oft auch von hinten, so das sowohl das Arbeitsgerät, der Plattenspieler, das Mixpult und andere elektronische Gerätschaften, zusammen mit den zuhörenden, tanzenden, trinkenden Massen im Bild sind. Die Wechselwirkungen zwischen Musiker und Musik auf der einen, dem Publikum auf der anderen Seite lässt sich dadurch erkennen, da Karmaker hier bisweilen einen ungewöhnlichen Ansatz wählt: Manchmal hört man nicht die Musik, die die Feiernden zum Tanzen animiert, sondern das, was der DJ auf seinem Kopfhörer hört. Nicht die Gesamtkomposition ist da zu hören, sondern nur einzelne Tonspuren, die erst durch die Arbeit, die Kunst des DJs zu dem Soundteppich verwoben wird, der zu ekstatischen Momenten führt.
 
Was die Kraft dieser Musik ausmacht, wird so in Bildern und Tönen deutlich, wodurch Karmaker erst recht nicht in Versuchung gerät, etwas in Worte zu fassen, was kaum zu beschreiben ist. Die Gespräche mit den Musikern beginnen dann auch eher unbestimmt, als lose Unterhaltung, die Karmaker jedoch subtil auf konkretere Punkte bringt: Der Club als Ort der kurzfristigen Weltflucht etwa, aber auch die Frage, wie in einem Land, in einer Welt, in der man sich aus vielfältigen Gründen um den Schlaf gebracht sehen könnte, die Musik eine der wenigen Konstanten ist, eine friedliche Massenbewegung, bei der Körper und Seelen im Rhythmus der Beats verschmelzen.
 
Michael Meyns