Ein sanfter, manchmal beinahe zärtlicher Dokumentarfilm über ein schwieriges Thema: Es geht um Transgender-Menschen in der Provinz. Douglas Wolfsperger begleitet sensibel und mit großer Offenheit vier Persönlichkeiten aus dem ländlichen Raum rund um den Bodensee, die ein neues Leben begonnen haben. Sie alle haben sich von ihrer früheren Existenz verabschiedet und befinden sich auf dem Weg in eine ungewisse, aber hoffentlich schönere Zukunft.
Über den Film
Originaltitel
Denn dieses Leben lebst nur du!
Deutscher Titel
Denn dieses Leben lebst nur du!
Produktionsland
DEU
Filmdauer
83 min
Produktionsjahr
2025
Regisseur
Wolfsperger, Dougles
Verleih
Verleih N.N.
Starttermin
16.04.2026
Gabriel, Elisabeth, Melina und Dunja haben es schwer. Sie haben einen neuen Vornamen und eine neue Geschlechtszuschreibung und befinden sich in unterschiedlichen Phasen ihrer geschlechtlichen Neuorientierung; Gabriel hat den Prozess bereits nahezu abgeschlossen und lebt als Mann in einer glücklichen Beziehung mit Claudia, während Dunja, die etwas schüchterne Partnerin der kessen, selbstbewussten Melina, noch mit sich selbst ringt, ob und wie sie zu ihrem Outing steht. Elisabeth, die Älteste, war unter anderem Diakon und steht noch immer zu ihrem katholischen Glauben, obwohl sie nun, als Frau, keine kirchlichen Ämter mehr innehaben darf.
Die Vier sehnen sich vor allem nach Normalität und stemmen sich mal mehr, mal weniger offensiv gegen gesellschaftliche Zuschreibungen, Vorurteile und Diskriminierungen. Als Trans-Persönlichkeiten haben sie sich entschlossen, ihr neues Leben in der gewohnten Umgebung zu verbringen, wo sie aufgewachsen sind und bisher immer gelebt haben. Eine mutige Entscheidung, denn anders als in der Großstadt gibt es hier auf dem Lande keine Anonymität, hinter der man sich verstecken könnte. Die bezaubernde Schönheit der Landschaft steht da manchmal im krassen Widerspruch zu der erzkonservativen bis reaktionären und manchmal sogar bedrohlichen Haltung von Familie, Nachbarschaft, Kollegen und Umfeld zu den Veränderungen, die mit der Transition einhergehen. Doch es gibt auch positive Begleiterscheinungen, zum Beispiel einen Bäckermeister, der dem Thema offen und freundlich begegnet.
Eher leise, aber immer eindringlich und von großer menschlicher Nähe und Zuwendung getragen, richtet Douglas Wolfsperger den Blick auf Gabriel, Elisabeth, Melina und Dunja. Statt eines erklärenden Diskurses setzt er auf eine beobachtende Kamera und damit auf die unmittelbare Begegnung: Gespräche, Alltagssituationen und sehr persönliche Momente verdichten sich zu einem originellen Porträtfilm über vier sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, die außer ihrer geschlechtlichen Transition und ihrem regionalen Herkunft kaum etwas gemeinsam haben. Wolfsperger will, wie auch schon in seinen letzten Dokumentarfilmen, weniger erklären als erfahrbar und nachvollziehbar machen. Seine Intensität entfaltet der Film dabei wieder durch die allgegenwärtige Kamera und durch die Selbstverständlichkeit, mit der sie in den Alltag der handelnden Personen integriert wird. Wolfsperger beobachtet detailliert und ungeschönt, aber immer mit großem Respekt gegenüber den vier Protagonist*innen. In der beinahe zärtlichen Präzision seines Blickes liegt eine der besonderen Stärken des Films: Er verlangt Aufmerksamkeit, Offenheit – und die Bereitschaft, eigene Sicherheiten infrage zu stellen.
Dabei interessiert sich Douglas Wolfsperger vor allem für die existenzielle Dimension des Weges, den die Vier eingeschlagen haben. Seine Protagonist*innen haben ihre früheren, eher konventionellen Lebensentwürfe hinter sich gelassen und stehen bzw. standen allesamt vor der Herausforderung, ihre Identität neu zu definieren. Der Film zeigt, wie verletzlich sie sich dadurch machen, aber er zeigt auch die kleinen und großen Triumphe, die Widersprüche und die Großbaustellen, die diesen Prozess immer wieder erschweren. Das Ziel ist immer eine neue Form der Selbstbestimmung, ein neues Bewusstsein für sich selbst und den eigenen Körper.
Dass all dies in einem eher konservativen Umfeld stattfindet, verleiht dem Film zusätzlichen Nachdruck. Sichtbarkeit wird hier auf dem Lande schnell zur Herausforderung, Individualität zu einem Diskussionspunkt der täglichen Aushandlung. Ohne große Gesten entsteht auf diese Weise ein präzises Bild gesellschaftlicher Spannungsfelder.
Formal bleibt Wolfsperger zurückhaltend, die Struktur ist klar und chronologisch, es gibt keine Kommentare, keine Dramatisierung, stattdessen beweist der Filmemacher hier wieder sein Vertrauen in die Kraft der beobachteten Wirklichkeit. Das Ergebnis ist ein eher ruhiger, aber durchweg ehrlicher Film von erstaunlicher Leichtigkeit und mit vielen humorvollen Momenten, der mit chevaleresker Beiläufigkeit der Gesellschaft den Spiegel vorhält.
Gaby Sikorski







