Der deutsche Freund

Jeanine Meerapfel zählt zu den bekanntesten Filmemacherinnen Deutschlands. In ihrem neuen Spielfilm arbeitet sie ihre eigene Geschichte auf: Die Kindheit als Tochter deutsch-jüdischer Immigranten in Argentinien, Studienzeit in den späten Sechzigern in Deutschland, die argentinische Militärdiktatur, die sie aus der Ferne verfolgen musste, die zunehmende Radikalisierung der jungen deutschen Linken. Aus diesen autobiografischen Elementen baut Jeanine Meerapfe eine Liebesgeschichte, die mehrere Jahrzehnte umfasst.

Webseite: www.neuevisionen.de

Deutschland/Argentinien 2012
Buch & Regie: Jeanine Meerapfel
Darsteller: Max Riemelt, Celeste Cid, Benjamin Sadler, Julieta Vetrano, Juan Francisco Rey, Noemí Frenkel
Länge: 100 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 1. November 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Buenos Aires in den Fünfziger Jahren: In den Vororten der Metropole leben deutsche Juden und flüchtige Nazi-Kriegsverbrecher Tür an Tür. Zwischen der Jüdin Sulamit (Celeste Cid) und dem jungen Friedrich (Max Riemelt) entspinnt sich eine heimliche Liebesgeschichte, die Sulamits Eltern unterbinden wollen. Aber das Mädchen zeichnet sich durch einen ausgesprochenen Dickkopf aus. So folgt sie Friedrich sogar zum Studium nach Frankfurt. Der hat herausgefunden, dass sein Vater während Hitlers Herrschaft SS-Obersturmbannführer war. Wie als Wiedergutmachung engagiert er sich in der Studentenbewegung. Aber das ständige theoretisieren, wie Friedrich es nennt, reicht ihm nicht. Wie ein Getriebener beschließt er, sich im revolutionären Kampf Latainamerikas zu engagieren. Sulamit bleibt enttäuscht in Deutschland zurück und lässt sich von dem jungen Professor Michael (Benjamin Sadler) becircen. Schon bei seiner ersten Aktion gerät Friedrich in Argentinien in Gefangenschaft und wird in einem Hochsicherheitsgefängnis der Militärdikataur weggesperrt. Unter abenteuerlichen Bedingungen versucht Sulamit, ihn zu besuchen.

„Eigentlich ist dieser Film meine Liebeserklärung an die Deutschen meiner Generation, die sich am eigenen Haarschopf gepackt haben und sich selbst aus dem Morast von Schuldgefühl und Selbsthass gezogen haben […]“, schreibt Jeanine Meerapfel im Presseheft. Eine packendes Thema, das umso interessanter wird durch den spezifischen Blickwinkel der Argentinierin mit deutschen Wurzeln. Durch die bittere Ironie der Geschichte, dass Nazis und Juden in Buenos Aires zu unfreiwilligen Nachbarn wurden, bekommt der Blick auf die Studentenbewegung in Deutschland eine Dringlichkeit, die die spätere Radikalisierung von Teilen der jungen Deutschen verständlicher macht. Meerapfel versteht diese als nötig, um sich von den Verbrechen der Elterngenaration losreißen zu können, ein Prozess, der nicht möglich war ohne einen großen Teil von Selbsthass und auch Selbstgerechtigkeit.

Schade ist nur, dass Meerapfel es nicht schafft, aus diesem faszinierenden Thema auch einen packenden Film zu machen. Die Probleme von „Der deutsche Freund“ beginnen mit einem Drehbuch, das von Beginn an seltsam losgelöst von den dramatischen Ereignissen erscheint. Das liegt zum Teil daran, dass die Liebesgeschichte nicht funktioniert. Sie beschwört das Stereotyp der verbotenen, aber unsterblichen Liebe, das mittlerweile durch soviele Soaps ausgeschlachtet wurde, dass es nicht mehr glaubwürdig wirken kann, sondern nur noch wie ein unglücklicher dramaturgischer Klammergriff. Auch deckt die Geschichte einen zu langen Zeitraum ab, hetzt nur so von einer Krise zur nächsten und hakt sie dabei mehr ab, als sie wirklich auszuerzählen. Dazu kommt eine uninspirierte Inszenierung, die mit sehr cleanen, sauber ausgeleuchten Bildern arbeitet, die seltsam blutleer wirken und den Zuschauer nie in das Geschehen ziehen, geschweige denn die Erzählung filmisch auflösen. Auch ist „Der deutsche Freund“ ein Beispiel ärgerlich synchronisiert. In der deutschen Fassung sprechen alle Deutsch – obwohl der Film doch gerade von kulturellen Uterschieden erzählen will. Aus diesen Faktoren ergibt sich eine Steifheit, unter der vor allem die Darsteller leiden. Zwischen Celeste Cid und Max Riemelt will sich keine Leinwand-Chemie einstellen, die sie als Paar in einem Liebes-Drama so dringend bräuchten. Besonders Riemelt agiert entgegen seiner sonstigen lockeren Präsenz geradezu gehemmt. So bleibt am Ende der Eindruck von einem Thesenfilm, der ein spannendes Thema leider verschenkt.

Oliver Kaever

Argentinien in den 50er- bis 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. In einem Vorort von Buenos Aires wohnen die Burgs und die Löwensteins. Letztere sind 1936 aus Deutschland emigrierte Juden, erstere die Familie eines nach dem Krieg nach Argentinien geflohenen hohen SS-Offiziers. Die 13jährige Sulamit Löwenstein lernt den gleichaltrigen Friedrich Burg kennen. Sofort sind sie Freunde.

Die Eltern der beiden Kinder meiden sich.

Friedrich und Sulamit kennen sich nicht nur, sie lieben sich auch. Und doch werden im Laufe der Jahre die Unterschiede der politischen Herkunft der beiden virulent. Sulamit ist die Klügere, die Ausgeglichenere, die Gesetztere, Friedrich ist, weil er innerlich gegen die Schuld seines Vaters kämpft, ein radikaler Linker geworden. Er will nach Deutschland, sich am den 68er-Streit beteiligen. Sulamit kommt nach.

Doch Friedrich ist von der Entwicklung in Deutschland derart enttäuscht, dass er nach Argentinien zurückkehrt. Sulamit bleibt in Deutschland und lernt Michael kennen.

Friedrich kämpft unterdessen in Argentinien gegen die diktatorische brutale Junta. Er wird verhaftet und nach Patagonien gebracht. Sulamit kann Friedrich nicht vergessen. Deshalb trennt sie sich von Michael, besucht Friedrich im Gefängnis.

Die Junta ist gestürzt, Friedrich frei. Auf Sulamit muss er nicht lange warten.

Eine häufige Methode: privates Schicksal vor politischem Hintergrund ablaufen zu lassen. Jeanine Meerapfel ist eine in Argentinien aufgewachsene deutsche Jüdin, sie weiß also, wovon sie in ihrem Film spricht. Vieles im „deutschen Freund“ ist autobiographisch.

Das Thema: Die Liebe überdauert den konträren politischen Status der beiden Familien, Friedrichs politische Radikalität, Sulamits Verhältnis zu Michael, die lange Trennung. Die echte Liebe überdauert alles.

Jeanine Meerapfel: „Eigentlich ist dieser Film meine Liebeserklärung an die Deutschen meiner Generation, die sich am eigenen Haarschopf gepackt und sich selbst aus dem Morast von Schuldgefühl und Selbsthass gezogen haben . . . könnte auch die Liebe zwischen einem Palästinenser und einer Jüdin oder einer Katholikin und einem Muslimen sein.“

Insgesamt eine filmisch gut gegliederte, souverän gespielte (Celeste Cid als Sulamit und Max Riemelt als Friedrich wirklich prima), politisch und gesellschaftlich beachtenswerte Sache.

Thomas Engel