Der die Tollkirsche ausgräbt

Franka Potente hat bei ihrem Regiedebüt einiges gewagt. Eine Liebesgeschichte in Schwarz-Weiß und als Stummfilm zu inszenieren – das muss man sich erst mal trauen. Die Geschichte spielt im Jahr 1918. Deutschland ist gerade dabei, den Ersten Weltkrieg zu verlieren. Eine vornehme, aber verarmte Familie findet im Garten eine Mumie, die sich als quicklebendiger Gast aus der Zukunft erweist. Die komödiantischen Irrungen und Wirrungen nehmen ihren Lauf, das Wagnis Stummfilm nimmt seinen Gang… 

Webseite: www.x-verleih.de

D 2006
Regie und Buch: Franka Potente
Darsteller: Emilia Sparagna, Christoph Bach, Justus von Dohnanyi, Max Urlacher
Kamera: Frank Griebe
Schnitt: Antje Zynga
43 Minuten
Verleih: X Verleih
Kinostart: 30. November 2006

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Die ersten Bilder und Arrangements verhehlen nicht ihre Herkunft. Wer seine Figuren so in Szene setzt, der hat Freude an „Dick und Doof “, an Charlie Chaplin und Buster Keaton. Franka Potente rührt alle Zutaten zusammen: die Schnelligkeit der Bilder, die Theatralik der Gesten und Bewegungen, die überdrehten Ereignis-Kaskaden. Der Zuschauer staunt erst einmal darüber, wie perfekt man mit modernen Mitteln die Patina von Filmbildern aus den zwanziger Jahren erzeugen kann, inklusive Kratzern und holpernden Sequenzen. Und auch die Schauspieler wirken wie rübergebeamt aus der Stummfilmzeit – allen voran die Potente-Freundin und Schauspieldebütantin Emilia Sparagna, die als bleiche Schönheit Cecilia durch die herrschaftlichen Räume wandelt. So scheint alles gerichtet für ein visuelles Ereignis, doch bedauerlicherweise findet es nicht statt. Geschichte und Erzählweise werden dem originellen Rahmen nicht gerecht.

Dabei fängt es ganz munter an. Die vornehme Familie gerät kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges in die Bredouille. Das Geld, das sie in Kriegsanleihen steckte, ist futsch. Finanzielle Rettung versprechen sich der Vater (Justus von Dohnanyi) und die Mutter (Teresa Harder) von der Heirat ihrer Tochter Cecilia (Emilia Sparagna) mit dem reichen Alfred (Max Urlacher). Das Töchterchen ist wenig begeistert von Alfred, schaut aber sehr interessiert, als sich eines Tages im Garten eine Mumie findet. Dort wird ein junger Mann ausgewickelt, der seltsam fremd aussieht. Lederjacke und Strubbelhaare weisen ihn als Punk aus.

Mit dieser Figur beginnt das Verhängnis. Nicht nur weil Christoph Bach als Punk eine Fehlbesetzung ist. Bach gilt zu Recht als Nachwuchs-Talent. Wie man aber nach seinen bisherigen Rollen im ernsten Fach auf die Idee kommen kann, er könne eine Slapstick-Figur verkörpern, bleibt rätselhaft. Außerdem erfüllt seine Figur die ihr zugedachte Funktion nicht. Potente will mit dem Punk die Verbindung zur Gegenwart herstellen, um zu vermeiden, dass ihr Film als pure Reminiszenz erscheint, als bloße Nachahmung des Althergebrachten. Das glückt jedoch nicht, der Punk ist nichts weiter als ein Fremdkörper. So einfach lässt sich die Verknüpfung nicht herstellen. Wie viel es braucht, um Schwarz-Weiß- beziehungsweise Stummfilme alt und zugleich modern wirken zu lassen, zeigen etwa Jim Jarmuschs „Dead Man“ und Aki Kaurismäkis „Juha“.

Den Zuschauer könnte nun noch eine flotte Handlung versöhnen, aber die Komödie zündet nicht so recht. Die Pointen sind brav und vorhersehbar, das allgemeine Tohuwabohu ist mitunter nicht mehr als rasender Leerlauf. Nach 43 Minuten – auch dies ein Indiz für nichts Halbes und nichts Ganzes – ist der Eindruck entstanden, dass Franka Potente nichts weiter gemacht hat, als Szenen aus ihren Lieblings-Slapstickfilmen noch mal zu drehen.

Volker Mazassek