In einem wilden Land

Mehr als acht Jahre hat es gedauert, bis der australische Film „In einem weiten Land“ in die deutschen Kinos kommt. Besser spät als nie, denn der Film aus Down Under lohnt einen Besuch. Die subtile Studie über Geschlechterrollen und kulturelle Unterschiede kommt ganz ohne Ethno-Kitsch und Postkartenklischees vom Ort der Handlung, den Trobriand-Inseln und ihren Ureinwohnern, aus. Re-gisseur Bill Bennett inszeniert hier die Irrungen und Wirrungen ei-ner Selbstfindungsgeschichte, die nicht nur von der Emanzipation einer jungen Wissenschaftlerin, sondern auch von den Verlusten erzählt, die sie dabei erleidet.

Australien 1999
Originaltitel: In a Savage Land
Regie: Bill Bennett
Buch: Bill und Jennifer Bennett
Darsteller: Rufus Sewell, Martin Donovan, Maya Stange, Max Cullen, John Howard, Andrew S. Gilbert, Susan Lyons, Marshall Napier, Don Barker, Sophie Austen-Young
Kamera: David Ruhlmann
Musik: David Bride
Verleih: Rekord-Film-Verleih
Start: 16. November 2006

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Vielleicht nähert man sich diesem berückend ungreifbaren, aber dennoch ergreifenden Film über das, was er nicht ist: Er lädt nicht zu einer bildersatten Feier exotischer Wildheit ein, er verzichtet auf das emotionale Tremolo von Dreiecksgeschichten, auch wenn die weibliche Hauptfigur zwischen zwei Männern steht. „In einem wilden Land“ ist auch keine moralisierende Anklage der westlichen Zivilisation, obwohl er zeigt, wie weiße Geschäftemacher den Ureinwohnern einer Pazifikinsel wertvolle Perlen gegen billigen Ramsch abluchsen und wie christliche Missionare den „Heiden“ Anstand und Sitte beizubringen versuchen, während sich zur gleichen Zeit die so genannten zivilisierten Völker mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gegenseitig vernichten. Wenn der Film überhaupt eine Moral hat, dann die, dass das Leben eine Reise ist, Glück nur in flüchtigen Augenblicken aufscheint und die Liebe so vergänglich ist, wie die Traditionen der Trobriander, zu denen das Ethnologen-Ehepaar Philip und Evelyn Spence aufbricht, um deren Kultur zu dokumentieren, bevor sich die moderne Zivilisation auch auf diesem entlegenen Südseeinseln breit macht. Erzählt wird dies aus der Perspektive Evelyns, die nach dem Krieg eine erfolgreiche Wissenschaftlerin geworden ist und erinnernd die Bruchstücke ihrer Vergangenheit aneinander fügt: Am Anfang steht die Liebe der kleinen Studentin zu dem erfolgreichen Wissenschaftler, der mit einer Studie zum Sexualverhalten der Südseeinsulaner Karriere machen will. Seiner jungen Frau weist er dabei die Rolle der Assistentin zu, die brav seine Manuskripte abtippen soll. Doch Evelyn lernt die Sprache der Ureinwohner, gewinnt das Vertrauen der Frauen und durchschaut die Machtbeziehungen des Dorfes, während ihr Mann nie dazu bereit ist, die Distanz und auch Arroganz des Wissenschaftlers aufzugeben und deshalb zum Opfer dessen wird, was er nur sich einbildet, zu durchschauen.

So wie die beiden Forscher einen Stamm auf der Pazifikinsel mit sezierendem Blick beobachten, beobachtet der Film wiederum sie. Regisseur Bill Bennett hat daraus großes emotionales Erzählkino gemacht, ohne dabei seinen Blick fürs Detail zu verlieren. Er zeigt den langsamen und tief entfremdenden Rollentausch, der die Eheleute in der Fremde prägt, in beiläufigen und zugleich starken Szenen. Dies verdankt der Film vor allem der schauspielerischen Leistung von Maya Stange, die von der sich emanzipierenden Ehefrau und Wissenschaftlerin bis zur Eingeborenen unter Eingeborenen im Lendenschurz ein weites Spektrum weiblicher Rollen mit souveränem schauspielerischen Können meistert.

Ralph Winkle