Der Eid

"Ein Mann sieht Rot" – verlegt in die verschneite, hermetische Welt Islands, so wirkt „Der Eid“ oft. Er gibt sich als harter Selbstjustiz-Thriller, doch unter der Oberfläche erzählt der nach einigen Hollywood-Abenteuern in seine Heimat zurückgekehrte Baltasar Kormákur ein dichtes Familiendrama, in dem er selbst die Rolle eines Vaters spielt, der zwischen Berufsethos und Schutz seiner Tochter hin- und hergerissen ist.

Webseite: www.dereid-derfilm.de

Eiðurinn
Island 2016
Regie: Baltasar Kormákur
Buch: Ólafur Egilsson, Baltasar Kormákur
Darsteller: Baltasar Kormákur, Hera Hilmar, Gísli Örn Gardarsson, Ingvar Eggert Sigurdsson, Joi Johansson, Margrét Bjarnadóttir
Länge: 110 Minuten
Verleih: Alamode Film
Kinostart: 9. Februar 2017

FILMKRITIK:

Auf den ersten Blick wirkt das Leben von Finnur (Baltasar Kormákur) perfekt: Als Herzchirurg arbeitet er in einem Krankenhaus in der isländischen Hauptstadt Reykjavik, wo er für seine Fähigkeiten und Integrität geschätzt wird. Mit seiner zweiten Frau Solveig (Margrét Bjarnadóttir) bewohnt er einen modernistischen Bungalow in einem Vorort, wo die kleine Tochter Hrefna das Familienglück vervollständigt.
 
Und dann ist da noch Anna (Hera Hilmar), Finnurs 18jährige Tochter aus erster Ehe, die nicht mehr zu Hause wohnt, aber einen besonderen Platz im Herz des Vaters einnimmt. Doch Anna droht abzudriften, ist mit dem deutlich älteren Óttar (Gísli Örn Gardarsson) zusammen, einem nicht unsympathischen Mann, der sein Geld jedoch als Drogenhändler verdient. Als Anna bei der Beerdigung von Finnurs Vater in derangiertem Zustand erscheint und anschließend sofort mit Óttar weiterfeiert, stellt Finnur seine Tochter zur Rede. Doch sie will sich nicht von ihrem Vater bevormunden lassen, will ihre eigenen Entscheidungen treffen, ihre eigenen Fehler machen.
 
Der Eid des Titels ist der hippokratische, der Schwur jedes Arztes, seine Fähigkeiten ausschließlich zum Wohl seiner Patienten einzusetzen. In gewisser Weise sieht sich Finnur zwischen zwei Eiden hin- und hergerissen, dem Hippokratischen und dem ungeschriebenen Versprechen, alles zum Wohl seiner Familie, seiner Tochter zu tun. Versucht er es anfangs noch mit Worten, glaubt er, Óttar durch ein Gespräch von Mann zu Mann davon überzeugen zu können, seine Tochter in Ruhe zu lassen, greift er bald zu drastischeren Methoden.
 
Die Ähnlichkeiten zu einem Selbstjustiz-Klassiker wie „Ein Mann sieht Rot“ und noch mehr zu der zeitgenössischen Vater-beschützt-Tochter-Phantasie „Nur 96 Stunden“ sind deutlich und lassen „ Der Eid“ in manchen Phasen wie einen überhitzten, nicht immer glaubwürdigen Rache-Exzess wirken. Mag sein, dass hier Kormákurs mehrjähriger Ausflug nach Hollywood nachwirkt, wo er Actionspektakel wie „Contraband“ oder „2 Guns“ inszenierte. Bekannt wurde er jedoch durch Dramen wie „101 Reykjavik“, die durch ihre genauen Figurenzeichnungen überzeugen und die Besonderheiten der isländischen Psyche zeigen.
 
Zwischen diesen beiden Extremen bewegt sich „Der Eid“, manchmal zwar etwas abrupt, aber immer spannend. Kormákur selbst, der seine Karriere als Schauspieler begann, übernimmt dabei auch noch selbst die Hauptrolle und überzeugt als Vater, der sich in einen Strudel der Gewalt begibt, aus dem er kaum noch herauskommt. Bis an den Rand der Glaubwürdigkeit inszeniert Kormákur die Geschichte, lässt Finnur auf immer extremere Weise versuchen, seine Tochter zu retten, auch wenn sie vielleicht gar nicht gerettet werden muss und schon gar nicht will. Dass man bei allem Exzess, aller Ambivalenz und manchmal auch ganz deutlicher Ungesetzlichkeit der Handlungen, doch immer eine Spur Sympathie für den Vater behält, macht „Der Eid“ so spannend. Im Kern das Richtige wollen, dies jedoch durch falsche Handlungen erreichen: Das ist das Dilemma von Finnur, dies zu bewerten die Aufgabe des Zuschauers, denn Kormákur selbst enthält sich eines klaren Urteils über die Hauptfigur seines ungewöhnlichen, eindrucksvollen Films.
 
Michael Meyns