Der Fall Richard Jewell

Nach dem „Sully“ ist vor dem „Jewell“. Dem tollkühnen Piloten, der nach einer spektakulären Notlandung als Held gefeiert wird, bevor er um seinen Ruf kämpfen muss, folgt nun ein wackerer Sicherheitsmann, dessen beherzte Warnung vor einem Bomben-Attentat eine Katastrophe verhindert. Auch jener Richard Jewell wird in den Medien erst bejubelt – und wenig später als vermeintlicher Tatverdächtiger über die Titelseiten gehetzt. Regie-Veteran Clint Eastwood – im Mai wird die Legende 90 Jahre alt! – erzählt diese wahre Geschichte mit souveräner Präzision und handwerklichem Können. Mit großer Empathie für seine verzweifelte Figur zeigt er eindringlich, wie schnell eine Heldenverehrung zur Hexenjagd mutiert. Und das anno 1996, als von Fake News und Häme in sozialen Medien noch keine Rede war. Wenngleich die Ikone der Coolness nicht selbst vor der Kamera zu erleben ist, präsentiert er seinen Fans ein starkes, cineastisches Geburtstagsgeschenk.

Webseite: www.warnerbros.de

OT: Richard Jewell
USA 2019
Regie: Clint Eastwood
Darsteller: Paul Walter Hauser, Sam Rockwell, Kathy Bates, Jon Hamm, Olivia Wilde
Filmlänge: 131 Minuten
Verleih: Warner Bros. Entertainment GmbH
Kinostart: 19.3.2020

FILMKRITIK:

Ein bisschen erinnert er an Oliver Hardy, der gemütliche Dicke mit dem Schnauzbart. Einst war Richard Jewell (Paul Walter Hauser) als Hilfssheriff unterwegs, mittlerweile arbeitet er für eine Sicherheitsfirma. Bei einem Pop-Konzert im Centennial Park während der Olympischen Spiele in Atlanta von 1996 soll Jewell für Ordnung sorgen. Reine Routine, Jewell verteilt freundlich Erfrischungsgetränke an die Zuschauer. Einen Verdächtigen mit Rucksack verfolgt der aufmerksame Wachmann auch schon mal im Getümmel, was sich freilich schnell als Fehlalarm entpuppt. Mehr schlecht als recht versucht er später, ein paar Teenager vom übermäßigen Bier-Konsum abzuhalten. Ausgerechnet diese Rabauken finden unter einer Bank einen versteckten Rucksack. Der Security-Mann wittert sofort Verdacht, seine Cop-Kollegen sehen die Sache gelassen. Doch Jewell besteht stur auf das Sicherheitsprotokoll in solchen Fällen. Widerwillig erscheinen die Spezialisten am Schauplatz – und sie entdecken tatsächlich eine Rohrbombe in dem Rucksack. Die Bombe tickt, die Warnung eines anonymen Anrufer wurde nicht ernst genommen. Mit Mühe drängen Jewell und seine Kollegen hektisch das ahnungslose Publikum vom Platz. Während der Evakuierung dann die Explosion. Es gibt Opfer, bei weitem nicht so viele, wie sie ohne das Eingreifen von Jewell zu beklagen gewesen wären.

Am Morgen danach wird der Wachmann in den Medien als Held gefeiert. Seine Mutter (Kathy Bates), bei der er noch immer lebt, ist sichtlich stolz, ihren Jungen in den TV-Nachrichten zu sehen. Der weiß gar nicht so recht, wie ihm geschieht, als wildfremde Menschen auf der Straße ihn feiern. Doch dieser Jubel soll nicht lange halten. Ein einstiger Arbeitgeber schwärzt Jewell beim FBI als Wichtigtuer an. Die Behörden ermitteln, Waffenfunde in seiner Wohnung erhärten den Anfangsverdacht. Eine ehrgeizige Reporterin (Olivia Wilde) bekommt Wind von der Sache und wittert die Sensationsgeschichte. Ihre Story wird zur Titelseite, mit frenetischem Applaus der Kollegin wird die Journalistin in ihrem Boulevardblatt gefeiert.

Kaum vom FBI-Verhör zurück, sieht sich Jewell mit einem Pulk von Reportern vor seinem Haus konfrontiert. Verzweifelt sucht er Hilfe und findet sie bei dem engagierten Anwalt Watson Bryant (Sam Rockwell). Für den Juristen beginnt ein Kampf gegen Windmühlen – zumal sein naiver Klient nicht unbedingt hilfreich agiert. 89 Tage nach Beginn der Ermittlungen ist für Jewell der Albtraum vorbei: Er wird freigesprochen, von Verlagen bekommt er Schadenersatz für die Rufschädigung.

Mehr als 40 Filme hat Eastwood inszeniert, für „Erbarmungslos“ und „Million Dollar Baby“ wurde er mit dem Oscar gewürdigt. Die jahrzehntelange Regie-Erfahrung zahlt sich spürbar aus. Mit souveräner Leichtigkeit und psychologischer entwickelt sich das Porträt eines überwichtigen Außenseiters, der seinen Mitmenschen mit seinem Hang zur Kleinkariertheit auf die Nerven geht. Sein karges soziales Leben spielt sich fast nur in der mütterlichen Wohnung ab, wo der verhinderte Polizist fanatisch Waffen sammelt. Ein unbedarfter, naiver Typ wie er taugt kaum zum Helden. Er passt besser in das Profil eines psychopathischen Bombenlegers. Kaum beginnt das FBI mit ersten Ermittlungen, wittern Medien das Schlagzeilenpotenzial. Skrupellos strickt eine Lokalreporterin ihre Story, die Insider-Informationen verdankt sie dem Flirt mit einem Agenten. Diese Version das Films bestreitet die betroffene Zeitung „Atlanta Journal – Constitution“ vehement und wirft ihrerseits Eastwood unlautere Methoden vor. Die Wahrheit lässt sich nicht mehr klären, die betroffene Reporterin ist 2001 verstorben. Klar ist freilich, dass zwischen Fake News und künstlerischer Freiheit ein gravierender Unterschied besteht. An der medialen Hexenjagd auf Jewell jedenfalls besteht kein Zweifel, wie die üppigen Schadensersatzzahlungen verschiedener Verlage zeigen.

Formal gibt sich Eastwood zurückhaltend. Schnörkellos entwickelt er sein Drama, hält freilich auch Finessen bereit. Die versteckte Bombe etwa inszeniert er genüsslich mit klassischem suspense und lässt sie in einem Traum gleich nochmals explodieren. Derweil bei einer Zeitmessung des Anwalts parallel der 200 Meter Weltrekord von Michael Johnsohn im Olympia-Stadion eingeflochten wird.

Mit Kathy Bates und Sam Rockwell sind die Nebenrollen glänzend besetzt. Einen starken Auftritt liefert Titeldarsteller Paul Walter Hauser in seiner ersten Hauptrolle – ein bisschen erinnert er an Oliver Hardy.

Dieter Oßwald