Der Fremde

Literarische Vorlagen hat der französische Regisseur und Drehbuchautor François Ozon schon mehrfach für das Kino adaptiert (etwa in „Sommer 85“). Mit „Der Fremde“ nach dem gleichnamigen Roman von Nobelpreisträger Albert Camus wagt er sich dieses Mal allerdings an einen echten Klassiker. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Sein Film über einen Mann, dem die Welt gänzlich sinnlos erscheint, lebt von einem untergründigen Brodeln und bietet reichlich Raum für Diskussionen.

 

Über den Film

Originaltitel

L’Étranger

Deutscher Titel

Der Fremde

Produktionsland

FRA,BEL,MAR

Filmdauer

123 min

Produktionsjahr

2025

Produzent

Ozon, François

Regisseur

Ozon, François

Verleih

Weltkino Filmverleih GmbH

Starttermin

01.01.2026

 

Was auch immer man von François Ozon halten mag, eines dürfte unbestritten sein: Festlegen lässt sich der französische Autorenfilmer nicht. Seit seinen Anfängen Ende der 1990er-Jahre hat er schon viele Genres bespielt, sie teilweise auch auf überraschende Weise gekreuzt. In „Der Fremde“, seiner 2025 in Venedig uraufgeführten Adaption von Albert Camus‘ gleichnamigem Literaturklassiker, bewegt er sich nun zwischen Liebesgeschichte, Gerichtsfilm und existenzialistischem Drama.

Schauplatz der Handlung ist das Algier der 1930er-Jahre. Im Stadtbild ist der Einfluss der französischen Kolonialherren längst deutlich sichtbar, worauf wir gleich zu Beginn hingewiesen werden. Den Protagonisten Meursault (Benjamin Voisin), einen einfachen Angestellten, lernen wir als einen wortkargen Beobachter kennen, den selbst der Tod seiner in einem Pflegeheim lebenden Mutter nicht aus der Fassung bringen kann. Stoisch nimmt er an der Trauerzeremonie teil und geht anschließend zur Tagesordnung über.

Aus einer Affäre mit der früheren Kollegin Marie (Rebecca Marder), die Meursault beim Baden trifft, könnte mehr entstehen. Doch über Liebe möchte er, im Gegensatz zu ihr, nicht sprechen. Denn letztlich sei sie bedeutungslos. Auch ein eigentlich reizvolles Jobangebot lässt der teilnahmslose junge Mann an sich vorüberziehen. Als er sich mit seinem Nachbarn Raymond (Pierre Lottin) anfreundet, der seine algerische Geliebte Djemila (Hajar Bouzaouit) misshandelt, nimmt sein monotones Leben eine ungeahnte Wendung. An einem einsamen Strand wird Meursault eines Tages zum Mörder.

Der letzte Satz ist keineswegs ein leichtfertig preisgegebener Spoiler. Denn schon am Anfang erfahren wir, dass die Hauptfigur wegen eben jener Tat im Gefängnis landet. Ausgedehnte Rückblenden schildern schließlich, wie es dazu kam. Zur Hälfte wandelt sich „Der Fremde“ zu einem courtroom drama, bevor der Film gegen Ende dann stark ins Philosophische ausschlägt. Hat unser Dasein überhaupt einen Sinn? Wenn ja, welchen? Ist nicht alles egal? Auch der Tod? Und: Gibt es einen Weg, die Absurditäten der menschlichen Existenz auszuhalten? Ausgehend vom Ursprungsstoff jongliert Ozon mit den ganz großen Fragen des Lebens und öffnet einen Raum für eigene Überlegungen und Diskussionen.

Im Kino soll sich das Publikum gemeinhin mit der zentralen Figur identifizieren. Bei der Camus-Adaption fällt das jedoch schwer. Uninteressant ist der kaum fassbare, sich den gesellschaftlichen Konventionen entziehende Meursault, den auch der Anblick von Gewalt kaltlässt, deshalb aber noch lange nicht. Ebenso wie der eifrige Staatsanwalt in der zweiten Hälfte möchte man irgendwie hinter die Fassade blicken, verstehen, warum dieser Mann so tickt, wie er tickt. Hauptdarsteller Benjamin Voisin baut um sich eine enigmatische Aura auf, legt in seinen Blick, in seine Mimik genau das richtige Maß an Gleichgültigkeit, das auf produktive Weise irritiert und herausfordert.

Im Einklang mit Meursaults Haltung, mit seiner fehlenden Zielstrebigkeit stehen das Tempo und die Inszenierung des in elegante Schwarz-Weiß-Bilder gekleideten Films. Alles vollzieht sich ohne Hektik, bedächtig. Nichts wird dramatisch hochgepeitscht. Handfeste Emotionen zeigt der Protagonist erst im Finale, das auf einmal eine ungeahnte Dringlichkeit entwickelt. Vorher dominiert eine untergründige Spannung, die sich auch aus einem wiederkehrenden gespenstisch klingenden Musikthema speist.

Was François Ozon in seiner Version des Camus-Klassikers wiederholt in den Fokus rückt, sind die Konflikte und Gräben innerhalb des von Frankreich kolonisierten Algeriens. Ganz bewusst lässt der Filmemacher Djemila, die Schwester des ermordeten Moussa (Abderrrahmane Dehkani), vor Gericht darüber klagen, dass es nur um Meursault, seinen Blick auf die Welt und seine Mutter ginge, während das einheimische Opfer gänzlich im Schatten bleibe. Dass der Tote, anders als im Roman, einen Namen hat, spricht ebenso für sich wie eine markante Entscheidung auf den letzten Metern: Die einprägsame Schlussszene gehört dem Ermordeten und Djemila, die dessen Grab am Strand besucht.

 

Christopher Diekhaus

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