Der geheime Roman des Monsieur Pick

In der „Bibliothek der abgelehnten Bücher“ entdeckt eine ehrgeizige, junge Verlagslektorin ein Manuskript, das sie umgehend veröffentlichen lässt. Es wird zum Bestseller, doch ein misstrauischer Literaturkritiker wittert Betrug. Hat der verstorbene Pizzabäcker Henri Pick den Erfolgsroman tatsächlich selbst geschrieben? Die Komödie lebt vor allem von Fabrice Luchini, der den Kritiker spielt. Insgesamt ist die Komödie mit Krimitouch unterhaltsam bis amüsant und eher liebenswert als boshaft.

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Originaltitel: Le Mystère Henri Pick
Frankreich 2018
Regie: Rémi Bezançon
Drehbuch: Rémi Bezançon, Vanessa Portal (nach einem Roman von David Foenkinos)
Darsteller: Fabrice Luchini, Camille Cottin, Alice Isaaz, Hanna Schygulla
Länge: 111 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 26. Dezember 2019

FILMKRITIK:

In der unendlichen Reihe von französischen Filmtiteln der letzten Jahre mit Monsieurs und Madames im deutschen Titel, die sich vermutlich am Erfolgsmuster des ersten Monsieur Claude(2014!) orientieren und mal mehr, mal weniger offensiv mit dem Genitiv operieren, nun also ein erfreulich korrekter Genitiv und ein Monsieur Pick … Langsam fragt man sich, wie man es eigentlich mit den Originaltiteln aushalten konnte. Aber „Monsieur“ (und „Madame“ natürlich ebenfalls!) hört sich schon so wunderbar französisch charmant und nach Komödie an, dass ein Ende vermutlich nicht in Sicht ist.
 
Dass es sich auch hier um eine Komödie handelt, wird schnell klar, denn der Beginn ist eine Verkettung von Zufällen, die sehr direkt den Weg ins kreativ komische Chaos weisen: Zufällig stößt Daphné in ihrem Heimatdörfchen mitten in der Bretagne auf die „Bibliothek der abgelehnten Bücher“, wo sie zufällig das Manuskript des Pizzabäckers entdeckt, der vor ein paar Jahren verstorben ist und nicht mehr befragt werden kann. Und zufällig arbeitet sie bei einem Verlag.
 
Doch auch wenn die Geschichte ein bisschen nach „Whodunit“ aussieht und auch wenn zwischendurch der Krimicharakter überwiegt – alle Zeichen deuten auf Komödie, und die Hauptpersonen sind entsprechend viel versprechend: die ehrgeizige junge Verlagsmitarbeiterin Daphné; ihr Liebster, der bislang erfolglose Schriftsteller Fred, die literarisch gebildete Tochter des Pizzabäckers und der sowohl berühmte als auch berüchtigte Literaturkritiker Rouche, der seine eigene Fernsehsendung hat und durch die Nennung oder Nicht-Nennung eines Buches darüber mitentscheidet, ob es sich verkauft oder im Bücherregal verschimmelt. Doch er überschätzt seine Macht, denn allein sein Verdacht, bei dem posthum veröffentlichten Meisterwerk des Henri Pick könnte es sich um einen geschickt eingefädelten Betrug handeln, macht ihn sehr schnell extrem unbeliebt und führt dazu, dass er alles verliert, was ihm lieb und teuer ist, einschließlich Ehefrau und Job. Doch so schnell lässt sich Rouche nicht von seinem Vorhaben abbringen. Er ermittelt auf eigene Faust und findet ganz unerwartet Hilfe – ausgerechnet bei der Tochter des verstorbenen Pizzabäckers.
 
Ganz eindeutig: Hier wird die Verlagsbranche und der Hype um Autoren auf die Schippe genommen. Es genügt nicht, so die These des Films, literarische Qualität zu produzieren, sondern das, was eigentlich zählt, ist die originelle und möglichst emotionale Geschichte dahinter. Ein Romanerstling, geschrieben von einem einfachen Menschen ohne Vorbildung, der nie eine Neigung zum Schreiben hatte und von dem man bisher nur die eine oder andere Postkarte und ein paar Einkaufszettel kannte, ist für den Verlag der ganz große Wurf. Dass der Betreffende mittlerweile verstorben ist, gibt dem Ganzen noch den letzten Pfiff: Die trauernde Witwe, die sich unversehens mit dem bisher unentdeckten Talent des Toten konfrontiert sieht, findet Trost und Zuspruch bei einem lesenden Millionenpublikum – was für eine schöne Form der Trauerbewältigung! Und als i-Tüpfelchen werden die Einnahmen auch noch gespendet; besser geht’s nun wirklich nicht. Genau gegen diese Konstruktion opponiert der Bildungsbürger Rouche, ein Bruder im Geiste von Monsieur Claude und Marcel Reich-Ranicki. Im Laufe seiner Ermittlungen erfährt er eine positive Entwicklung: vom arroganten Schnösel zum mitfühlenden Menschen. Fabrice Luchini spielt dieses Musterbeispiel eines professionellen Besserwissers zu Beginn mit dem schmallippigen Charme des Schwerintellektuellen, der sowieso schon alles weiß und jeden kennt. Seine Beharrlichkeit ist ebenso komisch wie seine schier unerschöpfliche Kreativität bei allen Versuchen, den Betrug hinter dem Manuskript zu entlarven. Camille Cottinist seine absolut gleichwertige Gegenspielerin und Partnerin – das weiß man zunächst nicht so genau. Sie spielt Joséphine Pick, die Tochter des Verstorbenen, eine sehr belesene und taffe Lehrerin, die sich in den Kopf gesetzt hat, mit Rouche gemeinsam das Geheimnis ihres Vaters zu lüften. Die beiden liefern sich schöne Wortduelle und kommen sich dabei immer näher. Eher blass bleibt dagegen das zweite Paar des Films: Daphné (Alice Isaaz) und Fred (Bastien Bouillon), wobei Daphné zu Beginn wie eine Hauptfigur eingeführt wird, aber im Verlauf der Handlung immer unwichtiger wird. Beinahe dasselbe gilt für Fred. Oder anders gesagt: Die beiden alten Theaterhasen zeigen den Jungen, wo es langgeht. Die Ermittlungen inklusive einiger kleiner Fallen und falscher Spuren sind dann letztlich doch nicht so wichtig, sondern es regiert das Amüsement. Die Handlung zeigt dann dennoch ein paar hübsche Wendungen und eine Lösung, die für professionelle Krimifans wenig überraschend daherkommt, aber die flotte Komödie zu einem angemessenen Schluss führt. Die herrliche Landschaft der Bretagne, ein paar originelle Nebenfiguren, unter anderem Hanna Schygulla, und ein inspirierter Soundtrack machen das leichtfüßige Vergnügen komplett.
 
Gaby Sikorski