Der Geschmack von Apfelkernen

Mit ihrer drei Generationen umspannenden Familiensaga traf Katharina Hagena 2008 den Nerv ihrer Leser. Nun liegt die Filmversion ihres Romanerfolgs vor, der nach Wunsch der Produzenten neben möglichst vielen Lesern auch Filmfreunde jeden Alters in die Kinos locken soll. Das könnte angesichts der hochkarätigen Besetzung (u.a. Hannah Herzsprung, Marie Bäumer, Meret Becker, Friedrich Mücke) und dem Zuschnitt auf die Qualitäten der Vorlage durchaus gelingen. Insbesondere die komplexe Erzählstruktur über mehrere Zeitebenen wurde hier filmisch überzeugend gelöst.

Webseite: www.geschmackvonapfelkernen-derfilm.de

D 2013
Regie: Vivian Naefe
Drehbuch: Uschi Reich, Rochus Hahn nach dem Roman von Katharina Hagena
Kamera: Martin Langer
Darsteller: Hannah Herzsprung, Florian Stetter, Marie Bäumer, Meret Becker, Paula Beer, Hildegard Schmahl, Matthias Habich, Friedrich Mücke, Zoe Moore, Oda Thormeyer, Thalia Neumann, Hans Kremer
Kinostart: 26.9.13
Laufzeit: 121 Minuten
Verleih: Concorde

PRESSESTIMMEN:

"Fast mühelos wechselt der Film zwischen den verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen, verbindet den magischen Realismus der Vorlage mit einer aufkeimenden Liebesgeschichte. Katharina Hagenas Roman war nicht nur eine zartfühlende Familienchronik, sondern auch eine Reflexion über die Untiefen des Vergessens und Erinnerns… Wer Katharina Hagenas Roman verschlungen hat, kommt auch im Kino auf den Geschmack."
Cinema

FILMKRITIK:

Was verbindet die Frauen einer Familie über Generationen hinweg? Diese Frage stand im Mittelpunkt des überraschenden Romanerfolgs „Der Geschmack von Apfelkernen“ von Katharina Hagena. Die Geschichte galt aufgrund ihrer verschiedenen Zeitebenen, die immer wieder miteinander verschmelzen und ineinander greifen, nicht gerade als leicht zu verfilmen. Regisseurin Vivian Naefe und Bavaria-Produzentin Uschi Reich, die zusammen bereits den Kinder-Bestseller „Die wilden Hühner“ auf die Kinoleinwand brachten, ließen sich von diesen Hürden jedoch nicht abschrecken. Sie wagten sich an die besondere, fast ausschließlich aus weiblicher Perspektive erzählte Familienchronik, in der sich sowohl ein jüngeres als auch ein älteres Publikum wiederfinden dürfte.

Alles beginnt hier mit einem Ende. Nach dem Tod der geliebten Großmutter Bertha (Hildegard Schmahl) fällt deren altes Landhaus in den Besitz ihrer Enkelin Iris (Hannah Herzsprung). Die 28-jährige trifft die Erbschaft ziemlich unvorbereitet. So weiß sie nicht, ob sie das Erbe wirklich antreten soll. In dem Haus stecken einfach zu viele schmerzliche Erinnerungen, die das Leben ihrer Familie bis zum heutigen Tage beeinflussen. Iris taucht beim Gang durch die alten Zimmer und den malerischen Garten immer tiefer in die Vergangenheit ein. Sie begibt sich auf die Spuren ihrer Tante Inga (Marie Bäumer), die trotz ihrer Schönheit mit Männern bislang kein Glück hatte, und deren Schwester Harriet (Meret Becker), für die mit dem Unfalltod ihrer Tochter Rosmarie (Paula Beer) das Leben plötzlich stillstand. Auch der alte Nachbar (Matthias Habich) der Großmutter scheint mit der Familie auf besondere Weise verbunden.

Wie in einem Puzzlespiel geben die einzelnen Teile dieser Familiengeschichte mit jeder neuen Entdeckung den Blick auf ein sich wandelndes, viel größeres Bild frei. Immer wieder muss Iris ihr Urteil über bestimmte Familienmitglieder und Ereignisse revidieren. Dabei umspannen Film wie Roman einen Zeitraum von über 80 Jahren. Das typisch norddeutsche Landhaus mit seinem Obstgarten, in dem neben Apfelbäumen auch weiße Johannisbeeren wachsen, bleibt stets der Ort, an dem die einzelnen Erzählfäden zusammenlaufen. Von diesem Mittelpunkt aus blickt Naefe in die Leben der drei Generationen, öffnet Türen in ganz unterschiedlichen Biografien und Schicksale. Das Erzähltempo ist mäßig und doch erfährt die Geschichte nie Stillstand oder Langeweile. Den Übergang von einer Zeitebene in die nächste vollzieht der Film dabei auf eine sehr elegante Art. Zusammen mit Iris gleitet der Zuschauer in die Vergangenheit, was besonders beim ersten Rundgang durch das alte Haus von Naefe und ihrem Kameramann Martin Langer atmosphärisch in Szene gesetzt wurde.

Dafür wirken manche der Dialoge etwas holprig und unbeholfen, was bei einer Romanverfilmung zunächst überrascht. Allerdings lebte bereits Katharina Hagenas Bestseller (allein 1,25 Mio. auf Deutsch verkaufte Exemplare) weniger von seiner Sprachgewalt als von einem Gefühl für Stimmungen. Tatsächlich funktioniert der Film immer dann besonders gut, wenn sich Naefe ganz auf Martin Langers Bilder und die Präsenz ihres großartigen Ensembles verlässt. Vor allem Hannah Herzsprung bringt den für die Rolle der Iris erforderlichen Entdeckergeist mit. Sie ist Naefes Anker und zugleich die wichtigste Identifikationsfigur für den Zuschauer, der durch ihre Augen in die bewegte Familienchronik eintaucht. Ob der vom Presseheft angestellte Vergleich zum Oscar-Erfolg „The Hours“ jedoch so glücklich gewählt ist, darf bezweifelt werden. Trotz eines ähnlichen Aufbaus und zum Teil recht ähnlicher Themen, spielt letztgenannter doch in einer anderen Liga.

Marcus Wessel

Eine Familiengeschichte. Sie handelt von Iris und ihren Freundinnen Mira und Rosemarie, von ihren Tanten Inga, Christa und Harriet, von den diversen männlichen Partnern dieser Frauen, vor allem auch von Bertha, Ingas, Harriets und Christas Mutter und damit Iris‘ Großmutter, nicht zu vergessen Max, Miras Bruder und schließlich Iris‘ Freund, dazu noch von Peter, Ingas großer unglücklicher Liebe.

Im Mittelpunkt steht Iris. Da Bertha sie sehr liebte, vermacht sie ihr, als sie stirbt, das große alte geschichtsträchtige Haus mit dem Garten, in dem die Apfelbäume stehen (die dem Film und dem zugrunde liegenden Roman von Katharina Hagena den Titel geben).

Nach Berthas Begräbnis durchstreift Iris das geerbte Haus und erinnert sich: an ihre Spiele und auch Eifersüchteleien mit Mira und der oft bösen Rosemarie; an Berthas Demenz im Alter; an der schwangeren Harriets schweren Stand gegenüber ihrem strengen Vater; an Ingas Liebe zu Peter, die wegen Rosemarie zerbrach; an Rosemaries tödlichen Unfall und ihr eigenes damit verbundenes Trauma; an ihre nur langsam aufkeimende Liebe zur „Niete“ Max; an Berthas Seitensprung mit Carsten Lexow, dem sehr wahrscheinlich Inga entsprungen ist.

Es bedurfte einer Menge dramaturgischen Geschicks, um die mosaikartig auf drei Zeitebenen verteilten Handlungsphasen und Szenen plausibel und verständlich miteinander zu verknüpfen. Regisseurin Vivian Naefe hat über dieses Geschick verfügt. Es ist ein epischer, erzählerisch interessanter, menschlich ansprechender Film geworden, natürlich auch deshalb, weil er auf einem Bestseller basiert. Die technischen „Zutaten“ stimmen ebenfalls, und von einem Dutzend Hauptdarsteller (Marie Bäumer, Meret Becker, Matthias Habich, Florian Stetter, Paula Beer usw.) spielt einer besser als der andere.

Herausragend Hannah Herzsprung als Iris.

Thomas Engel