Der Glanz des Tages

Irgendwo zwischen Fiktion und Dokumentation, zwischen Spielfilm und Dokufiktion, zwischen Metaebene und Realismus ist „Der Glanz des Tages“ angesiedelt, der zweite Spielfilm des Regieduos Tizza Covi und Rainer Frimmel. In einem losen Handlungsgerüst begegnen sich dabei Philipp Hochmair und Walter Saabel und diskutieren mal mehr, mal weniger zwingend über Lebensformen, Wirklichkeit und Identitäten.

Webseite: www.peripherfilm.de/derglanzdestages

Österreich 2012
Regie: Tizza Covi, Rainer Frimmel
Buch: Tizza Covi, Rainer Frimmel, Xaver Bayer
Darsteller: Philipp Hochmair, Walter Saabel, Vitali Leonti
Länge: 90 Minuten
Verleih: peripher
Kinostart: 26. September 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Ein hochgewachsener Mann mit Halbglatze geht durchs verschneite Hamburg, macht in einem Fotoautomat Passbilder, trinkt in einer Kneipe ein Bier und geht nach Hause. Vor seiner Wohnungstür trifft dieser Mann, ein Schauspieler namens Philipp (Philipp Hochmair) seinen Onkel Walter (Walter Saabel), den er bislang noch nie zu Gesicht bekommen hat. Man freundet sich an, Walter besucht Philipp im Theater, wo dieser als Woyzeck auf der Bühne steht. – Und nach der Vorführung seine Maske abnimmt und plötzlich, mit dichtem Haar ganz anders aussieht als zu Beginn.

Dieses Spiel mit echten und flaschen Identitäten ist der lose rote Faden von „Der Glanz des Tages“, in dem das österreichische Regieduo Tizza Covi und Rainer Frimmel zwei Menschen aufeinander treffen lässt, die sich selbst, vielleicht auch Variationen ihrer selbst spielen. Das ist zum einen Philipp Hochmair, der an diversen deutschsprachigen Bühnen Theater spielt und auch in Filmen wie „Das Experiment“ oder „Winterreise“ zu sehen war. Zum anderen ist das Walter Saabel, der schon in „La Piellina“ und „Babooska“ zu sehen war, zwei früheren Filmen von Covi und Frimmel. Saabel ist tatsächlich Messerwerfer und Schausteller, als der er sich in diesem Film Philipp vorstellt, auch wenn seinen wilden Geschichten von Abenteuern in fremden Ländern oder Kämpfen mit Bären, stets etwas Unwirkliches anhaftet.

Das Walter einmal Karl May-Bücher kauft, könnte man als Hinweis auf eine lebendige Phantasie verstehen, mit der Walter, der offensichtlich ein Leben als Rumtreiber führt und Züge eines Schmarotzers hat, sich Abenteuer imaginiert, die er nie erlebt hat. Philipp dagegen lebt seinen Abenteuerdrang auf der Bühne aus, schlüpft von einer Rolle in die nächste, tritt mal als Woyzeck, dann als Gestiefelter Kater, mal als Tasso auf. Aus Goethes Stück stammt auch der Titel, „Das Glück des Tages“, das Walter und Philipp ganz unterschiedlich beschreiben: Der eine mit dem Fangen eines prächtigen Fischs, der andere mit dem Applaus des Publikums.

In solchen Dialogen, in denen die unterschiedlichen Lebensvorstellungen Philipps und Walters aufeinanderprallen, sich die beiden unterschiedlichen Charaktere auf mal ernste, mal humorvolle Weise austauschen, hat der Film seine stärksten Momente. Hier trifft das Improvisationstalent Hochmaiers auf die Authentizität Saabels, schwebt die Geschichte überzeugend zwischen Realität und Fiktion.

Immer wieder bemühen sich Covi und Frimmel jedoch um eine straffe Narration, die vor allem in Gestalt von Philipps Nachbar Victor (Vitali Leonti) zu tragen kommt. Für dessen Kinder wird Walter eine Art Ersatzvater, doch überzeugend ist das nicht. Zu konstruiert wirkt gerade im letzten Dritten das Drehbuch, zu bemüht, die lose Struktur zu einem prägnanten Abschluss zu bringen. Doch auch wenn die vielen starken Szenen zwischen Hochmair und Saabel etwas in der Luft hängen, bleibt Tizza Covi und Rainer Frimmel „Der Glanz des Tages“ ein interessantes Experiment, dass in seinen besten Momenten viel über Rollen und Identitäten erzählt.

Michael Meyns

Philipp Hochmair ist ein bekannter Wiener Theaterschauspieler. Er bekommt sogar in der Burgtheatergalerie bereits einen Ehrenplatz. Werther, Woyzeck oder Dramen von Schiller, Kafka und Peter Handke, das ist seine Welt. Das Theater ist nicht nur sein Beruf, sondern eine Leidenschaft. Das spürt man, wenn man ihn reden hört, wenn ihm „die Sprache geschenkt wird“, wenn man ihn spielen sieht. Für den Augenblick zählt nichts anderes in seinem Leben.

Philipp bei einer Generalprobe im Hamburger Thalia-Theater. Da bekommt er überraschenden Besuch von einem Onkel, den er offenbar noch nie gesehen hat. Es ist Walter, der Bruder oder Stiefbruder von Philipps Vater, der jedoch an einem Kontakt zu Walter kein Interesse zeigt.

Walter verbringt – in Hamburg und Wien – einige Zeit mit Philipp. Da kommt nun ein Mensch und ein Leben zum Vorschein, die es in sich haben („Heirat: eine Episode des Lebens“). Walter, einem schlimmen Waisenhaus entronnen, war Zirkusartist, Messerwerfer, Löwen- und Bärenbändiger. Nun, in einem gewissen Alter, muss er neu anfangen. Philipp beherbergt ihn. Die Männer lernen sich zu verstehen. Walter hört den Schauspieler beim Rollen lernen ab. Die beiden reden oft miteinander, zum Beispiel auch über den „Glanz des Tages“, den jeder anders sieht.

Walter ist in Wien bereit, Alyosha und Kati, die Kinder von Philipps Nachbar Victor zu hüten, der arbeiten muss. Absolut rührend kümmert er sich um die Kleinen. Die Mutter ist in Moldawien, bekommt kein Visum für Österreich. Walter will sie in einem präparierten Lieferwagen über die Grenze schmuggeln. Man kann nur hoffen, dass das Unternehmen gelingt.

Ein formal nicht sehr aufregender, dafür menschlich umso ansprechenderer Film, der von seinem humanen Gehalt her gut tut. Prima Idee: Ein Passus, den Philipp gerade lernt, entspricht genau der aktuellen Lebenssituation der Handelnden.

Vor allem auch agieren der Theaterschauspieler und der Bärenringer (Walter Saabel), so grundverschieden sie sind, derart authentisch, dass man es gerne miterlebt.

Außergewöhnliche Lebensdarstellungen, verbunden mit drängenden gesellschaftlichen Problemen.

Thomas Engel