Glaubensfrage

In „Glaubensfrage“ dreht sich alles um einen schrecklichen Verdacht und die Frage, wie sich Menschen in moralischen Extremsituationen verhalten, wenn der Gewissheit ein begründeter Zweifel gegenüber steht. John Patrick Shanleys Adaption seines eigenen Theaterstücks folgt einer brisanten Kettenreaktion, an deren Ende der Zuschauer keine eindeutigen Antworten erwarten darf. Meryl Streep, Philip Seymour Hoffman und Amy Adams veredeln mit ihren Leistungen diese u.a. für den Oscar hoch gehandelte Produktion.

Webseite: www.glaubensfrage-derfilm.de

OT: Doubt
USA 2008
Regie & Drehbuch: John Patrick Shanley
Produktion: Scott Rudin, Mark Roybal
Kamera: Roger Deakins
Musik: Howard Shore
Mit Meryl Streep, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams, Viola Davis, Joseph Foster
Laufzeit 104 Minuten
Kinostart: 5.2.2009
Verleih: Walt Disney (Miramax)

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

Zu Beginn der 1960er Jahre vollzieht sich in der amerikanischen Gesellschaft ein erstaunlicher Wandel. Einst als unumstößlich angesehene Meinungen und Strukturen verlieren nach und nach ihre Bedeutung. Das Erstarken der Bürgerrechtsbewegung und die Präsidentschaft John F. Kennedys haben weite Teile des Landes für jedermann spürbar verändert. Auch in der Bronx hat sich das soziale Klima gewandelt, sehr zum Missfallen der strengen Schuldirektorin Schwester Aloysius Beauvier (Meryl Streep), die an alten Tugenden wie Disziplin und Gehorsam um jeden Preis festhalten will. Die Schüler sollen ehrfurchtsvoll zu den Erwachsenen aufsehen und das tun, was man ihnen sagt.  

Allerdings sind längst nicht mehr alle dieser Auffassung. Pater Flynn (Philip Seymour Hoffman), ein engagierter, charismatischer Priester, der wie Schwester Aloysius an der katholische Schule von St. Nicholas unterrichtet, versteht sich vielmehr als väterlicher Freund seiner Schützlinge. Da wundert es nicht, dass seine Lehrmethoden von der resoluten Direktorin argwöhnisch beobachtet werden. Als dann noch eines Tages Schwester James (Amy Adams) ihrer Vorgesetzten berichtet, dass der Pater einem Jungen zu viel private Aufmerksamkeit zukommen lässt, droht der schwelende Konflikt endgültig zu eskalieren. Schwester Aloysius konfrontiert Pater Flynn offen mit den Missbrauchsvorwürfen, die dieser entschieden zurückweist. Dass es sich bei dem Jungen ausgerechnet um den kleinen Donald (Joseph Foster) handelt, den ersten farbigen Schüler von St. Nicholas, macht die Sache keineswegs einfacher.

Mit „Glaubensfrage“ kehrt John Patrick Shanley nach fast zwei Jahrzehnten zum Kino zurück. Er selbst adaptierte sein mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnetes Broadway-Stück, das sich vor allem als Grundlage eines intellektuellen wie moralischen Diskurses versteht. Im Kern handelt der Film vom ewigen Widerstreit zweier unvereinbarer Positionen. Von Zweifel und vermeintlicher, meist subjektiver Gewissheit, von Sicherheit und Unsicherheit. In Zeitlupe, fast wie in einem kontrollierten Laborexperiment, lässt Shanley diese unterschiedlichen Weltbilder in Person seiner beiden Hauptfiguren aufeinander prallen. Dabei entwickelt der Film am Ort ihrer Kollision eine kriminalistische Spannung, gilt es doch die Wahrheit hinter den Anschuldigungen zu ergründen.

Wesentlichen Anteil am Gelingen dieser zeitlosen Geschichte haben die Darsteller, allen voran Meryl Streep und Philip Seymour Hoffman. Es wäre ein Leichtes, Schwester Aloysius als die Karikatur einer verbohrten Frömmlerin der Lächerlichkeit preiszugeben. Doch die Streep, mit all ihrer Erfahrung, tappt nicht in diese Falle. Bei ihr behält auch der „Drache“ von St. Nicholas (Zitat Pater Flynn) seine Würde. Die Intensität und Dynamik der Wortgefechte zwischen ihr, der resoluten Asketin, und Pater Flynn, dem Prototyp eines lebensbejahenden Genussmenschen, zeugen von Shanleys Qualitäten als Autor. Das letzte Mal, als derart geschliffene, pointierte Dialoge in einem Kinofilm zu hören waren, zerfleischten sich gerade Julia Roberts und Clive Owen in Mike Nichols Anti-Romanze „Hautnah“.

Shanleys analytischer Ansatz bedingt jedoch auch, dass die Duellanten vorrangig als Platzhalter einer bestimmten Geisteshaltung und weniger als Menschen aus Fleisch und Blut wahrgenommen werden. Von Beginn an sind die Fronten und Positionen klar abgesteckt und nur die leicht beeinflussbare Schwester James darf, stellvertretend für uns, immer mal wieder die Seiten wechseln. Trotz dieser leicht durchschaubaren Versuchsordnung spielt sich Shanley nie zu einem Dozenten auf. Er überlässt es uns, Rückschlüsse zu ziehen über das, was tatsächlich zwischen Pater Flynn und Donald vorgefallen ist. Man möchte nur zu gerne glauben, dass die Anschuldigungen haltlos sind. Schließlich erscheint Pater Flynn neben der strengen Oberschwester wie ein echter Sympathieträger. Leise Zweifel bleiben dennoch – und das nicht nur auf Seiten des Zuschauers, wie die letzte Szene auf eindrucksvolle Weise offenlegt.

Marcus Wessel

1964. Die katholische Ordensschule St. Nicholas in der Bronx. Sie wird geleitet von Sister Aloysius (Meryl Streep), einer von Disziplin, festen Prinzipien, Glauben und Fanatismus geprägten Ordensfrau. Entsprechend ist ihr Regiment über die Schule. Sie erscheint in ihrer Art eisenhart. 

Als Priester fungiert Father Flynn. Er ist tolerant, tritt für mehr Liberalität ein, hält Predigten über Grenzthemen. Schon mehrere Male wurde er versetzt, man könnte gewisse Zweifel an seinem Charakter und seinem Vorleben haben. Vor allem fällt auf, dass er dem ersten schwarzen Schüler der Anstalt, dem offenbar homosexuell veranlagten Donald Miller, viel Aufmerksamkeit widmet. Steckt mehr dahinter als Beschützerinstinkt? Vielleicht gar Sexuelles? Sicher ist, dass Donald von vielen gemieden und von seinem Vater geschlagen wird.

Da ist noch die junge Sister James. Sie ist eine sympathische Lehrerin, steckt aber in Gewissensnöten, weiß nicht, ob sie sich auf Schwester Aloysius’ oder Vater Flynns Seite schlagen soll. So ganz neutral verhält sie sich nicht. Sie löst nämlich schließlich Aloysius’ fatale Argumentation und Entscheidung aus, die Flynn seine Stellung kostet.

Die Mutter Donalds, Mrs. Miller, kämpft ihrerseits in einer bewegenden Szene um ihren Sohn.

Es geht darum, ob Flynn zu weit gegangen ist. Und es geht um Aloysius, die über ihre Zweifel nicht hinauskommt, aber schließlich überreagiert, falsch reagiert, ihr von Fanatismus diktiertes Ziel nur durch eine Falle und eine Lüge erreicht.

Ein theologisch-didaktisches, ethisch-moralisches Stück um Zweifel und Glaube, um liberales Denken und Extremismus kreisend, von John Patrick Shanley, dem Autor des zugrunde liegenden Theaterstückes, für den Film aufbereitet. Wem das Thema weniger liegt, der kann sich an der schauspielerischen Höchstqualität von Meryl Streep (Sister Aloysius), Philip Seymour Hoffman (Father Flynn), Amy Adams (Sister James) und Viola Davis (Mrs. Miller) und sogar an den gut gewählten düster-strengen locations erfreuen.

Thomas Engel