Der große Demokrator

Demokratie ist nicht einfach. Das muss auch der junge Filmemacher Rami Hamze erfahren, der sich selbst als „Der große Demokrator“ inszeniert, der im Kölner Bezirk Kalk bodenständigen Aktionismus entfaltet. Wie schwierig sich das Verteilen von 10.000 Euro für eine sinnvolle Einrichtung gestaltet zeigt Hamze in einer amüsanten, selbstironischem Dokumentation.

Webseite: www.braveheartsinternational.com

Deutschland 2013 – Dokumentation
Regie, Buch: Rami Hamze
Länge: 83 Minuten
Verleih: BraveHearts
Kinostart: 2. Oktober 2014
 

FILMKRITIK:

Die Idee ist einfach: 10.000 Euro will Rami Hamze verteilen. Nicht gerade die Welt, aber doch genug, um das ein oder andere Projekt anzustoßen. Doch wer soll das Geld bekommen, was soll gefördert werden? Schauplatz des sozialen Experiments ist der Kölner Bezirk Kalk, ein auf der rechten, der so genannten Schäl Sick (in etwa: die bekloppte Seite) gelegene Bezirk, lange Jahre als Arbeiterbezirk mit hohem Ausländeranteil verschrien, der langsam einen Aufschwung erlebt und Teil der vielbeschworenen Gentrifizierung geworden ist.

Hier eröffnet Hamze ein Cafe, das Motto seines Projekts prangt deutlich am Schaufenster: Kalk für Alle! Schnell wird das Projekt bekannt, Hamze verteilt auf den Straßen Flugblätter, tritt in regionalen Fernsehsendungen auf und bald kommen die ersten Bewerber: Auf einem kleinen Hügel, der optimistisch „Kalkberg“ heißt, soll ein Karussell aufgebaut werden schlägt jemand vor, eine andere Gruppe möchte auf öffentlichen Plätzen große Boxen aufstellen, in die Bürger Dinge, die nicht mehr gebraucht werden hineinstellen kann, auf das jemand anderes Verwendung für sie findet.

Doch bald merkt Hamze, dass sein Versuch, alle Bürger von Kalk für sein Projekt zu begeistern, scheitert. Kaum ein Kölner mit Migrationshintergrund verläuft sich in den Laden, es scheint, dass nur Vertreter der Bildungsbürgerschicht Interesse daran haben, sich zu engagieren, etwas zu verändern. Die meckern zwar gerne über die Gentrifizierung, die Veränderung des Viertels, die steigenden Mieten, sind aber selbst Teil des Problems, wie treffend analysiert wird: Denn wer einen Begriff wie Gentrifizierung verwendet, der ließt bestimmte Zeitungen, bewegt sich in bestimmten Kreisen und gehört in aller Regel zu der Schicht, die in Bioläden einkauft und fair gehandelten Latte Macchiato trinkt.

Es wird viel geredet und diskutiert und am Ende kommt es bei der Verteilung des Geldes zu einer kontroversen Abstimmung, die auch Rami Hamze vor Augen führt, wie schwierig es doch ist, selbst in so kleinem Rahmen Demokratie zu spielen. Diese Erkenntnis führt der junge Regisseur in seinem ersten Langfilm mit viel Selbstironie und Gespür für Zwischentöne vor Augen. Das es etwa gerade eine türkische Frau mit Kopftuch ist, die als Projektidee Sprachunterricht für Immigranten fordert, oder sich arabische Männer über den so hohen Ausländeranteil in Köln Kalk beschweren, lässt Hamze das unkommentiert stehen und deutet damit an, wie weit die Entwicklung schon vorangeschritten ist, wie brüchig scheinbare Wahrheiten oft sind.

In kaum 80 Minuten reißt Rami Hamze eine Vielzahl von Themen an, schafft es aber dank seiner humorvollen Art, große Leichtigkeit zu bewahren, die „Der grosse Demokrator“ zur Dokumentation eines amüsanten, interessanten sozialen Experiments macht. Das Folgen hatte: Der Projekt-Laden ist inzwischen ein gut laufendes Cafe, ein Treffpunkt für alle Kalker. Das zwar nicht von allen Kalkern benutzt wird, aber man kann eben auch niemanden dazu zwingen, mitzumachen.
 
Michael Meyns