Gleich mit seinem ersten Spielfilm wurde Kai Stänicke mit „Der Heimatlose“ zur Berlinale eingeladen, wo das allegorische Drama als Eröffnungsfilm der Sektion Perspectives gezeigt wurde. Zurecht, denn Stänicke ist ein bemerkenswerter Film gelungen, der mit einfachen Mitteln entstand und zeigt, wie sehr es beim Filmemachen auf Ideen ankommt, auf den Mut, seiner Vision zu folgen und zu vertrauen.
Über den Film
Originaltitel
Der Heimatlose
Deutscher Titel
Der Heimatlose
Produktionsland
DEU
Filmdauer
122 min
Produktionsjahr
2026
Regisseur
Stänicke, Kai
Verleih
DCM Film Distribution GmbH
Starttermin
31.12.2026
Ein Mann kehrt in seine Heimat zurück. Per Boot lässt sich Hein (Paul Boche), Anfang 30, von einem Schiffer auf die Insel bringen, die er vor 14 Jahren verlassen hat. Warum, das ist das Rätsel, das die Handlung antreibt, das Rätsel, das über den seltsamen Ereignissen schwebt die folgen, ein Rätsel, das sich erst ganz am Ende auflösen wird.
Am Strand angekommen fällt Hein auf die Knie, kramt in seinem Koffer, holt einen kleinen Anhänger heraus, der Schlüssel zu seinem Geheimnis ist. Bald begegnet er den ersten Menschen in der kleinen Siedlung, die nur aus ein paar Holzhäusern besteht, in einer unbestimmten Zeit in der Vormoderne, irgendwie irreal, betont universell.
Überraschenderweise scheint niemand Hein zu erkennen, man hält ihn für einen Fremden, nimmt mit einer gewissen Skepsis zur Kenntnis, dass Hein seine Mutter sucht. Doch selbst die alte Frau scheint ihren verlorenen Sohn nicht wiederzuerkennen, auch seine Schwester Heide (Stephanie Amarell) zweifelt. So wird ein Dorfgericht einberufen, um zu entscheiden ob Hein ein Betrüger ist, der sich aus unbekanntem Grund in die Gemeinschaft einschleichen will oder ob er doch der Hein ist, der vor Jahren die Insel verließ.
Um die Wahrheit zu ergründen, sollen sich Hein und Dorfbewohner an Ereignisse erinnern, die vor vielen Jahren stattgefunden haben. Unabhängig voneinander erzählen sie, graben in ihrer Erinnerung, doch diese Erinnerungen unterscheiden sich zum Teil fundamental. Erinnert sich Hein etwa mit Schrecken daran, wie er als Kind vor der versammelten Dorfgemeinschaft einen Fisch ausnehmen sollte und dabei kläglich scheiterte, ist die Erinnerung einer älteren Zeugin ganz anders: Sie erinnert Hein als unbeschwert und mehr als fähig, einen Fisch auszunehmen.
Irritiert bewegt sich Hein durch sein Dorf, durch seine verlorene, verlassene Heimat, sucht nach Antwort auf das Rätsel, zweifelt an sich selbst und alten Freunden. Vor allem Friedemann (Philip Froissant) betrachtet Hein mit Irritation, dabei waren sie einst gute Freunde, zwischen denen ein sehr enges Band bestand. Das zumindest erinnert Hein, doch kann er selbst seiner Erinnerung trauen?
In den Dünen von Norderney hat Kai Stänicke seinen Debütfilm „Der Heimatlose“ gedreht, ein scheinbar banales Setting, das durch interessante stilistische Entscheidung zu einer archaischen Welt wird, die rätselhaft und zeitlos wirkt. Keine kompletten Häuser haben die Bühnenbildner gebaut, sondern Häuser, die nur aus dem Boden und ein, zwei Wänden bestehen, die wie Modelle wirken, wie potemkinsche Häuser.
Man mag hier an Lars von Triers Film „Dogville“ denken, in dem auf ähnliche Weise eine stilisierte, theatralische Welt entstand, die gerade durch ihr irreales Äußeres große Universalität erlangte. Auch Kai Stänicke zeigt die Kulissen immer wieder aus der Vogelperspektive, stellt seine Figuren ganz klein in die Staffage, wo sie mit ihren Sorgen zu verschwinden scheinen.
Ganz langsam entwickelt er das Mysterium, sät mal Zweifel an Heins Ansinnen, mal an der Dorfgemeinschaft, steuert dabei aber souverän und konsequent auf ein ebenso überraschendes, wie prägnantes Ende zu.
Ambitioniert im Ansatz, getragen von einer präzisen Sprache, der es gelingt wie aus ferner Vergangenheit zu wirken und zu moderne Formulierungen zu vermeiden: Ein bemerkenswertes Debüt, das gespannt auf die nächsten Filme von Kai Stänicke macht.
Michael Meyns







