Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

In den vergangenen Jahren dominierte nicht nur hierzulande ein Roman die Bestsellerlisten. Jonas Jonassons Debüt „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ ist ein weltweites Phänomen. Seine Mischung aus lakonischer Satire und intelligenter Geschichtsstunde traf offenkundig einen Nerv. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an die Filmversion, die in Jonassons Heimat Schweden aber längst zum Publikumsliebling avancierte. Kultkomiker Robert Gustafsson spielt darin den rüstigen Greis, der auf ein bewegtes Leben zurückblickt, in dem Wahrheit und Fiktion nicht immer leicht zu unterschieden sind. Sehr ironisch, sehr lakonisch – eine Art skandinavische Antwort auf „Forrest Gump“!

Webseite: www.der-hundertjaehrige-film.de

OT: Hundraåringen som klev ut genom fönstret och försvann
Schweden 2013
Regie: Felix Herngren
Drehbuch: Felix Herngren, Hans Ingemansson nach dem Roman von Jonas Jonasson
Darsteller: Robert Gustafsson, Iwar Wiklander, Mia Skäringer, David Wiberg, Jens Hultén, Alan Ford
Laufzeit: 114 Minuten
Verleih: Concorde
Kinostart: 20.3.14

FILMKRITIK:

Wer seinen 100. Geburtstag feiern darf, der hat vermutlich einiges zu erzählen. Im Fall des rüstigen Methusalems Allan Karlsson (Robert Gustafsson) erscheinen die von ihm genüsslich vorgetragenen Anekdoten aber selbst für eine solche Lebensspanne unglaublich. Es sind Geschichten, die von Zufällen, Umwegen und absurden Verwechslungen zusammengehalten werden. Von der schwedischen Provinz aus zog es Allan einst als Kämpfer in den spanischen Bürgerkrieg, wo er die zweifelhafte Bekanntschaft Francos machte, der offenbar nicht nur ein Faschist sondern auch ein nur mäßig begabter Tänzer war. Später begegnet er unter anderem US-Präsident Harry S. Truman, Atomphysiker Robert Oppenheimer und Josef Stalin. Letzterer, so erfahren wir, sei ein besserer Tänzer als Franco. Aber eigentlich sollten Männer überhaupt nicht tanzen, findet Allan, der mit 99 Jahren nicht ganz freiwillig in ein Altersheim umziehen muss. Dort steigt er an seinem 100. Geburtstag aus dem Fenster seines Zimmers und verschwindet.
 
Allein in Deutschland hat sich Jonas Jonassons satirischer Schelmenroman „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ seit seinem Erscheinen im Jahr 2011 über 2 Millionen Mal verkauft. Schon das ist ein Phänomen und sollte den Erfolg der Kinoumsetzung eigentlich garantieren. In seiner Heimat Schweden brach der Film bereits mehrere Rekorde. Mit Robert Gustafsson, der dank Make-up den etwas naiven Welterklärer Allan vom jungen Mann bis zum keineswegs ruhebedürftigen Greis verkörperte, spielt Regisseur Felix Herngren seinen größten Trumpf dann auch souverän aus. Gustafssons Schlitzohrigkeit, sein Spaß an der Demaskierung von vermeintlichen Autoritäten verbindet ihn mit Jonasson und dessen Erzählkunst, die gerade von ihrer Unaufgeregtheit lebt. Obwohl im Film ganze Kapitel aus Allans wundersamer Lebensgeschichte fehlen – man denke nur an die China-Episode und den Besuch bei Mao Zedong –, so atmet die Umsetzung doch stets den charmant-rebellischen Geist des Romans.
 
Gegenüber Allans immer leicht aus der Realität entrückten Abenteuern, bei denen wir mit großem Augenzwinkern und schwarzen Humor einen neuen Blick auf das Weltgeschehen des letzten Jahrhunderts erhalten, fällt die kriminalistische Rahmenhandlung erwartungsgemäß ab. Die Jagd auf einen Geldkoffer, den sich eine ziemlich unfähige Rockerbande mit allen Mitteln zurückholen will, ist nicht mehr als ein narrativer Steigbügel für Allans Geschichten. Sie unterhält und ist doch schnell vergessen. Dafür sieht man Gustafsson mit umso mehr Freude zu, wenn er wie ein schwedischer Forrest Gump durch die Zeit und die wechselvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts stolpert. Eine gewisse Nähe zur berühmten Hollywood-Figur lässt sich nicht leugnen, wobei Jonassons Alter Ego eindeutig der größere Kindskopf ist. Denn wo Allan auftaucht, sind Anarchie und Chaos meist nicht weit.
 
Es greift daher zu kurz, ihn lediglich als die schwedische Antwort auf Zemeckis’ Oscar-Erfolg zu etikettieren. Bereits die lakonische, sehr skandinavische Erzählhaltung unterscheidet sowohl den Roman als auch die insgesamt gelungene Kinofassung von jenem Produkt der Traumfabrik. Dass letztere nicht jede sprachliche Finesse zu transportieren vermag, liegt zum Teil auch in der Natur der Sache. Zwei unterschiedliche Medien können nie deckungsgleich sein. Immerhin gelingt es Herngren, mit sanfter Ironie und durchaus lauteren Zwischentönen ein großes Abenteuer nachzubauen. Und bei allen, die Jonassons Roman bislang nicht kannten – sollte so etwas überhaupt möglich sein –, steigt nach Filmende unweigerlich die Lust, mit diesem Allan Karlsson noch etwas mehr Zeit zu verbringen. Genug zu erzählen dürfte er haben.
 
Marcus Wessel