Der Junge mit dem Fahrrad

Erneut zeigen sich die mehrfach preisgekrönten Belgier Luc und Jean-Pierre Dardenne als Meister wirklichkeitsnaher Alltagsdramen vom Rande der Gesellschaft. Auch in „Der Junge mit dem Fahrrad“ bleibt das Regisseurs-Duo seinem sozialrealistischen Ansatz treu. Gleichzeitig schaffen die Dardenne-Brüder dabei stilsicher perfekt komponiertes, emotional eindringliches Erzählkino über bedingungslose Liebe und den verzweifelten Versuch, im Leben nicht allein zu bleiben. In ihrem modernen Märchen brillieren der junge Thomas Doret, eine Entdeckung der wallonischen Autorenfilmer, und Schauspielerin Cécile de France, die zuletzt in Clint Eastwoods “Hereafter – Das Leben danach” zu sehen war.

Webseite: www.alamodefilm.de

Frankreich, Italien, Belgien 2010
Regie und Buch: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Darsteller: Cécile de France, Jérémie Renier, Fabrizio Rongione, Thomas Doret, Egon Di Mateo
Länge: 87 Minuten
Verleih: Alamode Filmverleih
Kinostart: 9. Februar 2012

PRESSESTIMMEN:

Schnörkellos, berührend und überraschend komisch.
STERN

Ein warmherziger, witziger Film, der den Zuschauer daran teilhaben lässt, wie Freundschaft, Vertrauen und Liebe entstehen.
DER SPIEGEL

Wahrhaftige Kunst.
Berliner Zeitung

Wer kein Herz hat, dem geht es auch hier nicht über.
Die Zeit

Man kann die Welt mit einem Film nicht erklären und vielleicht auch nicht besser machen. Aber ein wenig schö­ner machen kann man sie doch.
Süddeutsche Zeitung

Ein märchenhaftes Sozialdrama, das uns den Glauben an das Gute zurückgibt.
Cinema

FILMKRITIK:

Cyril (Thomas Doret) will nicht wahrhaben, dass sein Vater (Jérémie Rennier) ihn ins Heim abgeschoben hat. Immer wieder bricht der 12jährige aus. Verzweifelt sucht der Junge nach ihm und seinem geliebten Fahrrad. Dieses Fahrrad ist sein Anker in eine Welt, in der für ihn noch alles in Ordnung schien. Als plötzlich Samantha (Cécile de France) im Heim auftaucht und ihm sein verschwundenes Rad zurückbringt schöpft der verschlossene Junge neue Hoffnung. In der Friseurin gewinnt er eine Verbündete, die echtes Interesse an ihm zeigt.

Die lebenslustige Frau nimmt Cyril an den Wochenenden zu sich. Behutsam versucht sie, sein Vertrauen zu gewinnen und macht sich mit ihm auf die Suche nach seinem Vater. Doch der will nichts von seinem Sohn wissen. Obwohl Samantha merkt, dass sie die Rolle als Ersatzmutter an ihre Grenzen bringt, gibt sie nicht auf. Sie wird nicht müde, Cyril so lange Wärme und Zuneigung zu schenken, bis sie endlich das Gefühl hat, zu ihm durchzudringen. Gerade als Cyril beginnt, ihre Nähe zuzulassen, schlägt das Schicksal jedoch noch einmal unbarmherzig zu.

Seit ihren Filmen „Rosetta“ (1999) und „Das Kind“ (2005), die jeweils mit der Goldenen Palme von Cannes ausgezeichnet wurden, gelten die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne als Meister des realistischen Sozialdramas. Es sind immer die Verlierer am Rande der Gesellschaft, von denen die „Sozialarbeiter des Kinos“ in ihren eindringlichen Milieustudien erzählen. Stets streben sie dabei größtmöglichen Realismus an. Meist arbeiten die beiden mit eher unbekannten Schauspielern oder Laiendarstellern. Zum ersten Mal drehten die Autorenfilmer nun mit einem prominenten Star in der Hauptrolle, der in Frankreich überaus populären und erfolgreichen Cécile de France.

Obwohl nicht ganz klar wird, welches Motiv ihre Figur im Film antreibt, überzeugt die belgische Schauspielerin in jeder Szene. Mit Cédric Klapischs Komödie "L’ auberge espagnole – Barcelona für ein Jahr“ feierte die 36jährige Wahlfranzösin ihren Durchbruch. Ebenso überzeugend war ihr Auftritt in „Hereafter – Das Leben danach“, dem übersinnlichen Thriller von Clint Eastwood. „Sei nicht traurig, wenn es anders wird, als du es dir erträumst“, sagt Samantha zu Cyril, als sie auf dem Weg zum abgetauchten Vater sind. „Ich träume nie“, antwortet er. Tatsächlich ist in Cyrils Leben kein Platz für Träume. In seiner Welt fehlt die Unbeschwertheit. Nur auf seinem Fahrrad fühlt Cyril so etwas wie Freiheit und Unabhängigkeit. Der junge Thomas Doret, eine Entdeckung der europäischen Autorenfilmer, spielt seine Jagd nach Zuneigung sehr authentisch.

„Es geht darum, ob die Liebe einer Frau stärker ist“, verrät das Regisseurs-Duo Dardenne, „als die Wut und Enttäuschung eines Jungen“. Mit der Kamera bleiben die einstigen engagierten Video-Pioniere auch jetzt wieder dicht an ihren Schauspielern. Vom Anfang bis zum Ende beobachten die Wallonen ihre Protagonisten so intensiv, bis sich die Geschichten wie von selbst entfalten. Von voyeuristischer Effekthascherei oder Sentimentalität keine Spur. Perfekt verbinden sie radikale Nüchternheit und tiefste Empfindsamkeit. Raum für Hoffnung gab es auch schon in ihren früheren Filmen. Diesmal freilich endet ihr sehenswertes, modernes Märchen wohltuend optimistisch. Und die Botschaft lautet mehr denn je: Wir brauchen andere, um im Leben klar zu kommen.

Luitgard Koch

Lüttich, Belgien. Der etwa 13jährige Cyril wohnt dort. Aber er hat kein gemütliches, keine Wünsche offen lassendes Zuhause. Er musste lange im Heim leben. Sein einziger Besitz ist ein Fahrrad.

Samantha übernahm jetzt für ihn die Vormundschaft. Cyril aber will unbedingt seinen Vater finden, sucht lange, wird jedoch dann von ihm abgewiesen.

Er ist ein wilder Kerl. Samantha tut sich schwer mit ihm. Er gerät in die Gesellschaft des „Dealers“, der mit ihm Überfälle trainiert. Tatsächlich lässt Cyril es soweit kommen. Er schlägt einen Mann und seinen Sohn Martin nieder. Das Geld, das er dabei stiehlt, ist ihm nicht wichtig. Er will es seinem Vater bringen, doch der weist ihn erneut ab.

Der Vorfall und die anschließend von der Richterin geforderte Entschuldigung bringt Cyril endlich weiter. Er nähert sich Samantha an, will bei ihr bleiben.

Gänzlich seinen Frieden findet er allerdings noch nicht. Denn Martin hat Cyril erkannt, verfolgt ihn, will sich auf jeden Fall rächen. Beinahe kommt es zur Tragödie. Glücklicherweise nur beinahe.

Cyril kann jetzt vielleicht doch einer lebenswerten Zukunft entgegensehen.

Zwei Punkte sind es vor allem, die einem diesen Film sozusagen ans Herz legen: das Thema verlassener, unglücklicher, sich auflehnender Kinder – sowie des Schutzes und des Verständnisses deren sie bedürfen.

Dann das Spiel des Jungen, des Thomas Doret, der mit der Verkörperung der Rolle des Cyril eine Darstellung abliefert, die erstaunen macht.

Jean-Pierre und Luc Dardenne sind die Regisseure. Über ihre filmischen Fähigkeiten braucht nicht mehr allzu viel gesagt zu werden. Einen gewöhnlichen, uninteressanten Film haben sie noch nie geschaffen. Im Gegenteil. So auch dieses Mal: aktuell, einfühlsam, sicherlich von einem gewissen filmischen Rang.

Thomas Engel