Der Kuaför aus der Keupstraße

Der Prozess gegen die NSU nähert sich langsam dem Ende, die erwartbaren Verurteilungen könnten den Opfern der Anschläge zumindest ein Stück späte Gerechtigkeit geben. Das Leid, das manche von ihnen erlitten, ging jedoch nicht nur von den Rechtsterroristen aus, sondern auch vom deutschen Staat, wie Andreas Maus in seiner sehenswerten, anklagenden Dokumentation "Der Kuaför von der Keupstraße" nachzeichnet.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Deutschland 2015 – Dokumentation
Regie, Buch: Andreas Maus
Länge: 110 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 25. Februar 2016
 

FILMKRITIK:

Es hätte einer der verheerendsten Anschläge der NSU werden können, wie durch ein Wunder kam jedoch niemand ums Leben, als am 9. Juni 2004 in der Kölner Keupstraße eine auf dem Gepäckträger eines Fahrrads angebrachte Nagelbombe explodierte. Abgestellt war das Fahrrad vor dem Frisörsalon von Özcan Yildirim, der zur Tatzeit nicht selbst in seinem Geschäft war. Sein Bruder Hasan wurde jedoch verletzt, ebenso wie 20 weitere Passanten und Anwohner. Während für die Betroffenen, größtenteils Deutsch-Türken und Migranten, klar war, dass es sich um einen Anschlag mit fremdenfeindlichen Motiven handeln musste, schloss die Polizei und auch der damalige Innenminister Otto Schilly rechtsradikale Täter dezidiert aus. Warum, das ist eine immer noch offene Frage, die tief in das Feld von Verstrickung möglicher V-Männer führt und vielleicht nie dezidiert beantwortet werden wird.

Ermittelt wurde von Anfang an ausschließlich im Umfeld der Besitzer des Frisörsalons, den auch etliche "kräftige" Männer frequentierten, die der Türsteherszene zugeordnet wurden. Dass diese Szene nicht ganz ohne ist und des öfteren mit (organisierter) Kriminalität in Verbindung steht, lässt diese Ermittlung fraglos als gerechtfertigt erscheinen: Der Skandal bestand darin, dass ausschließlich in diese Richtung ermittelt wurde, auch als längst klar gewesen sein muss, dass die Brüder Yildirims weder Schulden hatten noch Schutzgeld gezahlt oder sonstige Probleme hatten.

Die polizeilichen Verhören zu verfolgen, die Maus mit Schauspielern nachsprechen lässt, ist empörend: So einseitig fragen die Beamten, so offensichtlich verdächtigen sie die Yildirims, so grotesk und skandalös ist ihr Verhalten, dass es gar nicht notwendig gewesen wäre ,ihren Stimmen noch ein betont sinisteres Tremolo zu verleihen, wie es Maus bedauerlicherweise tut. Abgesehen von diesem unnötig tendenziösen Eingriff ist seine Dokumentation jedoch betont distanziert, durch und durch neutral, auch wenn seine Position eindeutig ist.

Er lässt zahlreiche Anwohner und Geschäftsleute aus der Keupstraße zu Wort kommen, die in erstaunlich gefasster Manier über das moralische Unrecht berichten, das ihnen in Folge des Angriffs auf ihr Leben widerfuhr. Mag sein, dass sich in diesem fast schulterzuckenden Hinnehmen von Ungerechtigkeit und Misstrauen seitens der deutschen Behörde eine Realität zeigt, mit der diese Deutschen zu leben gelernt haben.

Erst Jahre später, mit der Aufdeckung der NSU 2008, begann sich das Bild zu wandeln, wurden offizielle Entschuldigungen ausgesprochen, Fotos mit der Kanzlerin gemacht, während beim 2014 zum ersten Mal veranstalteten Straßenfest in der Keupstraße sogar der Bundespräsident für ein paar Minuten im Frisörsalon verweilte. Immerhin ein wenig Gerechtigkeit, doch ob sich an der grundsätzlichen Haltung der Deutschen zu Migranten, Fremden, Asylbewerbern wirklich etwas geändert hat, dass wird gerade in diesem Jahr ein Thema bleiben. Insofern ist Andreas Maus Dokumentation "Der Kuaför aus der Keupstraße" neben vieler anderer Qualitäten auch ein höchst zeitgemäßer Film, der viel über diese Land erzählt.
 
Michael Meyns

Am 09. Juni 2004 detoniert vor einem türkischen Friseurgeschäft in der Kölner Keupstraße eine Nagelbombe, die 22 Personen verletzt. Erst Jahre später kann das Attentat dem NSU zugeordnet werden. In seinem aufwühlenden Film „Der Kauför aus der Keupstraße“ kehrt Regisseur Andreas Maus nun zurück zum Ort des Schreckens. Er zeigt auf, wie die Menschen und Opfer von damals die Geschehnisse verarbeitet haben und sich ihr Alltag heute gestaltet. Die sehenswerte, da kritische und die Ereignisse umfassend beleuchtende Doku legt ihren Schwerpunkt auf die Darlegung der Ermittlungsarbeiten im Anschluss. Diese gestalteten sich als schlampig und einseitig. Sie zeigen auch heute noch die kaum fassbare Vorein-genommenheit sowie die Vorurteile der Ermittler auf.

Die Keupstraße ist so etwas wie das Zentrum des türkischen Lebens, vor allem des Geschäftslebens, im Kölner Stadtteil Mühlheim. Der 09. Juni 2004 veränderte das Leben der dortigen Geschäftsleute, Ladeninhaber und Bewohner grundlegend. Um 16 Uhr detoniert ein mit Zimmermannsnägeln und Schwarzpulver gefüllter Sprengsatz direkt vor dem Schaufenster des Friseursalons „Kuaför Özscan“, in dem die Brüder Özcan und Hasan Yildirim arbeiten. Die Folgen des Anschlags: 22 Menschen werden verletzt, vier davon schwer. Der Laden ist völlig zerstört. Erst Jahre später kann der Anschlag dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) zugeschrieben werden.

Bis es aber soweit ist, vergehen sieben Jahre. Denn zunächst gelten die Yildirims selber als Verdächtige. Später dann sind sich die Beamten sicher, hinter dem Anschlag stehe organisierte Kriminnalität oder ein Familienstreit. Ein terroristischer oder fremdenfeindlicher Hintergrund wird jahrelang fast kategorisch ausgeschlossen. Auch auf diesen Umstand – die fehlende Weitsicht und die Voreingenommenheit der Beamten – geht die eindringliche Dokumentation „Der Kuaför aus der Keupstraße“ ausgiebig ein. Rundfunkjournalist und Regisseur Andreas Maus kehrt zehn Jahre nach dem brutalen Angriff des NSU zurück in die Keupstraße und spricht mit den Opfern. Für Maus ist es nach „Ballada“ von 2009, die zweite Kino-Dokumentation.

Zu Beginn des Films zeigt Maus in langen Einstellungen einige der Geschäftsleute der Keupstraße in ihren Läden, im Kiosk, Friseurgeschäft, in der Dönerbude, in der Küche des Restaurants. Sie sehen friedlich und bestimmt aus, aber in ihnen ist der Schrecken und sind die Gedanken an den 09. Juni noch nicht gewichen. Und sie werden es vermutlich auch nie. Sie alle haben den Anschlag entweder aus nächster Nähe mitbekommen, gesehen oder ihn zumindest gehört. Die Bombe war willkürlich vor dem Friseurladen platziert worden, auch jedes andere Geschäft hätte Opfer des Nagelbombenanschlags werden können.

In ausführlichen Gesprächen, lässt Regisseur Maus die Betroffenen vom schlimmsten Tag ihres Lebens berichten. Dazwischen blendet er immer wieder Original-Aufnahmen vom Anschlagstag ein, die z.B. zeigen, wie die Opfer blutüberströmt vom Rettungsdienst abtransportiert werden. Es sind verstörende und brutale Bilder, die man so schnell nicht vergisst. Auch, weil sie sich mitten Deutschland abspielen, in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Die Attentäter wollten, wie es Özcan Yildirim an einer Stelle des Films sagt, ein größtmögliches „Blutbad unter den Menschen anrichten.“ Es gleicht einem Wunder, das niemand getötet wurde. Den Aufhänger des Films bilden Aufnahmen zur Gedenkfeier des zehnjährigen Jahrestags des Anschlags, bei dem auch Bundespräsident Gauck anwesend war.

In erster Linie kann man „Der Kuaför aus der Keupstraße“ aber als kritische Reflexion und Bewertung der schlampigen und von Vorurteilen gegenüber den Anwohnern und den Inhabern geprägten Ermittlungen verstehen. Aufwendig und detailliert rekonstruiert der Film die Ermittlungen der Polizei anhand der Verhörprotokolle. Dabei greift Maus auch auf die Möglichkeit der szenischen und darstellerischen Umsetzung der Protokolle zurück, in dem er Schauspieler etwa die Verhöre durch die Beamten akribisch genau nachstellen lässt und für den Zuschauer deutlich macht. Ein sieben Jahre währender, turbulenter und konfuser Ermittlungsirrsinn wird losgetreten. Die ganze Absurdität wird allein schon an der Frage deutlich, die die Beamten Inhaber  Özcan Yildirim als erstes stellen, nachdem sie am Anschlagsort eingetroffen waren. Es ist eine Frage, die an Ressentiments, Willkür und Befangenheit gegenüber ausländischen Mitbürgern kaum zu überbieten ist.
 
Björn Schneider